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"Ich hasse Skyler White!"

Skyler White, Walter Whites Ehefrau in "Breaking Bad", ist bei den Fans der Serie alles andere als beliebt. Ihre Darstellerin Anna Gunn hat nun in der "New York Times" über unterrepräsentierte Frauenfiguren in Serien und die Frauenfeindlichkeit der Zuschauer geschrieben.
nadja-schlueter

Angestrichen:
„As an actress, I realize that viewers are entitled to have whatever feelings they want about the characters they watch. But as a human being, I’m concerned that so many people react to Skyler with such venom. Could it be that they can’t stand a woman who won’t suffer silently or ‚stand by her man’? That they despise her because she won’t back down or give up? Or because she is, in fact, Walter’s equal?“  

Wo steht das?
In einem Text namens „I Have a Character Issue“, den die Schauspielerin Anna Gunn für die "New York Times" geschrieben hat. Sie spielt in der Serie „Breaking Bad“ Skyler White, die Ehefrau des krebskranken Chemielehrers Walter White alias Drogenkönig Heisenberg.  

Was steht da genau drin?
Anna Gunn setzt sich mit dem Hass auseinander, der ihrer Figur entgegenschlägt und der zum Teil sogar auf sie als Person übertragen wird. Skyler White ist eine der umstrittensten und unbeliebtesten Charaktere in „Breaking Bad“, wenn nicht sogar der unbeliebteste Serien-Charakter überhaupt. Mehr als 9.000 Menschen haben die Facebook-Seite „I hate Skyler White“ geliked, fast 29.000 die Seite „Fuck Skyler White“. Ihre Feinde bezeichnen sie als „kreischende, heuchlerische Hyäne“, sie sei nervig, ein Hausdrachen, eine Spielverderberin. Und ihre Darstellerin Anna Gunn fragt sich: Woher kommt all der Hass?  

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Von "Breaking Bad"-Fans gehasst: Anna Gunn als Skyler White

Natürlich sei Walter der Protagonist und der Zuschauer sympathisiere mit ihm – daher sei ihr von Anfang an bewusst gewesen, dass Skyler als seine Antagonistin wohl nicht der beliebteste Charakter der Serie sein wird. Aber auf diese extrem große Feindschaft (bis hin zu persönlichen Angriffen mit Posts wie „Kann mir jemand sagen, wo ich Anna Gunn finde, damit ich sie umbringen kann?“) sei sie nicht vorbereitet gewesen. Der „Breaking Bad“-Erfinder Vince Gilligan habe Skyler doch immerhin als aufrechte Frau mit einem „Rückgrat aus Stahl“ erdacht, die nicht einfach verzweifelt zusammenbricht, eine vielschichtige Persönlichkeit, die in ein moralisches Chaos gerät und den völlig außer Kontrolle geratenen Walter immer wieder zurechtweist. „Sie sagt ihm, dass er nicht morden oder Drogen für Kinder kochen soll. Wie kann man damit ein Problem haben?“, verteidigte Gilligan seine Figur in einem Interview. Und trotz all dieser positiven oder doch zumindest verständlichen Eigenschaften und Reaktionen, schreibt Gunn, werde Skyler von den Zuschauern nicht mit dem gleichen Maß gemessen wie Walter. „Kann es sein“, fragt die Schauspielerin, „dass sie keine Frau ertragen können, die nicht leise leidet oder ihrem Mann den Rücken stärkt? Dass sie sie verabscheuen, weil sie nicht nach- oder aufgibt? Oder weil sie eigentlich Walter ebenbürtig ist?“  

