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Mit Powerpoint gegen Unzucht

US-amerikanische Prom-Nights werden angeblich in immer schamloseren Outfits besucht. Nun etablieren sich schuleigene Kleidungsvorschriften. Die zugehörigen Powerpointpräsentationen und Erklärbilder sind ziemlich lustig anzusehen
mercedes-lauenstein

Angestrichen:

„To avoid having to turn away tearful girls on the big night, prom organizers are taking pre-emptive action, issuing specific guidelines early, offering dress approval in advance and relying on image-heavy PowerPoint presentations to make it crystal clear what styles will, and won't, be allowed at the dance."

Wo steht das?
Im Wall Street Journal. Der Artikel namens „ For Prom, Schools Say 'No' to the Dress" erklärt, warum Absolventen US-amerikanischer Highschools neuerdings fürchten müssen, aufgrund zu freizügiger Kleider- oder Anzugswahl an der Tür abgewiesen zu werden – oder im Notfall gezwungen sind, sich schnell ein blickdichtes Top zum Drunterziehen zu besorgen, beziehungsweise kurzerhand den Beinschlitz ihres Kleides zu vernähen.

Und was soll das Ganze?
Die „Prom-Night" ist für die meisten US-amerikanischen Schulabgänger ein sehnsüchtig erwarteter Meilenstein ihres Erwachsenwerdens – und oft mit einem ausgedehnten Feierexzess und viel Profiliergehabe verbunden. Nun soll die nach Lehrermeinung stattfindende Verrohung des Dresscodes aufgehalten werden: Die Jugend soll den Unterschied zwischen elegant und nuttig verstehen. Seit sich offenbar immer mehr Schüler an den oft hautengen und tief ausgeschnittenen Outfits orientieren, die Stars wie Beyoncé Knowles oder Jennifer Lopez bei den Academy Awards oder anderen Roten-Teppich-Events tragen, geraten die Abschlussballkleider in den Augen der Schulleitungen immer schamloser. So wird eine Lehrerin der Cedartown High in Georgia mit folgenden Worten zitiert: "Girls just felt the more you show, the better everything is". Um dies zu ändern, entwerfen viele Schulen jetzt eigene PowerPoint Präsentationen und Broschüren, in denen eindeutig die Go's und No Go's in Sachen Zeigefreudigkeit klargestellt werden. Sie bieten beim Durchblättern eine sehr amüsante, aber auch etwas erschreckende Lektüre.

Diese Broschüre der Southmoore-Highschool aus Oklahoma zum Beispiel erklärt anhand von Bildern von Models, die Kleider mit zu hohen Beinschlitzen oder ungewöhnlich geschnittenen Dekolletés tragen, was geht und was nicht: „Wear this and you won't get into PROM" , „These are NO'S, with arms to the sides no skin should ne shown" oder: „Unacceptable!!! You will NOT enter the PROM! Keyholes or peek-a-boo openings are NOT acceptable."

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Die Restriktionen treffen allerdings nicht nur die Mädchen, auch Jungs werden hier angehalten, sich zusammenzureißen. Erlaubt sind weder Turnschuhe, noch Jeans, denn: „No matter how stylish you think you look, you will not be admitted in jeans", werden entsprechende Beispielbilder betitelt. Auch auf die Entledigung der Hemden zu späterer Stunde möchte bitte verzichtet werden, Muskelprotzereien hätten auf der Promnight nichts verloren: „We don't care that you workout, - keep your shirt on". Auf der letzten Seite folgt ein versöhnlich gemeinter Hinweis der Verfasserin, der dann allerdings doch wieder nur an die Damen gerichtet ist: „Ladies, there are lots of lovely dresses out there that will allow you to look like the beautiful young lady you are!"
Styleguides von dieser Sorte gebe es laut WSJ mittlerweile an unzähligen Highschools zwischen Connecticut und Arizona.

Doch weil man ja nie weiß, ob Schüler auch alles mitkriegen, was man ihnen erzählt, werden die Slideshows nicht nur im Unterricht gezeigt und in der Pause verteilt, zusätzlich werden auch noch die Flure der Schulen mit großformatigen Plakaten tapeziert. Auf Bildern von Frauen in angeblich schwer unzüchtigen Kleidern prangen dicke „Unaccepted"-Schriftzüge. Immer wieder wird dringend dazu geraten, sich von seinen Lehrkräften bei der Kleiderauswahl beraten zu lassen: Die Mädchen mögen sich doch einfach in ihren favorisierten Kleidern fotografieren, die Bilder an ihre Lehrerinnen schicken und sich gemeinsam auf ein geeignetes Outfit einigen. Niemand soll an der Einlasstür des Balls weinend nach Hause geschickt werden.

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Die Idee des Winks mit dem Zaunpfahl in Richtung Stilerziehung ist gut gemeint und kommt vor allem bei Erziehungsberechtigten, aber auch bei ehemaligen Highschoolabsolventen wie einer gewissen Carrie Strickland an. Das Wall Street Journal zitiert sie: „I think it's a great idea, it gives the kids guidance". Dass die Angelegenheit aber eher den Beigeschmack einer militärischen Musterung vermittelt, anstatt lediglich als liebevoller Ratschlag zu dienen, ahnt man spätestens, wenn man von den an den Eingängen des Proms geplanten Sicherheitskontrollen liest: An der Sunnyvale Highschool bei Dallas beispielsweise werden die Kleider zusätzlich zu den geschriebenen Vorschriften penibel darauf untersucht, ob sie auch nirgends „Pinning und Fabric Inserts" tragen - das sind kleine Stoffstücke, die nur zum Kaschieren tiefer Ausschnitte angeheftet werden und nach Einlass schnell auf der Toilette beseitigt werden können.

An der Lee County Highschool wird außerdem ein auf 3 Zentimeter gekürztes Lineal ans Knie gehalten und nachgesehen, ob das Kleid diese Grenze auch wirklich nicht überschreitet. Für das Dekolleté gilt hier die Regel: Zeigefinger auf die eine Seite des Schlüsselbeins, Daumen auf die andere – da wo die Hand unten abschließt, muss das Kleid beginnen, alles darunter ist zu sexy.

Man muss sich wahrscheinlich nicht wundern, wenn diese Zwangsmaßnahmen schon bald nach hinten losgeht, der Prom-Night-Hype einfach nachlässt und keiner mehr hin will. Wie auch immer man nun zu nackter Haut auf einem Tanzball steht: ein Abschlussfest, das einen in die Freiheit entlassen soll, ist kein Freudenfest mehr, wenn von Freiheit nichts mehr in Sicht ist.



Text: mercedes-lauenstein - Bilder: screenshots

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