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Auf der anderen Seite ist es grüner

Eigentlich sollte das Studium eine neidbefreite Zone sein: Jeder studiert, was ihm gefällt, die Noten der anderen sind total egal. Die Wahrheit sieht dann doch anders aus. Ein Drama über Neid und wie man ihn überwindet.
charlotte-haunhorst

1. AKT Ich bin doch nicht neidisch 

Marlitt, 25, promoviert in Jura
Es ist schwer, Neid im Studium konkret festzumachen. Das ist immer eher ein subtiles Gefühl als eine belegbare Tatsache.

Tianyu, 24, studiert Jura und steht vor dem ersten juristischen Staatsexamen
Prinzipiell kümmern mich die Werturteile anderer wenig, ich gönne jedem Erfolg.

Petra Kucher-Sturm, Diplom-Psychologin, Studentenwerk Stuttgart
Wenn, dann ist Neid ein Wahrnehmungsproblem für jemanden, der sich eher am Misserfolg statt an seinen Erfolgen orientiert. Besonders häufig aufgetaucht ist das hier bisher nicht.

Mira, 24, ist mit ihrer Zwillingsschwester zur Schule und an die Hochschule gegangen
Privat sind meine Schwester und ich ein Dream­team. Besser geht’s nicht.

Eva, 25, arbeitet seit kurzem in einer Kommunikationsagentur
Vieles, was an der Uni wie Neid aussieht, ist in Wirklichkeit eher Angst. Da wird man auf einmal in eine Welt geworfen, die grausam zu sein scheint. Man muss um Noten, Praktika und einen Masterplatz kämpfen und zeitgleich um sein eigenes Selbstbild. Der Neid ist dann eher eine Abwehrhaltung, weil man einfach überfordert ist. Im Master wird das meiner Erfahrung nach viel besser, da entwickelt man sich dann weiter und schafft etwas Positives aus dem Neid.

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Neidisch? Oder nur müde von der Vorlesung?

Bernhard Goodwin, Kommunikationswissenschaftsdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München Ich habe meine Ehefrau im Studium kennengelernt. Wir haben uns niemals etwas geneidet, sondern stets voneinander profitiert.

Jan Crusius, Neidforscher an der Universität Köln
Menschen geben nicht gern zu, dass sie neidisch sind. Neid signalisiert uns selbst nicht nur, dass wir gegenüber anderen im Nachteil sind, er ist sozial auch sehr unerwünscht. Wir versuchen daher, Neid zu kontrollieren oder zu verstecken. Jüngere Forschung zeigt aber, dass Neid durchaus positive Konsequenzen haben kann. Es gibt eine gutartige Form des Neids, die nicht mit Feindseligkeit und Missgunst einhergeht. Auch dieser „weiße Neid“, wie er im Russischen genannt wird, tut weh. Er führt aber dazu, dass man sich mehr anstrengt, um die besseren Leistungen anderer auch zu vollbringen.  

2. Akt Wie Neid entsteht  

Mira, 24, der Zwilling
Ich war mit meiner Schwester das komplette Gymnasium über in einer Klasse. Das war oft sehr schwierig, weil viele uns automatisch miteinander verglichen haben, auch wenn wir das gar nicht wollten. Im Abi hatten wir dann auch noch die gleichen Fächer. Der Tag der mündlichen Prüfung war ganz schrecklich: Wir hatten beide sehr viel zusammen gelernt und warteten auf einer Treppe auf das Ergebnis. Der Lehrer kam irgendwann raus und las die Noten vor. Ich hatte eine Zwei, sie eine Fünf minus. Das war auch von dem Lehrer scheiße, das einfach so vor allen zu sagen. Wie kann man so was machen? Meine Schwes­­ter ist dann ganz weiß geworden und auf dem Weg zum Auto weinend zusammengebrochen. Den Tag werde ich nie vergessen.

Christiane Morré, Mutter von vier Kindern, von denen Drei studieren
Mir erzählte eine Mutter stolz, dass sie die Konkurrenz zwischen ihren beiden Kindern ganz bewusst schüre, um sie zu besseren Leistungen anzuspornen. Der Neid auf den anderen war ihre Erziehungsmethode. Da gab es dann beispielsweise Geld, gestaffelt nach Noten — der bessere Schüler bekam deutlich mehr Geld als der schlechtere. Ich finde das schrecklich. Geschwisterbeziehungen sind immer anfällig für Neid, deshalb sollten Eltern genau das vermeiden. Sie sollten ihre Kinder in den individuellen Begabungen fördern und ihr Selbstbewusstsein stärken.

