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Ein Lehrstück des Scheiterns

Michael Eisler ist mit seinem Start-up gescheitert. Er hätte sich dafür schämen können. Stattdessen schreibt er offen über die Niederlage. Wieso tun wir das nicht öfter?
christian-helten
  • 962232



Angestrichen:
Ich hatte zwar eine Vision, eine Vision von einem Unternehmen und wie das Unternehmen und der Erfolg aussieht, aber ich hatte keine Vision von dem Produkt, das die Welt ein Stückchen besser machen sollte. Vielleicht eine Vision, aber keine Wegbeschreibung. Schlechte Kombination.  

Wo steht das denn?
In einem sehr langen Blogeintrag des österreichischen Start-up-Gründers Michael Eisler. Er hat 2010 mit 28 Jahren das IT-Unternehmen „Wappwolf“ gegründet, einen Web-Dienst, der – vereinfacht gesagt – in Online-Speichern wie Dropbox automatisiert Befehle ausführt. Vor Kurzem wurde klar: Das Start-up ist gescheitert. Der Blogeintrag ist eine Art Abschiedsbrief eines jungen Unternehmers, der es nicht geschafft hat und aufschreibt, warum aus seiner Idee nicht das nächste große Ding wurde.  

Was will er damit sagen?
Der Blogeintrag ist zum einen eine Mischung aus Jungmanager-Gedanken und Fachsimpelei aus der IT-Branche. Wer in keiner dieser Welten zu Hause ist, wird vieles nicht verstehen und manches seltsam bis unsympathisch finden. Aber zum anderen ist er ein Geständnis der Fehler, die Eisler und seine Mitgründer gemacht haben. Eisler resümiert in einer fast unglaublichen Offenheit, was wann warum falsch gelaufen ist. Der Text solle keine Anleitung sein, schreibt Eisler, er habe auch keine Tipps und Weisheiten darin verpackt, sondern einfach nur seine Geschichte aufgeschrieben. Er schreibt an mehreren Stellen, dass die Idee nicht schlecht war, die dem ganzen Unternehmen zu Grunde lag. Dass er trotzdem gescheitert ist, macht seine Geschichte interessant.

Und was bedeutet das?
Die Welt der Start-ups ist eine seltsame. Alle sind auf der Suche nach Ideen, die das nächste große Ding werden. Die sich verbreiten, die Menschen begeistern und massenweise anziehen, und irgendwann mal wahnsinnig viel Geld wert sind. In dieser Welt werfen viele, vor allem junge Menschen ihre Ideen in den Ring, die Geldgeber picken sich diejenigen heraus, von denen sie sich Erfolg versprechen. Es ist ein Spiel, eine Wette, ein Risiko. Manche Unternehmen gehen zu Grunde. Manche werden innerhalb eines Jahrzehnts zu einem weltweiten, mächtigen Konzern wie Google oder Facebook. Vor kurzem haben sich auch deutsche Politiker auf der Hightech-Messe CeBIT mit der Start-up-Szene befasst. Der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück fragte sich, warum aus Deutschland eigentlich keine solchen Erfolgs-Start-ups kämen, und lieferte die Antwort gleich mit: Es fehle eine Kultur des Scheiterns. Etwas in den Sand zu setzen, gehört dazu, so der Gedanke. Dabei lernt man, macht Erfahrungen und der nächste Neuanfang ist dann vielleicht der große Wurf. Mit einer Unternehmensgründung pleite gegangen zu sein, muss kein Makel sein. Im Gegenteil: Wer gescheitert ist, weiß, wie man es nicht macht. 

Der erste Schritt zu einer solchen Kultur des Scheiterns muss es sein, seine Fehler offen benennen zu können. Sich nicht voll Scham zu verstecken, sondern zu sagen: „Ja, Mist, war ziemlich bescheuert. Damals wusste ich es nicht besser.“ Genau das tut Eisler. Er gräbt das vollkommen peinliche und dilettantische alte Video aus, in dem er die Geschäftsidee erklärt. Er hinterfragt seine Motivation bei der Unternehmensgründung („Rückblickend erscheint es mir heut so, als suchten wir einfach die Abwechslung“) und beschreibt die Selbstüberschätzung, der seine Kollegen und er sich ergaben. Sie merkten nicht, dass sie wichtige Schritte ausließen und nicht mal den Markt analysiert hatten. Sie merkten nicht, dass nicht mal die Mitarbeiter ihres Unternehmens ihre App wirklich benutzten. Sie merkten nicht, dass vielleicht niemand ihre Idee überhaupt verstand: „Wir waren in dieser Zeit nicht mal in der Lage, zwei von zehn Leuten zu erklären, was wir eigentlich wirklich machen“, schreibt er und fragt: „Wie konnte ich das nur zulassen?“ 

Eislers Abschieds-Blogeintrag ist sicher kein sprachliches Meisterwerk. Aber er liefert einen spannenden Einblick in die Welt eines Start-ups, in das Auf und Ab einer Firmengründung und die Phasen von Größenwahn und Verzweiflung. Wer jemals mit dem Gedanken spielt, ein Start-up zu gründen, sollte vielleicht mal reinlesen.


Text: christian-helten - Foto: lumamarin / photocase.com

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