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Stadtgemüse mit Schwermetallen

Urban Gardening - ein Trend, der krank macht? Eine Studie zeigt, dass Gemüse aus urbanen Gärten in Berlin zum Teil extrem mit Schadstoffen belastet ist. Die Selfmade-Stadtbauern des Vorzeigeprojekts Prinzessinnengärten zeigen sich trotzdem wenig beeindruckt.
kristina-machalke

Angestrichen:
„Aktuelle Untersuchungen am Institut für Ökologie der TU Berlin, die gerade im Wissenschaftsjournal 'Environmental Pollution' veröffentlicht wurden, zeigen, dass Gemüse und Obst aus der Berliner Innenstadt erheblich mit Schadstoffen angereichert sein können. Betroffen sind vor allem verkehrsbelastete Standorte."

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Das Gemüse und seine Herrchen und Frauchen auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

Wo steht denn das?
In einer Pressemitteilung der Technischen Universität (TU) Berlin. Darin werden die Ergebnisse einer Studie zusammengefasst, in der die Schadstoffbelastung urbaner Berliner Gemüse- und Obstgärten getestet wurde.

Und worum geht es?
Das eigene Gemüsebeet, frische, selbstgezüchtete Kräuter auf dem Balkon, vielleicht sogar ein paar Hühner im Garten – sich selbst versorgen ist angesagt. Lebensmittelskandale verderben den Appetit auf Supermarktessen, Importe verpesten die Luft. Schrebergärten (abfällig gerne auch „Strebergärten" genannt) präsentieren sich inzwischen als coole, urbane Oasen, wo lärm- und feinstaubgebeutelte junge Großstädter ihrer Sehnsucht nach der Natur frönen. Selbstgemachtes, pestizidfreies Essen aus eigenem Anbau - man müsste meinen, gesünder geht's nicht.

Doch was ein paar Studenten am Institut für Ökologie der TU Berlin nun herausgefunden haben, dürfte den einen oder anderen Großstadtgärtner nachdenklich stimmen. Zwölf unterschiedliche Gemüse- und Obstsorten haben sie in 24 Anbauorten im Berliner Stadtgebiet auf ihre Schadstoffbelastung untersucht. Das Ergebnis: Obst und Gemüse, das in der Nähe von hohem Verkehrsaufkommen angebaut wird, ist zum Teil erheblich stärker mit Schwermetallen wie Blei oder Kupfer belastet, als viele Vergleichsproben aus dem Supermarkt. „Unsere Ergebnisse waren überraschend deutlich. (...) Teilweise wurden sogar EU-Grenzwerte für Lebensmittel überschritten", sagt die Leiterin der Studie Dr. Ina Säumel in der Pressemitteilung des Instituts.

Soll das nun schon das Ende dieser ganzen, doch so erfrischenden „Urban Gardening"- Kultur sein? Das Ende neu gewonnener Öko-Coolness und reuelosen Genusses? Das Ende vom Traum von einer besseren Welt?

„Nein", sagt Robert Shaw, Mitbegründer des Prinzessinnengartens am verkehrsreichen Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Er hält die Ergebnisse für weniger dramatisch, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Zwar war der Prinzessinnengarten nicht Testobjekt der Studie, aber von früheren Messungen kennt Shaw ganz praktische Möglichkeiten, die Schwermetallbelastung auf ein akzeptables Maß zu reduzieren. „Wir haben uns ganz zu Beginn mit dieser Frage beschäftigt und uns Informationen eingeholt. Schwermetalle aus dem Straßenverkehr legen sich durch die Luft auf das Gemüse. Deshalb ist es wichtig, das Beet mindestens sieben Meter von der Straße fernzuhalten und dazwischen eine Hecke oder eine Mauer zu bauen, damit die Metalle hängen bleiben."

Auch in der jüngsten TU- Studie haben sich diese Abwehrlösungen bewährt. Ökologin Dr. Ina Säumel warnt vor Panikmache. Sie verweist auf die positiven Aspekte der städtischen Gärtnerns: die Bewegung an der frischen Luft, die gemeinschaftliche Naturerfahrung und die Freude daran. Es gibt also noch Hoffnung auf eine grüne Zukunft in Deutschlands Stadtzentren. Urban Gardening ist nämlich viel mehr als nur das Anbauen von (un)gesundem Gemüse und samstägliches Happening.

Der Gemüseanbau in der Stadt hat sich weltweit als neuer Lifestyle etabliert, es ist sogar die Rede von einer neuen, politischen Avantgarde. Und Robert Shaw hat auch gleich eine politische Lösung für die Probleme parat, die die Studie aufgedeckt hat: „Das Ergebnis der Studie ist ja nicht die Schuld des Gemüses", sagt er. „Das Problem ist, dass immer noch eine Menge umwelt- und menschenschädliche Abgase in der Luft sind. Man sollte vielleicht noch mal darüber nachdenken, wie der Verkehr in der Stadt funktioniert.“

Text: kristina-machalke - Foto: Getty

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