Bernhard Goodwin, der Kommunikationswissenschaftler
Neid erlebe ich eher indirekt, zum Beispiel wenn die Studenten kommen, weil sie um Noten feilschen wollen. Meistens liegt das daran, dass sie sich selbst anders einordnen und denken, sie müssten im Vergleich zu anderen besser dastehen. Oftmals sind sie es auch aus der Schule einfach nicht gewohnt, mal eine Drei zu haben. Prinzipiell finde ich es ja nicht schlecht, wenn sich Studenten über ihre Noten informieren. Dann kann man ein detailliertes Feedback zu ihrer Arbeit geben, das ist wichtig und sollte häufig geschehen. Wenn es aber nur darum geht, eine bessere Note zu bekommen, dann ist es anstrengend.

Christiane Morré, die Mutter
Meiner Erfahrung nach reagieren Kinder sehr unterschiedlich, wenn sie jemand anderen um eine Fähigkeit beneiden. Beim Schleifemachen auf dem Schuh kann man das ganz gut beobachten: Manche Kinder wollen es unbedingt selber tun. Da ist der Neid ein Ansporn. Oder aber sie entziehen sich dem Wettbewerb und tragen Klettverschlussschuhe, wenn Mama ihnen die Schuhe nicht mehr binden will.

Jan Crusius, der Neidforscher
In einer Untersuchung haben wir Studenten darum gebeten, sich an eine Neidsituation im Uni- oder Schulkontext zu erinnern. Eigentlich alle konnten sich tatsächlich an so eine Situation erinnern, oft war es nicht einmal lange her. Meistens ging es dabei um Noten oder Prüfungen, denn die Uni bietet für solche Leistungen viele Gelegenheiten, sich mit anderen zu vergleichen.  

3. AKT Szenen von Neid und Konkurrenz  

Mira, 24, der Zwilling
Am Ende meines Bachelorstudiums zählte ich mit einem Schnitt von 1,2 zu den besten Studenten des Jahrgangs. Als Belohnung habe ich meine gezahlten Studiengebühren zurückbekommen — in Bayern gibt es dazu eine entsprechende Regelung. Ich habe das allerdings niemandem aus meinem Semester erzählt. Ich dachte, die anderen fänden das vielleicht unfair; immerhin hatte ich meine Kurse einfach nur klug gewählt. Andere hatten sicher viel mehr ins Studium investiert und haben trotzdem einen schlechteren Schnitt. Ich weiß nicht, ob ich es aus Angst vor dem Neid nicht erzählt habe — ich hätte es schließlich auch allen anderen gegönnt, wenn sie ihre Studiengebühren zurückbekommen hätten.

Marlitt, 25, die Juradoktorandin
Über Juristen hört man oft das Klischee, sie würden voreinander Bücher verstecken, um selbst die beste Hausarbeit schreiben zu können. Das stimmt leider, mir selbst ist das auch schon mal mit zwei Aufsätzen passiert, die dann einfach nicht zu finden waren. Dabei ist doch Neid bei Jura, wenn überhaupt, erst im Staatsexamen angemessen. Vorher zählen die Scheine eh nichts, erst die Examensnote entscheidet zumindest über gute und schlechte Referendariatsstationen. Allerdings habe ich auch schon von anderen Studenten gehört, dass Kommilitonen auf einmal nicht mehr mit ihnen gesprochen haben — weil sie eine bessere Examensnote hatten.

Eva, 25, die Jobeinsteigerin
Im Bachelorstudium füllten wir in manchen Kursen Übungsblätter als Hausaufgabe aus. Wenn man die bis zu einem gewissen Prozentsatz richtig hatte, gab es Zusatzpunkte für die Klausur am Ende. Einmal war auf einem Blatt eine Frage, die niemand aus unserer Arbeitsgruppe lösen konnte. Wir dachten erst, der Prof habe sich vertan und das Thema war noch gar nicht dran. Auch aus der anderen Arbeitsgruppe kannte niemand die Lösung. Als wir die Aufgaben in der darauffolgenden Woche zurückbekamen, hatte die andere Gruppe die volle Punktzahl. Wir nicht. „Das steht auf Seite 107 im Buch XY“, erwiderte eine Kommilitonin auf unsere Frage nach der Lösung. Das hatte sie im Gespräch am Tag zuvor wohl „vergessen“ zu erwähnen.

