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Begeistert von Tweed

Modeblogs und Männlichkeitsideale widersprechen sich? Macho-Modeblogger mit einer maskulinen oder traditionell-männlichen Vorstellung von Style beweisen das Gegenteil.
nadja-schlueter

Angestrichen:
„Not every fashion blogger is a 15-year-old girl with an unhealthy obsession with Rei Kawakubo. Some are older. And some are men."

Wo steht das?
In der New York Times, die fünf männliche Modeblogger porträtiert hat. Bisher, so die These, wurden Modeblogs primär von Mädchen sowie metro- und homosexuellen Männern geschrieben. Nun weitet sich der Autorenkreis auf Männer aus, die einen extrem maskulinen Blick auf die Mode werfen. Die NYT nennt diese Autoren „macho fashion-bloggers", die für eine „post-metrosexual world" schreiben.

Und wie genau sieht das aus?
Die Autoren dieser maskulinen Blogs, sind „Männer, die auch mal ein Auto posten, undenkbar bei einem Großteil der von Männern betriebenen Modeblogs", wie es David von Dandy Diary treffend zusammenfasst – einem deutschen Männer-Modeblog, in dessen Beschreibung es dem üblichen Bild entsprechend heißt: „Dandy Diary ist ein Modeblog für Männer, Frauen und Ladyboys." Ladyboys tauchen auf den in der New York Times vorgestellten Seiten ganz sicher nicht auf. In dem kurzen Steckbrief, den jeder der fünf Blogger ausgefüllt hat, steht bei Mordechai Rubinstein, dem Autor von Mister Mort, unter dem Punkt „Dislike": „men who are getting too pretty".

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Rubinstein füllt sein Blog hauptsächlich mit Outfit-Fotos von der Straße. Keine unübliche Methode für einen Fashionblogger. Dafür sind die Motive umso unüblicher: Oft sind es kernige Typen oder alte Männer und sie tragen zum Teil wilde Kombinationen aus zu kurzen Hosen, Jacketts und Hüten. Eine Fotostrecke widmet Rubinstein einem alternden Musiker, der komplett in Tweed gekleidet ist. Auf diesem Blog tauchen auch die erwähnten Autos auf, allerdings nicht bloß schicke Designer-Karren, sondern gerne auch leicht angerostete Pick-Ups. Sogar Hausboote finden hier ihren Platz – und der Hausbootbesitzer, der Socken in Flip-Flops trägt, bekommt ebenfalls ein Foto. Eigentlich hätte man das als schlechten Geschmack abgetan, bei Rubinstein wird es zum Style. Er scheint uns sagen zu wollen: So sehen echte Kerle aus, sie fahren robuste Autos und tragen nur das, was ihnen in den Kram passt und was man notfalls auch mit Öl beschmieren kann. Rubinsteins Modelle sind meilenweit entfernt von der nächsten Fashionweek und den Männern auf dem Laufsteg, denen La Liste des Desiderata oder Lynn and Horst ganze Fotostrecken widmen.

Viel besser noch als Mister Mort entspricht aber A Continuous Lean der Vorstellung eines Macho-Blogs. Dessen Autor, Michael Williams, sieht so gar nicht wie eine Mode-Ikone aus: Ein fülliger Mittdreißiger, den man sich gut mit einer Bierdose im Footballstadion vorstellen kann. Aber gerade er hat laut New York Times einen „type" kreiert, seinetwegen tragen Männer Selvage-Denim-Jeans, Barbour-Jacken und Red Wing Boots. Auf seinem Blog findet man von der Vintage-Levi's über Outdoor-Mode bis zu Videos übers Jagen oder Anleitungen, wie man beim Militär seine Pritsche richtig herrichtet, alles, was das von Männlichkeitssymbolen erfüllte Herz begehrt.

Irgendwo zwischen Rubinsteins Straßenstyles und Williams absoluter Macho-Mode bewegen sich die anderen porträtierten Männer-Modeblogs. Überall finden sich Anzüge, Hüte und festes Schuhwerk. Das Angenehme daran ist, dass meist keine Männermagazin-Atmosphäre aufkommt. Einzig das Jake Davis Blog bedient sich Frauen in sexy Posen und nackter weiblicher Pos. Ansonsten aber präsentiert sich das Machotum auf diesen Seiten vielmehr als Style und modische Vorliebe denn als Lebenseinstellung. Die Begeisterung der Blogger für einen Tweedanzug oder einen „perfectly pinched chapeau" ist genauso ernsthaft wie die einer weiblichen Modebloggerin über dieses eine total individuelle Outfit. Die Macho-Blogs sind keine Persiflage der typischen Fashionblogs, sondern reihen sich in deren Tradition ein – sie konzentrieren sich bloß auf eine andere Mode. Und statt feengleicher Mädchen und Jungs mit weichen Gesichtern sieht man eben wettergegerbte oder untersetzte Männer und breitbeinig mit verschränkten Armen dastehende Jungs, die niemals eine Röhrenjeans tragen würde. Durch Rubinstein, Williams und ihre Kollegen ist das detailverliebte und öffentlich ausgestellte Interesse für Mode auch bei denen salonfähig geworden, die sich als echte Kerle sehen.

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