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Wer macht mich zum Millionär?

Wer bei Günther Jauch auf den Quizstuhl darf, muss vorher seinen Freundeskreis nach Telefonjokern durchforsten. Aber wie castet man die am besten?
jan-ludwig

Wann gibt es das schon: Da sitzen, irgendwo in Deutschland, drei Menschen in je einem Zimmer. Allein, ohne Freunde, ohne Partner. Diese drei Leute warten nur auf eins: darauf, von mir angerufen zu werden. Und nicht nur, dass sie sich den ganzen Abend freinehmen, nein: Sie verkneifen sich sogar den Gang zur Toilette. Um ehrlich zu sein: Ihre Blase konnte mir in diesem Moment nicht gleichgültiger sein. Auf diesem Stuhl, beobachtet von sechs Millionen Menschen oder mehr, fühlt man sich völlig allein, Telefonjoker hin oder her. Bis zu eine Million Euro stehen auf dem Spiel, dazu noch ein bisschen Ruhm und Ehre – und das finanzielle Glück liegt in den Händen einer einzigen Person. Die hat 30 Sekunden Zeit, um dich zu retten. Sie will gut gewählt sein.

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Jan bei der Quiz-Sendung "Wer wird Millionär?"

Es war ein sonniger Märztag, als ich einen Anruf aus Köln bekam. Eine meiner Bewerbungen für Wer wird Millionär? war erfolgreich, nun brauchte ich Telefonjoker. Mein Freundes- und Bekanntenkreis war nach diesem Anruf plötzlich zu einer wertvollen Wissensquelle geworden. Nur: Wie konnte ich sicherstellen, dass ich sie an den richtigen Stellen anzapfe? Ich wollte nicht drei Supergeneralisten mit dem jeweils größten Wissen finden – sondern die, die zu dritt das größte Wissensspektrum abdeckten. Wie aber auswählen? Zum Gruppengespräch mit Tee einladen? Ein Motivationsschreiben und den tabellarischen Lebenslauf fordern? Oder gleich eine Proberunde Trivial Pursuit?

Ich wählte eine aufwendige, aber auch, wie ich glaubte, Erfolg versprechende Variante: das Excel-Casting. Um nicht den Überblick zu verlieren, legte ich eine Tabelle an, mit 38 Wissensgebieten. Medizin und Filme, Astrologie und Theater, Architektur, Popmusik und Promiklatsch: Zu jedem Bereich stellte ich eine Frage, mit der sich die Kandidaten prüfen konnten. In jeder Kategorie konnten sie 0, 1 oder 2 eintragen. 0 sinngemäß für „Alter Schwede! Ich habe nicht die geringste Ahnung“, 1 für „Weiß ich nur dann, wenn ich vier Lösungsvorschläge habe“, 2 für „Klar Mann, ruf an“. Erst einmal rief allerdings ich sie an, um zu fragen, ob sie mitmachen wollten.

Auf keinen Fall wollte ich bei einer Geschichts- oder Politikfrage scheitern. Der Spott meiner Kommilitonen wäre mir für Jahrzehnte sicher gewesen. Ein ehemaliger Mitbewohner bewarb sich damals für den diplomatischen Dienst. Politik, Wirtschaft, Recht und Geschichte – eine gute Mischung, dachte ich. „Was ich weiß, weißt du doch wahrscheinlich auch“, sagte er, als ich ihn anrief. „Ach was“, sagte ich, „dann gleich eine Testfrage: Welcher Staat hat als einziger keine rechteckige Fahne?“ Nepal war die richtige Antwort. Er konterte: „Okay. Wer ist der Doyen des diplomatischen Korps?“ Der Botschafter des Vatikans, „Nuntius“ genannt, fungiert als Wortführer aller Diplomaten an einem Ort. So spielten wir am Telefon die Bälle hin und her und profitierten beide, sahen wir uns doch schon bald vor Deutschlands Oberdiplomaten sitzen: er im Auswärtigen Amt, ich bei Günther Jauch. Er sagte zu.