Dennis, 26, studiert Wirtschaft in Wien
Bei uns im Studiengang gibt es einen Typen, der das Folienkaraoke perfekt beherrscht. Einmal hatte eine Gruppe eine Präsentation vorbereitet, und er hat die einfach so gehalten, ohne die Folien vorher je gesehen zu haben. Da bin ich schon neidisch drauf. Ich kann zwar auch ganz gut präsentieren, aber das ist wirklich zu gut.

Katharina, 25, studierte Kunst und arbeitet nun im ersten Job
Mein Masterstudium war eine Zuchtperlenfarm der Missgunst. Erst wurden nach intransparenten Kriterien die Studienplätze und dann auch die Praxisprojekte vergeben — in der Folge gingen deshalb lauter Mails von angekratzten Egos hin und her, das war wirklich unangenehm. Beim Absolventenfest wurden auch noch vom Professor an ein paar Leute Jobs im Kulturbetrieb verteilt. Diese Gespräche fanden im Hinterzimmer statt, wer nicht ausgewählt worden war, der musste draußen vor der Tür bleiben. Wer welchen Job bekommen hat, konnten wir dann später im Absolventenmagazin nachlesen. Das Klima war wirklich sehr unangenehm. Hinter jeder Ecke stand jemand mit gewetztem Messer.

Christiane Morré, die Mutter
Die Bologna-Reform hat den Neidfaktor im Studium aus meiner Perspektive erhöht. Auf einmal ist jede Prüfung vergleichbar geworden. Mit ein bisschen Interesse weiß man sofort, wer besser ist als man selbst. Wer einen guten Master haben will, muss sowieso zu den Besten gehören. Meinem Eindruck nach ist deshalb das Kalkül von Anfang an recht groß. Kurse werden nach der Notenvergabe des Profs ausgewählt, nicht mehr primär nach Interesse. Das ist schade, denn die Freude an der Wissenschaft und der Mut zu neuen Forschungswegen bleiben dabei auf der Strecke. Als ich in den Achtzigerjahren studierte, gab es keine Noten, sondern nur Scheine für bestandene Prüfungen. Da war man dann eher mal neidisch, wenn ein Kommilitone einen tollen Forschungsansatz entdeckt hatte, auf den man selber nicht gekommen war.

Tianyu, 24, der Jurastudent
Manchmal frage ich mich, ob ich vielleicht doch bewusst den Neid anderer provoziere. Irgendwie habe ich als „Ausländer“ das Gefühl, den „Deutschen“ beweisen zu müssen, dass ich trotz deren „Heimvorteil“ besser bin. Dabei bin ich seit meinem dritten Lebensjahr in Deutschland. Und wenn dennoch mal jemand besser gewesen sein sollte, dann war er in meinem Kopf oft nur fleißiger.

Christian, 25, promoviert in Chemie
Klar bin ich manchmal mit Neid konfrontiert. Regelmäßig sogar. Der Begriff ist nur sehr negativ belegt, weil da ja oft auch Missgunst reinspielt. Ehrlichen Neid im Sinne von einem Bedauern, selbst nicht so toll dran zu sein, erlebe ich regelmäßig, wenn Kollegen schöne Ergebnisse im Labor haben, die auch wirklich interessant sind. Aus Selbstschutz tut man die Ergebnisse anderer gern mal etwas ab; neidisch bin ich dann, wenn ich die Ergebnisse tatsächlich selber cool finde. Das geschieht aber immer ohne die Missgunst-komponente.

Petra Kucher-Sturm, die Psychologin
In der Beratung erleben wir selten Neid, eher Vergleiche. Aber das war schon immer so, dass bei den anderen der Rasen grüner ist als bei einem selbst.  

4. AKT Dem Neid beikommen

Katharina, 25, die frühere Kunststudentin
Kollaborativ arbeitete es sich im Studium viel besser. Denn unerträglicher als unsere Kommilitonen fanden wir zum Glück noch eine andere Person: den Professor. Das hat dann vieles gekittet, und mittlerweile — seit wir nicht mehr an der Uni sind — hat auch schon jeder Absolvent eine eigene Nische für sich gefunden. Privat sehen wir uns deshalb wieder gern.

