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2200 Euro netto für den Ingenieur

Lorenzo war anfangs überfordert – aber will jetzt noch richtig was reißen.
Protokoll von Mercedes Lauenstein
  • job kolumne ingenieur
    Foto: privat

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

 "Was macht man da denn eigentlich?" Unter dem Begriff "Ingenieur" können sich die Leute meist nichts vorstellen, und das, obwohl es ja noch eine der bekannteren Berufsbezeichnungen ist. Ich sage dann: Ich bin in der Optikbranche tätig, meine Firma stellt optische Messgeräte her. Optische Messgeräte braucht man zum Beispiel, um die Güte der in Smartphones verbauten Kameralinsen zu vermessen.

Der Weg

Ich habe ein sehr gutes Abitur gemacht, die Schule ist mir leichtgefallen. Am besten war ich in Mathe und Physik. Technische Sachen liegen mir, an etwas herumschrauben und verstehen, wie es funktioniert. Oder Programmieren. Aber was ich aus diesen Interessen beruflich machen konnte, konnte mir keiner sagen. In meinem Umfeld gab es einfach niemanden, der vom Studieren Ahnung hatte. Meine Freunde waren ja alle genauso alt wie ich, mein Vater Elektriker und meine Mutter leitende Angestellte im Wasserwerk. Die haben mich zwar immer ermutigt, Abitur zu machen und zu studieren und mir die Welt anzusehen, aber konkret helfen konnten sie leider nicht.

 

Ich habe mich zuerst aus Verlegenheit für Medizin beworben. Das geht immer, dachte ich. Aber auf Dauer so eng mit und am Menschen arbeiten – nee, darauf hatte ich dann doch keinen Bock. Irgendwie bin ich schließlich zu Biotechnologie gekommen, was mir aber nur so halb gefallen hat. Ich bin während des Studiums dann für ein Jahr nach Italien gegangen, habe die Sprache gelernt und den Bachelor gemacht, und mich danach für den Master in Mikro- und Nanotechnologie in Ilmenau beworben. Das war die beste Entscheidung, endlich wurde es mal richtig physikalisch-technisch. Nach dem Abi hätte ich mir das noch nicht zugetraut. Eigentlich naiv. Aber ich hatte damals eben noch zu viel Angst, zu versagen. Ich dachte, so ein Fach studieren bestimmt nur die totalen Superbrains, da kann ich niemals mithalten und dann bin ich am Ende immer nur der arme Hans Dumm. Im Nachhinein natürlich total bescheuert. Die sind ja auch alle erst 18 oder 20, kommen direkt von der Schule und wissen noch nicht viel von der Welt und vom Studieren. Im Grunde geht bei allem immer nur um die Bereitschaft, sich hinzusetzen und zu lernen.

 

Weil ich meine Abschlussarbeit in Mikro- und Nanotechnologie dann in einem großen Konzern mit optischen Messgeräten gemacht habe und gemerkt habe, dass mir der Messtechnik-Bereich sehr gut gefällt, habe ich mich danach einfach auf eine entsprechende Stelle beworben. Und sie glücklicherweise gleich bekommen. Offiziell lautet meine Stellenbezeichnung jetzt „Produktmanager“, ich bin damit ziemlich selbstständig und wie eine Art CEO für ein bestimmtes Messgerät meiner Firma verantwortlich, arbeite mit meinem Team aber auch an der Ausarbeitung neuer Geräte.

 

Die Erwartungen

Meine wichtigste Erwartung an meinen Job war eigentlich immer nur, dabei etwas zu lernen. Technische Sachen zu verstehen. Ich bin einfach ein Nerd. Für interessante Projekte würde ich sogar unbezahlte Überstunden machen. Darüber hinaus, klar: Ein nettes Team. Aber diese ganze Sache mit „Finde deinen großen Lebenstraum“ fand ich schon immer ein bisschen überbewertet. Ein Job ist halt ein Job und jeder Job hat Vor- und Nachteile. Wenn man in seinem Job etwas lernen kann und seine Fähigkeiten ausspielen, hat man doch schon viel erreicht. 

Der schwere Anfang 

Die Herausforderung, die ich mir gewünscht hatte, habe ich bekommen. Und zwar im Übermaß. Als ich neu in die Firma kam, gab es intern gerade einige Umstrukturierungen und es hatte keiner richtig Zeit, mich einzuarbeiten. Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen und war ziemlich überfordert von meinen Aufgaben und meiner Verantwortung im Produktmanagement. Abends bin ich oft geknickt nach Hause gegangen und habe an mir und dem Job gezweifelt. Noch dazu war die Umstellung vom amateurhaften Studentenstatus zum verantwortungsvollen Angestellten echt ungewohnt. Ziemlicher Praxisschock insgesamt. Aber: Nach ein paar Monaten hat sich das eingeschliffen. Jetzt checke ich, was los ist und fühle mich richtig wohl.  

