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Keine Freunde mehr

Die Hacker von Anonymous haben einen offenen Brief an Julian Assange geschrieben. Darin kündigen sie an, Wikileaks nicht mehr zu unterstützen.
christian-helten

Angestrichen:
The conclusion for us is that we cannot support anymore what Wikileaks has become - the One Man Julian Assange show. But we also want to make clear that we still support the original idea behind Wikileaks: Freedom of information and transparent governments. Sadly we realize that Wikileaks does not stand for this idea anymore.

Wo steht das denn?
In einem Statement von Anonymous. Die Hacker standen lange Zeit als Unterstützer an der Seite von Wikileaks. Mit diesem offenen Brief an Julian Assange distanzieren sie sich von dessen Organisation.  

Was bedeutet das?
Der Brief der Hacker ist ein weiteres deutliches Zeichen dafür, dass Wikileaks an Rückhalt und Unterstützung verliert. Kritiker bemängeln schon lange, Wikileaks habe seine eigenen Ideale verraten, sei zu einer beinahe schon diktatorisch geführten Organisation verkommen. Anonymous und Wikileaks kämpfen eigentlich denselben Kampf: Sie wollen Geheimes aus den Hinterzimmern der Mächtigen enthüllen, das die lieber unter Verschluss halten würden, beziehungsweise durch gezielte Aktionen die Agenda derjenigen stören, die sich ihrer Meinung nach falsch verhalten. Manchmal überkreuzten sich ihre Wege in diesem Kampf. Als im Dezember 2010 Unternehmen wie Paypal, Mastercard und Visa ihre Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks unterbrachen und die Enthüllungsplattform keine Spenden mehr bekam, griffen die Hacker aus Solidarität medienwirksam die Webseiten dieser Unternehmen an. Ähnliche Schützenhilfe wird es jetzt wohl nicht mehr geben.

Was steckt dahinter?
Einerseits stören sich die Anonymous-Autoren am Ego des Wikileaks-Chefs, das ihrer Auffassung nach zunehmend die eigentlichen Ziele seines Projekts überlagert. Es gehe nicht mehr darum, Informationen zu enthüllen. Stattdessen stünde vor allem Assange selbst im Vordergrund. Dass dieser sich in der Botschaft Ecuadors, seiner derzeitigen Exilheimat, mit Lady Gaga zum Abendessen getroffen habe, sei „toll für ihn, aber für uns nicht von Interesse.“  

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Erst zahlen, dann geleakte Dokumente lesen - dieses Wikileaks-Motto stört Anonymous ziemlich.

Ausschlaggebend für den offenen Brief war aber offenbar eine Neuerung bei Wikileaks. Seit einiger Zeit sind manche der geleakten Dokumente auf der Plattform nicht mehr einfach so abrufbar. Wer auf eines der „Global Intelligence Files“, interne Mails eines US-Sicherheitsunternehmens, zugreifen will, gelangt erst auf eine rote Seite, die aussieht wie ein Werbebanner. Darauf findet sich ein Spendenaufruf. Erst zahlen, dann geheime Mails lesen, so lautet der neue Deal. Und der geht Anonymous gehörig gegen den Strich. Das erscheint logisch: Wikileaks verlangt etwas für die Informationen, die es bereitstellt – und widerspricht damit seinem ursprünglichen Ziel, diese Informationen frei zugänglich zu machen.  

Allerdings lässt sich die „Paywall“, wie manche das Spendenbanner nennen, durchaus umgehen. Indem man Javaskript in seinem Browser deaktiviert, oder indem man das Video, das ebenfalls auf der Bannerseite zu sehen ist, über Facebook oder Twitter im Netz weiterverbreitet. Aber auch dann werden die Informationen nicht sofort frei zugänglich, sondern es dauert eine Weile.  

Mit diesen Argumenten verteidigte Julian Assange jedenfalls seine Spenden-Wall, ebenfalls in einem offenen Brief. Ihm sei bewusst, dass der Spendenaufruf nervig und störend sei. Das sei ja schließlich die Absicht gewsesen, schreibt er: „Es soll nerven“ – und eine Erinnerung daran sein, dass die zukünftige Zerstörung von Wikileaks durch eine unrechtmäßige Finanzblockade, Ermittlungen und Verfahren eine ernste Geschichte ist. Wikileaks stecke in vielen Verfahren und das koste Geld. „Freiheit ist nicht umsonst, Gerechtigkeit ist nicht umsonst und Solidarität ist nicht umsonst“, schreibt Assange, „sie alle erfordern Großzügigkeit, Selbstdisziplin, Courage und ein Gefühl für Perspektive.“

Assange wäre nicht Assange, wenn er es in seinem Brief bei bloßer Verteidigung belassen würde. Er geht seinerseits zum Angriff über, inklusive Verschwörungstheorie. Anonymous, so sein Vorwurf, sei längst teilweise vom FBI infiltriert. „Wir müssen annehmen, dass derzeit eine beträchtliche Anzahl von Anonymous-Servern und –Führungspersonen kompromittiert sind.“

Das alles hört sich nach dem Ende einer Allianz an. Auch wenn Anonymous über Twitter verlauten ließ: „Generally: We are friends with @Wikileaks. Still are. And friends will talk brutal but honestly if necessary. A lousy friend stays quiet.“

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