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2300 Euro brutto für den Justizvollzugsfachwirt

Thorsten (26) arbeitet täglich mit allen möglichen Straftätern zusammen. Angst hat er aber keine.
Protokoll von Madeleine Buck
  • job kolumne justiz
    Foto: privat

Thorsten Kemper (26) ist seit über drei Jahren in der niedersächsischen Justizvollzugsanstalt Meppen als Justizvollzugsfachwirt angestellt. Unwissende nennen ihnen „Schließer“ oder „Gefängniswärter“. Das stört ihn aber wenig. Nur die Vergleiche mit klischeehaften US-Serien kann er nicht nachvollziehen.

Die Arbeit mit Straftätern

Die inhaftierten Männer sind aus allen möglichen Gründen hier, von Diebstahl bis Totschlag. Trotzdem müssen wir alle gleich behandeln. Auch wenn das nicht immer leicht ist. Manchmal interessiert es einen schon, was derjenige gemacht hat, weil er so harmlos rüberkommt. Da schaut man dann mal nach, warum er im Gefängnis ist – und wünscht sich gleich wieder, man hätte es gelassen. Aber ich kann das ganz gut ausblenden. Das muss man auch. Ich wusste ja von vornherein, worauf ich mich einlasse.

 

Wenn ich die Inhaftierten abends einsperre, ist das natürlich kein schönes Gefühl. Da bekommt man auch mal Sprüche wie „Ist das Ihr Traumjob? Türen zuzuschließen?“ an den Kopf geworfen. Meist sollte man darauf gar nicht eingehen. Andere Inhaftierte machen Späße beim Einschließen und bitten einen, sie mit nach Hause zu nehmen. Das muss man einfach locker nehmen. Es kann auch schon mal vorkommen, dass man die Inhaftierten nach ihrer Haft auf der Straße trifft. Meistens nickt man sich nur kurz zu, andere erzählen aber auch erfreut über ihr jetziges straffreies Leben. Viele ergreifen aber auch schlagartig die Flucht, wenn sie mich sehen. Die Scham ist dann anscheinend einfach zu groß.

 

Die Angst

Vor zwei Wochen wurde ich das erste Mal von einem Inhaftierten angegriffen. Wir tragen am Tag keine Waffen bei uns, sondern nur eine Personen-Notsignal-Anlage (PNA). Da muss man einfach an einer Schnurr ziehen und die Kollegen sind innerhalb kürzester Zeit bei einem. Bei diesem Inhaftierten hatte ich schon das Gefühl, dass gleich etwas passieren könnte, er war schon seit Wochen schlecht drauf. Deshalb habe ich vorab bereits an der Schnur gezogen, weil ich annahm, dass die Situation zu eskalieren drohte, da der Inhaftierte immer aggressiver wurde. Kurz darauf stieß er erst meinen Kollegen zur Seite, um anschließend auf mich loszugehen. Zum Glück wurden wir beide nicht verletzt. Mit mehreren Kollegen haben wir ihn dann in einen besonders gesicherten Haftraum gebracht. Er wurde am nächsten Tag umgehend in eine andere JVA verlegt. Ich war direkt nach dem Vorfall noch etwas angespannt, aber es war klar, dass das irgendwann passieren würde. Deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken. Man kann davor sowieso nicht wegrennen.

 

Psychisch ist das trotzdem sehr anstrengend, da man sich immer konzentrieren und auf alles gefasst sein muss. Man kann nicht einfach unaufmerksam durch die Gänge laufen, sondern muss auf Besonderheiten achten. Wenn zum Beispiel eine komische Stimmung zwischen Inhaftierten in der Luft liegt, merkt man das meist sofort und versucht es bereits vorab zu klären, bevor die Situation zu eskalieren droht. Betriebsblindheit wäre in diesem Beruf fatal.

 

Der Alltag

Beim Frühdienst müssen wir um 5.30 Uhr in der JVA sein. Um 6 Uhr führen wir dann während des Aufschlusses zuerst eine Lebendkontrolle durch. Wie der Name schon andeutet, schauen wir, ob alles in Ordnung bei den Inhaftierten ist. Das zeigen sie uns, in dem sie etwas sagen oder sich einfach ein bisschen bewegen. Die Lebendkontrolle machen wir dreimal täglich: morgens, mittags, abends. Mir ist es noch nicht passiert, dass sich jemand etwas angetan hat. Das kommt auch eher selten vor.

 

Um 7 Uhr werden die Insassen dann zur Arbeit geleitet. Dort führen sie verschiedene Arbeiten in unseren Betrieben aus. Diejenigen, die eine schulische Aus- oder Weiterbildung während der Haft machen, bringen wir um 7.45 Uhr zur Schule in der JVA. Im Laufe des Tages kommen immer wieder Termine, bei denen wir die Inhaftierten an Kollegen übergeben müssen, zum Beispiel zu Gerichtsterminen.

