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Kokosmilch statt Kaffee

Programmieren unter Palmen, Werbetexten in der Hängematte: Wie schön, wenn man mal anderswo arbeiten könnte. Denn oft ist nicht der Job selbst so ermüdend, sondern die triste Büroatmosphäre. Dann nimmt man statt einem Sabbatical einfach ein Jobbatical.
kristin-hoeller

Im Grunde ist das Arbeiten im Ausland ja nichts Neues. Die fixe Idee von "Work and Travel" etwa treibt viele junge Menschen nach der Schule nach Neuseeland oder Kanada. Nur, dass man da dann eher Kiwis pflückt oder auf einer Farm aushilft. Was ja auch völlig okay ist, denn eigentlich geht es eher darum, im Wochentakt neue Leute kennenzulernen und sich im Hostel mit unbekanntem Bier zu betrinken.

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Wenn man dann aber langsam im echten Leben angekommen ist und nach dem Studium einen echten Job hat und dafür täglich acht Stunden in einem schlimmstenfalls fast fensterlosen Betonklotz in Bielefeld verbringt, dann kann es vorkommen, dass man sich wehmütig an die Kiwipflückerei erinnert. Und sich denkt: noch mal Reisen, jaja. Das wär’s jetzt.

Gleichzeitig ist einem aber klar, dass die Hilfsarbeiten, mit denen man sich damals sein Billigbier verdient hat, heute nicht mehr infrage kommen. Weil man sich ja irgendwie weiterentwickelt hat. Weil man an den Aufgaben gewachsen ist, die man täglich im Job vorgesetzt bekommt. Und weil die Arbeit ja im besten Fall nicht nur Mittel zum gefüllten Konto ist, sondern auch ein Stück Selbstverwirklichung.

Genau für diese Art Ansprüche hat die Estländerin Karoli Hindriks im Herbst 2014 ein Unternehmen gegründet: Jobbatical. Die Bezeichnung selbst ist eine Mischung aus den Worten Job und Sabbatical; Letzteres bezeichnet eine vom Arbeitgeber unterstützte Auszeit vom Job. Hindriks’ Online-Plattform www.jobbatical.com bietet aktuell knapp 250 Angebote aus fast 40 Ländern an. Viele davon sind auf IT-Spezialisten zugeschnitten – Programmieren lässt es sich schließlich auch vom Strand aus, solange es dort Wlan und Strom gibt. Aber auch Marketing-Experten, Manager und Designer werden für Zeiträume zwischen drei und zwölf Monaten gesucht.

Was sind das für Unternehmen, die erfahrene Mitarbeiter für eine derart kurze Zeit aus dem Ausland anheuern? Viele davon sind Start-Ups und haben ihren Sitz in den weniger entwickelten Ländern: Die meisten Angebote kommen aus Singapur, aber auch Indonesien und Thailand bieten viele Arbeitsstellen. Das bietet für beide Seiten natürlich entscheidende Vorteile: Die Unternehmen bekommen die qualifizierten Fachkräfte, die im eigenen Land womöglich schwer zu finden sind und die Arbeitnehmer arbeiten im Gegenzug an den Traumstränden Südostasiens.

Das Gehalt, das für die Arbeit im Ausland gezahlt wird, ist zwar oft niedriger als das, was man zu Hause mit der gleichen Arbeit verdienen würde, allerdings werden die Kosten für Unterkunft, Sprachkurse und Verpflegung meist vom Unternehmen getragen. Manchmal besteht sogar die Möglickeit, nach dem Jobbatical unbefristet übernommen zu werden. Der Job daheim muss aber nicht zwangsweise gekündigt werden. Oft kann man eine solche Auszeit mit dem Arbeitgeber absprechen und ein Jahr später etwa in den Bielefelder Betonklotz zurückkehren.

Mag sein, dass das Jobbatical unsere Lust auf Abenteuer mit unserem heimlich gehegten Bedürnis nach Sicherheit vereinbart. Klingt natürlich erstmal super, ein Jahr lang Reisen und Feiern und Lesen und Schlafen. Aber so ganz ohne Geldverdienen? So ganz ohne tägliche Routine? Hm.

Vielleicht hat der Erfolg dieses Prinzips auch etwas mit dem so eifrig besungenen Prinizp der Work-Life-Balance zu tun: Zu einem erfüllten Leben gehört eben auch ein erfüllender Job. Und wenn der dann auch noch an einem Ort erledigt wird, der nach Urlaubskatalog aussieht, dann ist das Jahr perfekt. Würde sowieso bestimmt ganz schnell langweilig, dieses Rumgelunger.

Text: kristin-hoeller - Foto: benicce / photocase.de

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