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Das Lebensnetz

Wäre es nicht praktisch, sein gesamtes digitales Leben auf einer Plattform zu ordnen? Ein Ingenieur und Blogger träumt von einem solchen Supertool, und will sich nicht länger in die Hand großer Firmen mit fragwürdigen Geschäftsmodellen geben.
christian-helten

Angestrichen:
Ich denke, es ist Zeit für ein weiteres gemeinschaftliches Projekt wie die Wikipedia, eine Art “Wikipedia für das Miteinander”.

Wo steht das denn?
Auf Medao.de, dem Blog von Sönke Bode-Kirchhoff. Er ist Diplomingenieur für Architektur, auf netzwertig.com, das seinen Text ebenfalls veröffentlichte, wird er als „interessierter Beobachter der Evolution des Netzes“ beschrieben.

Was will er damit sagen?
Bode-Kirchhoff träumt von einer Art Supertool, einem „Lebensnetz“, das uns ermöglicht, unser gesamtes digitales Leben zu ordnen und dessen Teile logisch und nutzerfreundlich miteinander zu verknüpfen. Mehr noch, auf seinem Blog schreibt er: „Das Netz als gesellschaftliches Steuerungsinstrument einzusetzen und noch stärker als tägliches Werkzeug zu nutzen. Das ist mein Traum.“ Er zeichnet die Grundzüge einer Utopie und stellt seine Ideen zur Diskussion.

Und was steckt dahinter?
Bode-Kirchhoff spricht von einem „Wikipedia für das Miteinander“. Denn einer der Ausgangspunkte seiner Überlegungen ist das Gefühl einer Zerfieselung unserer digitalen Identitäten. Wir haben Accounts in mehreren sozialen Netzwerken. Wir kommunizieren über Twitter, die Chatfunktionen von Facebook oder Google Plus, über Dienste wie Skype, WhatsApp, über private und geschäftliche Mailadressen. Wir ordnen unsere Termine auf Smartphones und planen Ausflüge oder Treffen über Doodle-Links, wir nehmen an Diskussionen in Communitys und Foren teil oder führen sie unter Links von Freunden auf Facebook oder unter Artikeln im Netz. Das alles sind ganz schön viele Dinge, sie verwirren, weil sie nebeneinander existieren und sich nur an manchen Schnittstellen berühren, weil immer neue Tools und Netzwerke hinzukommen und man nicht genau weiß, wie lange sie überhaupt Bestand haben werden. Bode-Kirchhoffs Diagnose: „Kommunikation, Aufgabenverwaltung, Dokumentation und soziale Welten sind noch nicht vereint.“ Es fehle ein „freies Werkzeug, das mein Leben mit allen (möglichen) Anforderungen bedient.“

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Bode-Kirchhoff hat sich viele Gedanken gemacht, er nähert sich seiner „Lebensnetz“-Utopie in mehreren Teilbereichen an: Organisation, Wertemuster und Wirkung. Wie genau dieses gelobte Land des Lebensnetzes aussehen soll, geht daraus nicht hervor, die Überlegungen sind noch ziemlich theoretischer Natur. Wie und mit wem man den Weg dorthin gehen sollte, ist aber schon zu erahnen. Es soll ein Gemeinschaftsprojekt werden, ein Schwarmprodukt nach dem Wikipedia-Vorbild.

Denn hinter den Wünschen des Ingenieurs steckt ein weiterer Gedanke: Die Abneigung dagegen, sein digitales Leben voll und ganz in die Hand riesiger Konzerne zu geben und nicht genau zu wissen, was die mit den Inhalten dieses Lebens eigentlich vorhaben. Kirchhoff wünscht sich ein System, „das nicht den Nutzen in den Nutzern sieht, sondern deren Nutzer es selbst füreinander schaffen.“

Mit diesem Wunsch ist er nicht alleine. Die Skepsis gegenüber der Datenkrake Google war immer schon groß, Facebook hat in den vergangenen Jahren ebenfalls einige Punkte auf dem Vertrauenskonto eingebüßt. Erst kürzlich empörten sich die Twitternutzer, dass der Kurznachrichtendienst Werbung einführen wollte. Die IT-Branche schrie auf, als bekannt wurde, dass Twitter seine Schnittstelle, die den ungefilterten Datenstrom auch für andere kostenlos anzapfbar macht, in Zukunft restriktiver handhaben will.

Dalton Caldwell, einer der Pioniere des Web 2.0, hat diese Debatten in den vergangenen Wochen noch befeuert. Er hat Facebook und Twitter dafür kritisiert, sich mehr und mehr zu verschließen und damit die Interessen ihrer Nutzer zu missachten. Der Druck, ihren Reichweitenerfolg endlich in Geld umzusetzen, machte sie zu Dienern der Werbeindustrie. Mehr noch: Caldwell hat das Projekt App.net angekurbelt, einen Nachrichten-Dienst mit offener Schnittstelle, dessen größter Unterschied zu Twitter und Co. darin besteht, dass das Geld dafür von den Nutzern kommen soll und nicht von Werbekunden. Der Grund für dieses Modell lässt sich mit einem alten Stammtisch-Spruch erklären: Wer zahlt, schafft an. Wenn also die Nutzer zahlen, so Caldwell, richtet sich der Dienst nach den Interessen der Nutzer und nicht nach denen der Werbekunden. Caldwell sammelte für sein Vorhaben online Geld ein. Bis jetzt, wenige Tage vor Ende der Sammel-Phase, hat er fast 200.000 Dollar bekommen. Vielleicht stammen ein paar davon sogar von Sönke Bode-Kirchoff.

Text: christian-helten - Illustration: Katharina Bitzl

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