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1900 Euro brutto für den Physiotherapeuten

Leon (21) ist seit einem halben Jahr Physiotherapeut – der Job ist eine Herzensangelegenheit für ihn.
Protokoll von Lara Thiede
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Der Spruch auf der Party

 

Frauen bringen fast immer den gleichen Spruch, wenn sie mich auf einer Party kennenlernen: „So so, Physiotherapeut, dann massier' mich doch mal!“ Und auch Männer erhoffen sich gleich einen Nutzen von der Bekanntschaft mit mir: Sie wollen zwar seltener massiert, dafür aber lieber beraten werden. Meistens geht es da um irgendwelche Bänder, die sie sich beim Sport gezerrt haben. Ich finde das super, denn die Reaktionen brechen gleich das Eis und mein Beruf wird zum Gesprächsthema. Dann finden die Menschen auch schnell heraus, dass Physiotherapie in einer Klinik so gut wie gar nichts mit Rückenmassieren zu tun hat. Für viele „revolutioniert“ das Gespräch das Physiotherapeuten-Bild in ihrem Kopf sogar. 

 

Was ich wirklich tue

 

Denn Physiotherapeuten sind für die meisten Leute erst einmal Menschen mit ruhiger Stimme, eigener Massageliege und einer kleinen Praxis, die im besten Fall nach ätherischen Ölen riecht. Selbst ich wusste vor der Ausbildung nicht, dass es Physiotherapeuten auch in Krankenhäusern gibt. Nun bin ich aber selbst Therapeut in einer Klinik, von Montag bis Freitag im Dienst, die meiste Zeit auf der Pneumonie-Station, wo sich alles um die Lunge dreht. Ich zeige meinen Patienten zum Beispiel, wie man mit einer verkleinerten Lunge möglichst effektiv atmet oder bei Panikattacken Erstickungs-Anfälle vermeidet. Außerdem mache ich Gymnastik mit ihnen. Wer etwa mobil bis an die Bettkante ist, kann so lernen, wieder selbst in den Toilettenstuhl zu kommen. Dienstag und Donnerstag leite ich auch eine Gruppentherapie für Suchtpatienten. Dort machen wir hauptsächlich Gymnastik – das gemeinschaftliche Sporttreiben ist nämlich das beste Mittel gegen Entzugserscheinungen. Wenn Kollegen krank sind, bin ich auch auf der Intensivstation oder der Thoraxchirurgie eingesetzt. Nach einer Operation bin ich dann zum Beispiel für die Narbenmassage zuständig – ich dehne das betroffene Gewebe, damit sich keine Klumpen bilden.

 

Für jeden Patienten habe ich im Schnitt 30 Minuten Zeit, je nach Bedürftigkeit auch kürzer oder länger. Für die Arbeit im Krankenhaus ist das eine Menge, ich kann so auf jeden Patienten individuell eingehen. Bei Krebspatienten mit schlechter Prognose kommt es zum Beispiel auch vor, dass ich eine halbe Stunde lang nur mit ihnen rede oder ihre Hand halte. Einfühlungsvermögen und Geduld sind deshalb Grundvoraussetzungen für jeden Physiotherapeuten. 

 

In meiner Klinik, einer sogenannten Akutklinik, ist das Ziel generell, die Patienten überhaupt „alltagsfähig“ zu machen. Durch die Therapie ermöglichen wir ihnen beispielsweise, lange genug stehen zu können, um sich selbst das Essen zu kochen. Am Ende meines Arbeitstages dokumentiere ich die einzelnen Fälle, wer welche Probleme hat und wem welche Fortschritte mit welcher Therapie gelungen sind.

 

Was man schwer erträgt

 

Die meiste Zeit bin ich total begeistert von meinem Beruf. Man hat wirklich das Gefühl, Leben verbessern zu können. Allerdings wird man im Krankenhaus natürlich auch mit dramatischen Schicksalen konfrontiert – und es ist schrecklich, wenn ein alter Mann stundenlang bitterlich weint, weil seine Frau nach 60 Jahren Ehe gerade gestorben ist. Da stehst du dann, kennst die Lebens- und Liebesgeschichte, zerbrichst innerlich und kannst nur sagen: „Mein Beileid“.

Ob ich deshalb für immer als Physiotherapeut arbeiten kann und will, weiß ich nicht. Denn ich lasse diese traurigen Momente oft zu nah an mich heran. Vielleicht lerne ich aber in den nächsten Jahren noch, wie man die professionelle Distanz besser wahrt. 

Ich hasse es außerdem, für andere entscheiden zu müssen. Man kann sich schließlich nie sicher sein, ob die eigene Entscheidung tatsächlich besser ist, als die der entmündigten Betroffenen. Eine ältere, stark demente Patientin beispielsweise lag schon sehr lange im Bett und wollte sich nicht bewegen lassen.

Weil aber die Gefahr für Folgeerkrankungen oft steigt, wenn ein Patient zu lange liegt, entschieden der Arzt und ich, dass Bewegung sein müsste. Die Frau bezeichnete es als Folter, als ich versuchte, sie hinzusetzen, beschimpfte und haute mich, rief immer wieder nach ihrem Mann. Ich ertrug es und machte weiter. Am nächsten Tag war die Frau tot. Sie hatte ohnehin schon eine schlechte Prognose, ihre Lebenszeit war begrenzt  - trotzdem mache ich mir Gedanken, ob ich nun vielleicht mit dem Zeitpunkt des Todes etwas zu tun gehabt habe. Die Verantwortung belastet mich oft.