 

Pro Schicht machen wir auch zwei Kontrollen der Hafträume. Da schauen wir, ob in den Zellen alles ordentlich ist. Wir suchen nach unerlaubten Gegenständen, wie Rasierklingen, Drogen oder spitzen Waffen. Obwohl wir zwar alle kontrollieren, kann da mal etwas durchrutschen. Bei den Verstecken kann man manchmal echt nur den Kopfschütteln. Beispielsweise hat einer die Rückseite eines an der Wand angeschraubten Regals ausgehöhlt, um dort ein Handy zu verstecken. Die Leute haben hier einfach viel Zeit zum Überlegen ­– auf solche Ideen würde ich gar nicht kommen.

 

Der Weg

Eigentlich hab ich eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel gemacht. Das war mir aber nicht abwechslungsreich genug. Der neue Beruf sollte auf jeden Fall zukunftssicher sein. Ein Kumpel erzählte mir damals zufällig von seiner Arbeit als Justizvollzugsfachwirt. Da bin ich neugierig geworden. Auch ein sicheres Beamtenverhältnis reizte mich.

Nach einer schriftlichen Bewerbung, einem bestandenen Rechtschreib- und Sporttest wurde ich dann zum Eignungsauswahlverfahren eingeladen. Dort gab es wieder ein paar Tests. Nachdem ich das geschafft hatte, musste ich noch ein Rollenspiel machen, in dem ich in einer alltäglichen Situation ein Problem lösen sollte. Hat man ein positives Feedback erhalten, musste man nur noch die letzte Hürde überwinden, ein Gespräch mit mehreren Vorgesetzten.  

Die Probleme im Gefängnis

Es ist immer schwierig zu sagen, wie ein Inhaftierter reagiert, wenn er einen Antrag nicht genehmigt bekommt. Beispielsweise, wenn ein Besuchsantrag abgelehnt wurde, weil der Besucherraum für den Tag schon ausgebucht war. Die Reaktionen dazu sind unvorhersehbar. Auch der Inhaftierte, der mich angegriffen hat, hatte sich am Tag zuvor noch für seine miese Laune und sein aggressives Verhalten entschuldigt – und ist am nächsten Tag durchgedreht.

 

Allgemein finde ich auch, dass es mit den Drogen in den letzten Jahren schlimmer geworden ist, weil es immer mehr Arten von Drogen gibt, die man mit dem bloßen Auge schlecht erkennen kann, da sie beispielweise Produkten, wie dem normalen Tabak, sehr ähneln. Es wurden in der letzten Zeit auch häufiger Besucher dabei erwischt, wie sie versucht haben, dem Inhaftierten während des Besuches Drogen zu übergeben. Daran erkennt man deutlich, was für einen hohen Stellenwert die Drogen im Gefängnis haben und dass es immer mehr werden. Aber das Problem gibt es in jeder JVA.

 

Die Erwartungen

So richtige Erwartungen an den Job hatte ich vorab nicht. Den Umgang mit den Inhaftierten habe ich mir allerdings teilweise nicht so locker vorgestellt, sondern eher angespannter. Aber wenn man ihnen freundlich gegenüber ist, zollen sie einem auch Respekt. Obwohl man unweigerlich eine Beziehung aufbaut, ist es auch wichtig, Distanz zu wahren. Viele Insassen wollen das gute Verhältnis zu den Beamten nutzen, um sich Vorteile zu verschaffen. Zum Beispiel, dass ihre Hafträume über den Tag länger offen bleiben dürfen. Aber man darf da einfach niemanden bevorzugen.

 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Am häufigsten werde ich gefragt, ob wir auch Mörder in der JVA haben. Ich antworte dann immer, dass es bei uns das ganze Spektrum gibt. Genau darf ich über die einzelnen Straftaten aber sowieso nicht sprechen, das hat etwas mit dem Datenschutz der Insassen zu tun. Häufig denken die Leute auch, dass wir wie in den amerikanischen Serien mit riesigen Waffen durch das Gefängnis laufen und es ständig Schlägereien und Angriffe auf uns gibt. Das entspricht aber gar nicht der Realität

 

Frauen finden es auch beeindruckend, wenn ich ihnen von meinem Beruf erzähle. Vermutlich weil sie den harten Mann aus den Fernsehserien vor Augen haben.  Von Freunden hör ich dann allerdings schon mal Kommentare wie: „Da kommt der Schließer.“ Darüber kann ich aber lachen.

 

Das Gehalt

Im Moment bekomme ich 2300 Euro brutto. Bei uns ist das Gehalt in Erfahrungsstufen gestaffelt. Je länger man in dem Beruf ist, desto mehr Geld bekommt man. Ich bin zur Zeit in der dritten von insgesamt zwölf Stufen. Wenn man heiratet oder Kinder bekommt, gibt es dann auch noch einmal Zuschläge. Ich bin sehr zufrieden damit, vor allem, wenn ich an die spätere Familienplanung denke.

     

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