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Die Wahlkolumne (12): Klingelstreich

Die Grünen und die SPD setzen im Wahlkampf auf Klinkenputzen. Aber will man sich von einem sprechenden Wahlplakat vollquatschen lassen?
michele-loetzner
  • 987202


Die CDU, die FDP und die Linke stellen sich vor allem mit Infoständen auf Marktplätze oder halten Kundgebungen ab. Die SPD macht geschlossen Haustürwahlkampf, ebenso die Grünen. Dazu klingeln Helfer und Kandidaten und versuchen, potenzielle Wähler in drei Minuten zu überzeugen, ihre Partei zu wählen. Über das Für und Wider solcher Klingelstreiche zerbrachen sich unsere Leser zuletzt die Köpfe in einer Diskussion im Tagesticker auf jetzt.de. Der Tenor war im Großen und Ganzen: Keiner hat Bock, sich in wenigen Minuten von einem sprechenden Wahlplakat volllabern zu lassen. Sehe ich ähnlich. Ich öffne auch grundsätzlich nicht die Türe, wenn es ohne Anmeldung klingelt (GEZ, Zeugen Jehovas, mein bekiffter Nachbar). Nun habe ich aber kürzlich in dieser Kolumne großspurig angekündigt, dass ich vielleicht mit den kleinen Parteien liebäugeln würde. Und habe mir deshalb jetzt die Grünen extra an die Haustüre bestellt. Da fehlt dann zwar der Überraschungseffekt, die Situation ist aber trotzdem nicht total gestellt: Das kann nämlich jeder machen. Ein bisschen wie Call-a-Pizza, allerdings ohne genau zu wissen, wann die Pizza kommt. Eine Uhrzeit kann man nämlich nicht festlegen, aber zumindest erfahren, wann die Wahlkämpfer im Viertel unterwegs sind.

Montagabend steht dann Katharina vor der Tür, grüne Landtagskandidatin, blond, wasserfarbenblaue Augen, Grübchen. Und Georg, Grünen-Mitglied ohne Kandidatur-Wünsche, schon etwas älter, viele Sommersprossen, ausgesprochen megahöflich. Kurz reden wir an der Tür, dann bitte ich die beiden hinein. Wollen sie nicht, dürfen sie nicht. Ich insistiere, ich will ja mehr wissen. Warum soll ich die Grünen wählen? Überhaupt: Jetzt, wo sie da sind, sollen sie mir mal ihr Steuerkonzept erklären. Ich finde nämlich, dass ich wirklich mehr als genug Steuern zahle. Katharina ist gut vorbereitet, erklärt mir, dass die Grünen einen höheren Steuersatz ab 80 000 Euro Jahreseinkommen wollen. Und dann soll auch nur das Geld on top höher versteuert werden. Sprich: Bei 80 001 Euro zahlt man nur für den einen Euro mehr. Klingt sinnig. Gefühlt liegt in München nämlich das Wohlstandseinkommen nicht schon bei den 60 000 Euro, die die SPD angepeilt hat. Ja, ich weiß, das ist in anderen deutschen Städten anders, aber in dieser Sekunde an meiner Haustüre geht's ja erstmal um das Hier. Ob das deutschlandmoralisch kompatibel ist oder nicht, sei erst mal dahingestellt. Ich verdiene jedenfalls weder 80 noch 60 Tausender im Jahr, aber ich finde auch nicht, dass man die fleißigen Leute bestrafen muss. Stammtischparole? Maybe.

Katharina und Georg klingeln übrigens nicht zufällig. Sie gehen extra in Stadtteile, deren Bürger wahlmüde und sowieso rot-grün-affin sind. Um diese Viertel herauszufinden, haben sie sich die Wahlbeteiligungen der vergangenen Wahlen sehr eingehend angesehen. Abgewiesen werden sie übrigens selten, die meisten Leute haben Lust, über Politik zu reden. Entspricht irgendwie gar nicht dem Tenor aus dem Tagesticker, das überrascht mich. Im Gegenteil: Die Leute sind laut Katharina und Georg sogar eher froh, wenn sie mal face to face mit jemandem „von denen“ sprechen; mal ihren ganzen Frust über fehlende Kitas, überfälliges Anwohnerparken, zu teure Mieten oder administrativen Ämterwahnsinn auskotzen können. Ein bisschen wie ein Therapiegespräch. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich eine hanebüchene Ämteranekdote zum Besten gebe. Livecoach Katharina nickt: „Ja, das wollen die Grünen definitiv vereinfachen!“ Außerdem möchte sie klarstellen, dass die Grünen keine Partei der Verbote sind, wie erst kürzlich bei der Veggie-Day-Diskussion wieder angeführt, sondern dass sie lediglich erreichen wollen, dass die Leute nachdenken. Im besten Fall auch umdenken. Und die Energiewende ist ihr sehr wichtig. Mir auch. Aber ist das finanzierbar? I doubt it. Und gut, dass es die dritte Startbahn am Münchner Flughafen nicht gibt.

Ich fühle mich wie frisch von der Bekloppten-Couch: befreit!

Ha! Mein Thema! Ich war für die dritte Startbahn, weil ich glaube, dass München den Flughafen ausbauen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Katharina sagt, die Flüge würden zurückgehen, weil die Flugzeuge größer werden und mehr Menschen reinpassen. Außerdem muss es ja wohl keine Verbindung zwischen Nürnberg und München geben. Ich verstehe die Leute aus Nürnberg aber total, die lieber mit dem Flugzeug kommen und umsteigen, wenn sie nach New York wollen, als mit dem Zug und der S-Bahn erst nach München zu gondeln. Letztere braucht nämlich viel zu lange vom Hauptbahnhof, weil sie an jedem Löwenzahn hält. Die S-Bahn ist aber wiederum Bundessache, sagt Katharina. . .

So geht das eine Weile, dann verabschieden sich die Zwei. Als ich die Tür hinter ihnen schließe, fühle ich mich wirklich wie frisch von der Bekloppten-Couch: befreit. Die Diskussion hat gut getan. Mich haben zwei Menschen besucht, die mir das Gefühl gegeben haben, etwas verändern zu wollen. Und denen völlig klar ist, dass sie erstmal keine Mehrheiten bekommen werden. Aber sie nehmen ihre Opposition sehr ernst, sind bereit für Umwelt und soziale Fixpunkte zu kämpfen. Nicht auf diese oberlehrerhafte Art wie die Linke, auch nicht so schnöselig pseudotolerant wie die FDP. Selbst wenn ich nicht mit allem übereinstimme: Die Grünen geben mir das Gefühl, zumindest mal auf Missstände aufmerksam machen zu können. Als ich am nächsten Tag zwei Pferdejacken-Muttis in ihren SUVs miteinander um einen Parkplatz vor dem Bio-Supermarkt streiten sehe, finde ich das 80 000-Euro-Limit noch besser als zuvor.


Text: michele-loetzner - Illustration: katharina-bitzl

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