 

Wie ich dort hingekommen bin

 

Schon als Jugendlicher musste ich meinen heißgeliebten Sport Fußball aufgeben, denn ich hatte chronisch starke Schmerzen im Rücken. Der war „schief“ und ich musste deshalb regelmäßig zu einer Physiotherapeutin, die ihn sehr gut stabilisiert hat. Ich war total begeistert davon, was man mit der Physiotherapie alles erreichen kann und habe deshalb sofort nach meiner mittleren Reife eine Ausbildung zum Physiotherapeuten angefangen. Diese Zeit war anstrengend, weil ich viel lernen musste, aber auch unglaublich schön. Denn ich war fasziniert von all dem Wissen, das ich dort mitnehmen konnte und erlebte auch schnell Erfolge.

 

Im Praktikum in der Neurologie betreute ich zum Beispiel mal einen Patienten, der gerade einen Schlaganfall erlitten und danach kein bisschen Muskelkraft mehr im Bein hatte. Der Mann weinte damals viel. Wir trainierten zwei Wochen lang intensiv. Erst musste ich seine Beine noch führen, um ihn fortzubewegen. Durch eine Elektrotherapie stellten wir dann langsam wieder die Muskelkontraktionen her, später übten wir den Stand und die Balance. Er merkte, dass er an Kraft gewann und fasste wieder Vertrauen zu seinem Bein. So konnten wir dann auch mit dem Laufen beginnen: Ich hing eine Art Gürtel an der Decke auf, in den er hineinsteigen konnte. Die Vorrichtung entlastete das Bein und stürzen konnte er eben auch nicht. Der Gürtel wurde schließlich gegen einen Gehwagen ausgetauscht, später haben wir auch das Treppensteigen geübt. Es gibt keine schönere Erinnerung als die an den Moment, als der Mann am Ende der gemeinsamen Zeit alleine aus dem Gebäude lief.

 

Neben solchen Erlebnissen war mir das Liebste an meinem Beruf, dass man ihn überall ausüben kann. Schon kurz nach der Ausbildung bin ich nach Colorado, in den USA,  gegangen, um dort als „Professional Au Pair“ einen Autisten zu betreuen. Danach habe ich auch kurz in Indien als Physiotherapeut gearbeitet. Die Fälle, mit denen ich dort zu tun hatte, waren viel extremer als alles, was ich in Deutschland bis dahin erlebt hatte. Ein Kind zum Beispiel hatte eine Spina Bifida, einen offenen Rücken. In Deutschland wird die Krankheit schon vor der Geburt oder in den ersten Tagen nach der Geburt behandelt. Beim jugendlichen Patienten kann man eigentlich nicht mehr viel tun, außer dafür zu sorgen, dass er möglichst selbstständig ist. Sterben werden diese Patienten leider ohnehin sehr früh.

 

Zurück in Deutschland musste ich mich dann erst einmal wieder einleben und arbeitete ein wenig bei der Post. Seit einem halben Jahr bin ich jetzt festangestellt im Krankenhaus.

Wie viel ein Physiotherapeut verdient

 

Ich arbeite 30 Stunden pro Woche und verdiene 1900 Brutto und 1250 Netto. Damit habe ich schon großes Glück – ich kenne viele Kollegen, die mit mir zusammen die Ausbildung gemacht haben und jetzt im Vollzeitjob 1600 Brutto verdienen. Bis jetzt komme ich auch super mit dem Geld zurecht. Ich habe sogar mehr davon, als ich momentan ausgebe. Das liegt natürlich auch an meinem derzeitigen Lebensstil. Denn ich lebe mit drei Mitbewohnern zusammen und brauche nicht viel zum Glücklichsein. Wenn ich allerdings mal Kinder haben sollte, werde ich mit meinem Gehalt sicher nicht mehr so gut hinkommen. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich jetzt nebenbei noch BWL studiere. Ich möchte die Möglichkeit haben, einmal mehr Geld zu verdienen. Generell würde ich aber jedem, der Physiotherapeut werden möchte, raten, sich nicht von dem geringen Gehalt abschrecken zu lassen. Denn der Beruf macht Spaß und das ist zumindest mir deutlich wichtiger, als viel Geld zu haben.

 

Was mein Beruf mit meinem Privatleben macht

 

Abgesehen davon, dass ich mich gedanklich schlecht von der Arbeit befreien kann, lässt sich der Beruf super mit meinem Privatleben vereinbaren. Meine Familie und Freunde finden meinen Job auch total gut. Bei medizinischen Fragen werde ich noch vor allen anderen konsultiert und ich freue mich darüber, ihnen helfen zu können. 

 

Allerdings ist meine Freundin auch manchmal ein bisschen genervt, wenn ich sie für ihre Haltung kritisiere oder zum Sport antreiben will. Ich kann mich da aber einfach nicht zusammenreißen. Ich selbst achte, seit ich Physiotherapeut bin, sehr auf mich, ernähre mich gesund, meditiere, mache Yoga. Meine Tage beginnen mit Dehnungsübungen und Rückenkräftigung. Früher saß ich mit einem richtig krummen Rücken auf dem Rad, heute sieht das schon deutlich besser aus.

 

 

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