Petra Kucher-Sturm, die Psychologin
Wie sehr man sich vergleicht, hängt auch stark vom Studium ab: Meiner Erfahrung nach ist es bei den Architekten oder Ingenieuren weniger schlimm, die sind ja darauf angewiesen, im Team zu arbeiten. Bei Fächern wie Ernährungswissenschaft hingegen, in denen es einen Numerus clausus gibt, sind die Studenten eher Einzelkämpfer. Die arbeiten schon wegen der Struktur des Studiums weniger zusammen.

Jan Crusius, der Neidforscher
Es kann manchmal sinnvoll sein, wenn man versucht, bösartigen in gutartigen Neid umzuwandeln. Zum Beispiel, indem man überlegt, wie einem die andere Person als Vorbild dienen kann. Wenn das nicht möglich ist — zum Beispiel, weil es keine Chance gibt, die eigene Note noch zu verbessern —, dann kann man versuchen, sich dem Vergleich zu entziehen oder sich in Bezug auf eine andere Eigenschaft zu vergleichen, bei der man besser abschneidet. Wenn das alles nichts hilft: Eine der bewährtesten Strategien im Kampf gegen ungewollte Emotionen ist simple Ablenkung.  

5. AKT Ein Leben mit und ohne Neid  

Jan Crusius, der Neidforscher
Es ist sehr plausibel, dass Neid für Studierende eine sehr relevante Emotion ist. An der Uni kommen viele Faktoren zusammen, die Neid besonders wahrscheinlich machen. Gute Leistungen zu vollbringen ist den Studierenden besonders wichtig, schließlich ist ihr Fach sehr häufig ein wichtiger Teil ihrer Identität. Schlechter als andere abzuschneiden tut dann besonders weh. Außerdem sind an der Uni viele andere Studenten, die einem ähnlich sind, die ähnliche Voraussetzungen haben und mit denen man sich deshalb gut vergleichen kann. Vergleiche finden meistens auf gleicher Ebene statt. Deshalb misst sich eine Studentin nicht mit ihrer Professorin, sondern mit Kommilitonen.

Mira, 24, der Zwilling
Durch die Erlebnisse in der Schule vergleicht sich meine Schwester auch heute noch manchmal mit mir. Wir studieren beide ganz unterschiedliche Studiengänge, sie macht ihr Fach wirklich super gut, und ich bin sehr stolz auf sie. Aber trotzdem befürchtet sie häufig, mein Studium sei weniger aufwendig als ihres und werde doch als das „härtere“ von beiden wahrgenommen. Dabei ist das gar nicht so. Sie arbeitet wirklich viel.

Christian, 25, der Chemiedoktorand
Ich selbst hatte viel Glück im Studium. Mir wurde so viel Gutes zuteil, dass ich mich manchmal frage, ob es nicht eigentlich richtig dumm und arrogant und ignorant ist, diesen Neid zu empfinden.

Katharina, 25, die frühere Kunststudentin
Im Nachhinein bin ich ziemlich dankbar für das Training im Masterstudium. So habe ich ein bisschen Hornhaut auf den Ellenbogen bekommen, noch vor dem Start in die freie Wirtschaft.

Christiane Morré, die Mutter
Ich sehe doch aktuell, welches Rattenrennen meine Kinder in ihren Studiengängen mitmachen. Das können sie nur unbeschadet überstehen, wenn sie in der Familie Anerkennung und Wertschätzung auch bei nicht so guten Ergebnissen erfahren. Wenn die Geschwister auch noch gegeneinander antreten müssten, würde das auf Dauer die familiären Beziehungen nachhaltig beschädigen.

Eva, 25, die Jobeinsteigerin
Neid kann man nur überwinden, indem man ehrlich zu sich ist. Hätte ich bei der Geschichte mit dem Übungsblatt selbst genauer im Buch nachgelesen, wäre das Problem nicht entstanden. Also: Warum bin ich nicht mit mir zufrieden und gestehe mir ein, dass ich einfach etwas anderes lieber gemacht habe? Beim nächsten Mal kann ich es anders machen und muss nicht mehr neidisch sein. Zufriedenheit, das ist das Geschenk, das ich mir wünsche.

Text: charlotte-haunhorst - Foto: Jens Hauspurg / photocase.com

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