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Freiheit auf den Schultern von Giganten

Mitte September wird in der Berliner Columbiahalle das so genannte Freie Wissen gefeiert: Musiker, Filmemacher und Programmierer zeigen in der Show des Freien Wissens, warum der Gedanke des Open Source auch auf Musik, Filme und andere Inhalte übertragen werden soll. Organisator Matthias Spielkamp (36), Redakteur bei iRights.info, erklärt im Interview, warum er glaubt, dass die 600 Teilnehmer an der Veranstaltung am 16. September ganz sicher nicht nur Computernerds sein werden.
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Warum soll ich nach Berlin kommen? Weil es da ganz viele richtig interessante Dinge zu entdecken gibt, die sonst vielleicht etwas schwierig zu verstehen sind. Du sprichst von der Freien-Software-Bewegung. Genau. Die gibt es schon seit über 20 Jahren. Aber in den letzten Jahren hat sich eine Bewegung entwickelt, die diese Freiheit auf andere Ausdrucksformen übertragen will. Auf Inhalte, die den meisten Leuten viel näher sind: auf Filme, Musik, Texte.

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Und wie bringt Ihr das auf die Bühne: Was gibt es zu sehen? Zum Beispiel disrupt, das ist ein Netlabel-Musiker aus Leipzig. Der wird nicht nur seine Musik vorstellen, sondern auch erklären, warum er das macht: Musik ins Netz stellen, ohne Geld dafür zu kriegen. Aha, und warum macht er das? Er selber sagt: Weil es ganz viele Sachen gibt, die sonst überhaupt nicht bekannt wären. Die meisten Menschen machen doch Musik, weil sie Spaß daran haben. Und jetzt gibt es eben die Möglichkeit, die übers Internet zu verbreiten. Und warum sollte man darauf verzichten? Na, weil es Arbeit ist und weil er damit kein Geld verdient. Das stimmt, erstmal. Aber natürlich können sich daraus auch Einnahmequellen entwickeln. disrupt z.B. wird auf Festivals eingeladen, wo er auch bezahlt wird. Die Idee dabei ist: In unserer heutigen Aufmerksamkeits-Ökonomie muss ich überhaupt erstmal bekannt werden. Und Musiker wie disrupt wollen halt nicht darauf warten, dass irgendein Scout von einer Plattenfirma sie entdeckt. Und er wird bei der Show ein Konzert geben? Nein, es gibt abends ab 22 Uhr eine Netlabel-Party, wo er auch dabei ist. In der Show, die am Nachmittag stattfindet, wird er zwar auftreten, aber kein ganzes Konzert spielen. Lawrence Lessig, der bekannteste Theoretiker der Freien-Kultur-Szene, wird auch kommen ... ... genau. Er wird die so genannten Creative Commons-Lizenzen vorstellen. Das klingt erstmal dröge: ein Jura-Professor stellt ein neurartiges Urherberrechts-Modell vor. Der ist alles andere als trocken. Larry Lessig ist tatsächlich kein gewöhnlicher Professor. Sein Vortrag wird in jedem Fall sehenswert – und interessant. Er wird erklären, wie er mit Creative Commons-Lizenzen die Idee der freien Software auf andere Medien übertragen will. Das ist für dich das Highlight der Show? Fast, das Highlight sind meiner Ansicht nach die freien Filme. Da kann man am besten sehen, wie weit sich die Geschichte schon entwickelt hat. Zum Beispiel an dem Film Elephants Dream, der mittlerweile schon über 500.000 Mal runtergeladen wurde.

Showmaster des Freien Wissens: Matthias Spielkamp organisiert die Veranstaltung in der Berliner Columbiahalle, Foto: Daniel Porsdorf, schein-berlin.de Warum machst Du Dir die ganze Arbeit: Was gefällt Euch an der Idee des Freien Wissens? Das hat der Gründer der Freien Software Bewegung Richard Stallmann gut auf den Punkt gebracht. Er sagt: Damit Wissen wachsen kann, muss es frei sein, nur dann kann anderes Wissen darauf aufbauen. Wissen zu monopolisieren ist problematisch. Das sehe ich auch so, es gibt da dieses schöne Zitat, das Newton zugeschrieben wird: „Ich kann weiter sehen als andere vor mir, weil ich auf den Schultern von Giganten stehe.“ Es gibt auch Leute, die argumentieren, Kreativität müsse durch ein starkes Urheberrecht geschützt werden. Die Situation ist heute die, dass starke Urheberrechte die Rechtverwerter schützen und nicht die Künstler. Gegen diesen Urheberrechts-Extremismus wenden sich diejenigen, die in der Szene aktiv sind. Es geht aber nicht gegen das Urherberrecht an sich. Ganz im Gegenteil. Es geht nicht darum, dass jetzt alles chaotisch und ungeregelt wäre. Dafür gibt es ja unter anderem die Creative Commons Lizenzen. Es gibt zum Beispiel die nicht kommerzielle Lizenz, d.h. Leute können meine Musik oder meine Filme in ihr privates Weblog stellen und dafür sorgen, dass ich bekannt werde. Wenn dann aber jemand mit meiner Musik eine Platte machen will, damit also Geld verdienen will, dann muss er mich fragen und mich daran beteiligen. Täuscht der Eindruck, dass die Freie-Inhalte-Bewegung in den letzten zwei Jahren extrem viel bekannter geworden ist? Die akademische Kritik an diesem Urheberrechts-Extremismus gibt es schon relativ lange, dass sich tatsächlich die breite Öffentlichkeit dafür interessiert, ist aber erst seit kurzem so. Es gibt viele Gründe, warum Leute beginnen, sich für die ganze Fragestellung zu interessieren, etwa weil sie Musik, die sie z.B. im iTunes-Musicstore gekauft haben, nicht auf ihrem iRiver-Player abspielen können. Weil das digitale Rechtemanagement (DRM) das unterdrückt. Das hat jetzt zwar nicht direkt mit der freien Bewegung zu tun, aber die Tatsache, dass die Rechte der Nutzer immer stärker eingeengt werden, macht die Leute neugierig, nach Alternativen Ausschau zu halten. Und wir stellen am 16. September einige davon vor. ------------------ Weiterlesen - im Netz und bei jetzt.de: Die Idee des Creative Commons ist bei iRights.info ziemlich gut erläutert. Weitere Informationen über die Show des Freien Wissens sowie ein Anmeldeformular gibt es hier. Auf jetzt.de gibt es mehr zum Thema (unter anderem ein Interview mit Lawrence Lessig) Schwerpunkt Urheberrecht

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