Ich wollte mindestens einen Mann und eine Frau. Ich wollte jemanden in meinem Alter und jemanden um die fünfzig – für alte Fernsehserien, ehemalige Postminister und Alltagswissen, das man eben erst im Laufe des Lebens sammelt und das man kaum erlernen kann: Topfpflanzen, Ölwechsel, alte Berufe. Heute kennt man eben eher Tweet als Tweed. Ich fragte auch einen Germanisten und Mathematiker, ebenfalls ein Ex-Mitbewohner, der sich mit Impressionisten ebenso gut auskennt wie mit der italienischen Fußballliga. Außerdem bat ich eine alte Schulfreundin um Hilfe. Sie studierte Medizin und hatte ihre Offiziersausbildung auf der Gorch Fock absolviert. Die, dachte ich mir, hat Ahnung von Segelbegriffen, wie sie alle naselang in Quizshows und in Kreuzworträtseln gefragt werden.

Dann ging es los, das Excel-Casting. In welcher Stadt starb Haydn? Was ist das längste Buch der Bibel? In welchen Jahren wurde Brasilien Fußballweltmeister? Woraus besteht Königswasser? Für mich als Nicht-Trinker besonders wichtig: die leidigen Cocktails. Bis Günther Jauch in mein Leben trat, war mir immer völlig egal, was die Hauptzutat für einen Mojito oder eine Bloody Mary ist. Nun musste ich es wissen. Von allen sieben Kandidaten bekam ich die Fragebögen zurück.

Manche wiegelten zwar ab („Hoffentlich findest du jemand Besseren“), aber das war nur Understatement. Aus ihnen wählte ich schließlich drei aus, die zusammen am besten alle Kategorien abdeckten: den Diplomatenanwärter, einen promovierten Biologen und den Mathematik-Kunstgeschichte-Fußball-Allrounder.

Ich selbst hatte mich schon angestrengt, den Joker so überflüssig wie möglich zu machen. Einen ganzen Ordner voller Wikipedia-Artikel, einige Dutzend Quizbücher und Ähnliches habe ich durchgearbeitet. Doch je mehr Fakten ich in mich reinstopfte, desto mehr fiel mir auf: Ganz egal, wie viel ich lernte – es würde die Frage kommen, bei der ich das Wissen der Telefonexperten brauchen würde. Für mich als Geisteswissenschaftler waren vor allem Naturwissenschaften hakelig. Falls sich jetzt jemand fragt, ob ich nicht die Idee gehabt hätte, einen Telefonjoker vor Google zu setzen: Na klar. Auch daran habe ich gedacht. Natürlich ist das möglich, wenn auch nicht erlaubt. Niemand überwacht die Telefonjoker. Aber wollte ich das? Dann hätte ich meinen Kindern später mal erklären müssen, dass Papa reich wurde, weil er betrogen hat.

Also ließ ich es bleiben. Es kam der Abend der Aufzeichnung. Kurz vor Beginn der Sendung warf ich noch mal einen letzten Blick auf die Tabelle. Wen anrufen, wenn ich nicht weiß, was ein Kürschner herstellt? (Er verarbeitet Tierfelle zu Pelzen.) Wen frage ich nach den Kindern von Prinz Haakon? Und wer kennt den Ausgang des Jahrhundertspiels Deutschland–Italien 1970?

Gegen 19.30 Uhr bekamen meine Joker von Wer wird Millionär? einen Anruf. Sie sollten sich jetzt bereithalten, ich hätte es in die Mitte geschafft. Und hat es mir am Ende etwas genutzt, das Casting? Ja. Dabei war es ausgerechnet der Telefonjoker, der mich als einziger eben nicht eine Runde weiterbrachte. Ich zog ihn als letzten, bei der 500 000-Euro-Frage. Und doch konnte er mir helfen. Denn wenn ein promovierter Biologe das „Igelkarussell“ nicht auf Anhieb kennt, dann musste mich meine Intui­tion trügen. Wenn er die Antwort nicht wusste, war die Frage zu knifflig für mich. Also hörte ich auf – und ging mit 125 000 Euro nach Hause.

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