Und worum geht’s eigentlich?
Anna Gunn rührt mit ihrem Text ein Thema an, über das schon länger diskutiert wird: die Dominanz männlicher (Anti-)Helden in Fernsehserien und die unterrepräsentierten Frauenfiguren. Gunn selbst nennt als weitere Beispiele Carmela Soprano aus „The Sopranos“ und Betty Draper aus „Mad Men“. Sie alle sind moralischer als die Protagonisten, mit denen wir sympathisieren sollen und durch die Art der Erzählung sogar müssen, und stellen sich ihnen entgegen, Skyler wahrscheinlich am meisten von allen. Und wir brauchen sie. Skyler zum Beispiel, schreibt das „Slate Magazin“, erinnert uns daran, dass es möglich ist, Walter zu hassen, sie ist unsere moralische Erdung. Die Serien-Frauen zeigen uns also die Realität an und machen uns überhaupt erst bewusst, in welchem Dilemma ein Tony Soprano oder Walter White steckt. Ohne sie würden wir unsere Helden nur zur Hälfte verstehen. Und dennoch sind sie die Schwachen, denen von Seiten der Zuschauer Antipathie oder sogar Hass entgegenschlägt.  

Gunns Fazit lautet: „Ich habe letztlich begriffen, dass der Hass auf Skyler wenig mit mir zu tun hat und viel mit der Art, wie die Menschen Frauen und Ehefrauen wahrnehmen. Weil Skyler White nicht dem bequemen Ideal der archetypischen Frau entspricht, ist sie eine Art Rorschach-Test für die Gesellschaft geworden, ein Maßstab für unsere Einstellung zum sozialen Geschlecht.“ Damit macht sie das große Seximus-Fass auf und lässt den Misogynie-Vorwurf heraus. Aber wahrscheinlich hat sie Recht und hinter dem Hass steckt wirklich mehr als die reine Wut auf die Antagonistinnen. Denn ein ähnlicher Sturm gegen einen männlichen Charakter ist kaum vorstellbar. Der Vorwurf der Hysterie und des Nervigseins würde einen Mann nie treffen.

Wie viel der Skyler-Hass mit Geschlechterrollen zu tun hat, wird einem bewusst, wenn man das Gegen-Gedankenexperiment wagt: Was wäre das männliche Äquivalent, das so viel Hass auf sich ziehen könnte wie Skyler White? Doch wohl ein Mann wie Walter White zu Beginn von „Breaking Bad“. Eine der ersten Szenen mit Skyler und Walter zeigt die beiden im Ehebett an Walters 50stem Geburtstag. Sie befriedigt ihn mit der einen Hand, während sie mit der anderen eine Ebay-Auktion bestreitet. Dieser erste Eindruck, schreibt TV-Kritiker Alan Sepinwall, kreiert ein extrem negatives Bild von Skyler – und stärkt unsere Sympathien für Walter und seinen Weg vom devoten Ehemann zum brutalen Heisenberg. Hätte es diese Entwicklung nicht gegeben, wäre Walter ein Mann geblieben, der den Männlichkeitsmaßstäben nicht genügt und die meisten, die ihn jetzt lieben, hätten ihn gehasst – so wie sie Skyler hassen, eine Frau, die den Weiblichkeitsmaßstäben nicht genügt.  

Auf der Facebook-Seite „I hate Skyler White“ wehren sich die Skyler-Feinde gegen den Misogynie-Vorwurf. „Immer dasselbe dumme Argument: Man kann Skyler White nicht hassen, ohne frauenfeindlich zu sein.“ Wahrscheinlich haben auch sie Recht. Wahrscheinlich kann man auch eine weibliche Serienfigur ablehnen, ohne gleich ein ausgemachter Frauenfeind zu sein. Am schönsten wäre es allerdings, wenn die Eiferer, ob Frauenfeinde oder nicht, die Figuren einfach als das akzeptieren würden, was sie sind: Rädchen im Getriebe, ohne die das ganze schöne Konstrukt nicht funktionieren würde. Das Konstrukt Serie, das sie doch so sehr lieben. Und wenn auch die Serienmacher ein bisschen mehr darauf achten würden, nicht immer die weiblichen Figuren zu Antagonisten zu machen, sondern ab und zu auch mal auf Buhmänner statt auf Buhfrauen zu bauen.

Text: nadja-schlueter - Foto: Screenshot YouTube

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