Die Anerkennung 

Ich glaube, das Allerschönste im Job ist einfach, irgendwann die Wertschätzung der eigenen Person und Expertise zu spüren. Ich hätte nie gedacht, wieviel das mit einem macht. Wenn man mit Kollegen arbeitet, die einem zeigen, dass sie einem voll und ganz vertrauen. Auf einmal checkt man: Wow, ich bin eine total integre Person, die hier ihre Aufgaben hat und diese Aufgaben völlig eigenständig bewältigt, Sachverhalte klärt, Abläufe organisiert, Probleme löst und dafür ehrlichen Respekt entgegengebracht bekommt. Auch von älteren Leuten, die schon lange im selben Feld arbeiten und viel mehr Erfahrung haben als man selbst. Überhaupt zu merken, dass man echt was gelernt hat in den letzten Jahren, nicht einfach so ins Blaue studiert hat, sondern wirklich neue Fähigkeiten erworben hat, ist wahnsinnig erhebend. Ich kann jetzt Dinge, die ich vorher nicht konnte und die auch wirklich nicht jeder kann. Und das erstreckt sich gar nicht mal nur auf die Ingenieurs-Expertise, sondern auch auf so banale Sachen wie professionell und seriös E-Mails formulieren können oder Kundengespräche führen.

 

In der Schule und in der Uni hatte ich, im Nachhinein betrachtet, echt viele Selbstzweifel. Es fehlt einem einfach die Außenansicht, echtes, unabhängiges Feedback. Im Job passiert das dann. Da tritt man endlich mal auf die Bühne und kann zeigen, was man kann und bekommt Anerkennung. Und dann schafft man es auch viel eher mal, so richtig ehrlich stolz auf sich zu sein. In Deutschland wird man ja sowieso leider immer eher zu Zweifeln und Demut erzogen als zu Wagemut und Selbstbewusstsein. Ich bin, was das angeht, in dem einen ersten Jahr meines Arbeitslebens innerlich richtig gewachsen.

 

Mir gefällt auch, dass ich mit vielen jungen Ingenieuren zusammenarbeite. In vielen Ingenieursfirmen herrscht diese typisch deutsche Altersstruktur: Viele Alte, wenig Junge. Bei uns sind es mehr junge Leute als Alte und das merkt man. Die sitzen nicht nur ihre Zeit bis zur Rente ab, sondern haben tausend Ideen und Pläne und wollen noch so richtig was reißen im Leben. Das motiviert.  

Der typische Arbeitstag 

Ich fahre morgens um acht in die Firma, wo ich mit vier Kollegen ein Büro teile. Ich mache mir eine Kaffee, checke Mails. Das sind dann meistens so typische Kundenanfragen, z.B. von Firmen, die das von mir betreute Messgerät nutzen und damit ein Problem haben, das über die Expertise unseres Servicecenters hinausgeht. Deshalb wird die Anfrage an den "High Level Support" weitergeleitet, heißt: an einen Ingenieur wie mich, der sich mit der Technik des Gerätes konkret auskennt.

 

Und dann mache ich mir einen Tagesplan. Der ist jeden Tag ein bisschen anders. Ich bin da mein eigener Herr. Ich muss nicht dauernd zu meinem Abteilungsleiter und von ihm alles absegnen lassen. Wenn ich Lust auf Büroarbeit habe, mache ich Büroarbeit. Ich schaue mir Arbeitsprozesse in unserer firmeninternen Software an, verfolge Planungen, kontrolliere und korrigiere Stücklisten aus der Montage, sortiere und aktualisiere in Projektordnern wichtige Dokumente, damit alles gepflegt und aufgeräumt bleibt, und so weiter. Oder ich gehe in die Montage, also in die Werkstatt. Die ist bei uns noch mit im Haus und nicht ausgelagert. Dort schaue ich nach, wie die Monteure zurechtkommen, ob irgendjemand Fragen hat oder etwas bei einem Gerät nicht passt, das wird ja alles per Hand zusammengeschraubt. Da helfe ich dann oft mal bei irgendeiner Sache nach und schraube mit.

 

Oder ich treffe mich mit meinem Entwicklungsteam und wir entwickeln, manchmal auf Grundlage eines Patents, einen Prototyp für ein neues Gerät – fertigen technische Zeichnungen an, überlegen, wie man das bauen kann, was es für Probleme gibt, wie man die lösen kann. Das ist eigentlich der Teil des Jobs, wo man am klassischsten Ingenieur ist: Da tüftelt man so richtig, wie man es sich vorstellt: man arbeitet mit Schrauben, Messgeräten, und so weiter. Ich würde sagen, alles zusammen sitze ich 35 Prozent meines Arbeitstages am Schreibtisch, die restliche Zeit bin ich in der Firma unterwegs.

 

Mit dem Angestellten-Dasein komme super klar. Man muss einfach nicht so viel selber planen und hat einen externen Rhythmus, der einen ganz stabil durch den Alltag trägt. Ich genieße das und fühle mich davon überhaupt nicht fremdbestimmt. 

Das Geld 

Mein Einstiegsgehalt lag bei 3.500 brutto, jetzt beträgt es nach einem Jahr bereits 3.700. Nach dem ersten Jahr gab es aber für alle in der Firma eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent, weil es so ein gutes Jahr war. Im Moment bleiben mir davon etwa 2.200 netto im Monat. Ich will das aber natürlich stetig erhöhen und finde, dass ich auch gute Argumente parat habe. Ich habe einige größere Projekte bewerkstelligt, die Firma sehr gut repräsentiert und ein paar Extra-Sachen gemacht, wie zum Beispiel die Moderation einer Firmenveranstaltung übernommen. Ich finde, ich mache wirklich gute Arbeit.

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