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"Ich finde es total scheiße"

Ein neunjähriges Mädchen schreibt einen Leserbrief an die Zeit. In Schönschrift. Es hat die Debatte um die sprachliche Bereinigung von Kinderbuch-Klassikern verfolgt und möchte nun selbst gehört werden.
hakan-tanriverdi

Angestrichen: 
 „ICH finde es total scheiße, dass das Wort in Kinderbüchern bleiben soll, wenn es nach euch geht. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sich das für mich anfühlt, wenn ich das Wort lesen oder hören muss. Es ist einfach nur sehr sehr schrecklich. Mein Vater ist kein N**** und ich auch nicht.“  

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Wo steht das?
Diese Sätze wurden geschrieben von der neunjährigen Ishema Kane. Sie sind Teil eines Beschwerdebriefs, den Ishema an die Wochenzeitung „Die Zeit“ geschickt hat. In deren letztwöchigen Ausgabe hat der Journalist Ulrich Greiner eine rhetorische Frage gestellt: Wie solle man es nennen, wenn ein Buchverlag plant, Formulierungen, "die als verletzend empfunden werden können, durch neutrale zu ersetzen"? Was sei das, wenn nicht Zensur?  
Die Mutter von Ishema habe die Ausgabe gekauft und den Artikel für ihre Tochter zusammengefasst. "Ishema hat sehr emotional reagiert," sagt Katharina Lobeck Kane, "sie hat sofort angefangen zu weinen, sich weggedreht, rumgeschimpft und ihr absolutes Unverständnis geäußert." Anschließend habe sich Ishema ins Bett gelegt. Sagt Katharina Lobeck Kane, die Mutter. Am nächsten Morgen habe Katharina ihrer Tochter gesagt, dass es in der Gesellschaft auch möglich sei, die eigene Meinung mitzuteilen. Also hat Ishema sich einen Stift genommen und den Brief verfasst, bei dem die Redaktion sich glücklich schätzen solle, dass er in Schönschrift geschrieben ist.  

"Den Brief hat Ishema komplett selbst geschrieben", sagt Lobeck Kane. Ishema habe ihre Mutter lediglich gefragt, ob sie mit "Doofe Redaktion" anfangen solle oder mit "Liebe Redaktion". Da habe die Mutter gesagt, dass man höflich bleiben müsse, selbst wenn man sich beschwert. Anschließend hat Lobeck Kane den Brief eingescannt und sowohl an die Redaktion geschickt (bis dato keine Reaktion) als auch auf Facebook gepostet (inzwischen mehr als 2.500-mal geteilt.)  

Die Ausgabe der Zeit wird sehr intensiv diskutiert. Ähnlich wie Ulrich Greiner argumentieren, in der Vehemenz und Wortwahl zwar unterschiedlich, doch im Tenor gleich, der "Spiegel Online"-Kolumnist Jan Fleischhauer oder der Autor Feridun Zaimoglu. Gerade Zaimoglu drückt sich in einem Interview sehr direkt aus. Nach seiner Bewertung gefragt, sagt er: "Das politisch korrekte Sprechen ist eine Sprachstellung der bürgerlichen Verklemmungen." Und weiter: "Die Sprachhygieniker können uns Schreiber mal." Grundsätzlich heißt es, durch eine Umschreibung des Textes werde das Ansinnen der Autoren verfälscht. Fleischhauer schreibt, dass "Stolz und Selbstbewusstsein" derjenigen Menschen, die zum Beispiel das N-Wort lesen müssen, durchaus groß genug sein könne, um "über ein paar Worte in einem Kinderbuch" hinwegzusehen. 

 Ishema kann das jedenfalls nicht. "Wenn sie über das N-Wort stolpert, dann liest sie die entsprechenden Stellen um," sagt die Mutter. Die Journalistin Simone Dede Ayivi argumentiert im Tagesspiegel, dass diese Debatte vor allem eines zeige: Weiße Menschen diskutieren mit anderen weißen über Rassismus. "Schwarze Menschen werden nicht mitgedacht", schreibt sie. Sie selbst habe früher "Pippi Langstrumpf" gelesen, ihre Ausgabe ist von 1986. Die Lektüre des Buches habe ihr vor allem gezeigt, dass Schwarze "weniger wert" seien als Weiße. Ihre Lösung ist simpel: Das Wort war damals schon rassistisch und ist es heute immer noch. Also raus damit.  

Georg Diez verkürzt die Debatte auf eine Grundfrage: Kinderbücher handeln von Identitäten, schreibt er. Die Helden der Geschichten finden sich selbst – und ob das klappt, hängt einfach nicht davon ab, ob das N-Wort vorkommt oder nicht.  

Für den Thienemann-Verlag (pdf-link), der das Wort aus dem Märchenbuch „Die kleine Hexe“ streicht, ist die Argumentation klar. "Begriffe, die zur Entstehungszeit der Klassiker nicht diskriminierend waren, es in der heutigen Zeit aber eindeutig sind, (werden) gestrichen oder ersetzt."  

Eigentlich zeigen der Brief von Ishema Kane und die Reaktionen darauf zwei Dinge. Erstens: Wenn eine Neunjährige gegen einen Feuilletonisten antritt, ist klar, mit wem die Masse sympathisiert. Das ist natürlich auch ein unfaires Duell. Zweitens fördert Ishemas Brief aber auch einen noch viel wichtigeren Punkt zu Tage: Wenn eine Neunjährige sich zum Thema „Worte in Kinderbüchern“ meldet, deren moralische Handlungen in diesen Büchern ja entscheidend mitgeformt werden sollen, wenn die also sagt: „Hey, hallo, das ist scheiße, wenn ich in diesem Buch so genannt werde!“, dann sollte man vielleicht auch einfach mal zuhören.    

Nachtrag: Mittlerweile hat die Redaktion der Zeit auf den Leserbrief von Ishema reagiert. Hier kannst du Ijoma Mangolds Antwort lesen.

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