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Der Begriff "Mansplaining" bezeichnet das herablassende Erklärverhalten von Männern gegenüber Frauen und ist eigentlich schon sieben Jahre alt. Dass der Begriff nun in Australien zum Wort des Jahres gewählt wurde, zeigt allerdings vor allem eins: dass das Problem immer noch aktuell ist.
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Und dann erklärte der Kollege der Kollegin tatsächlich, was ein Browser ist. Nicht 1998. 2015! Er traute ihr, obwohl sie in einer Online-Redaktion arbeitet, nicht einmal grundlegendste Computerkenntnisse zu. Das mag daran liegen, dass sie eine Frau ist. Das mag daran liegen, dass er gern klugscheißerische Monologe hält. Aber eigentlich lag es schon daran, dass sie eine Frau ist.

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Dass Männer herablassend, bevormundend, ja gönnerhaft Frauen erklären, wie Computer, Autos und die Welt funktionieren, ist sexistisch und lächerlich und blöd. Und hat einen Namen: „Mansplaining“ (zusammengesetzt aus man und to explain). Vergangenen Freitag wurde der Begriff vom australischen Wörterbuch Macquarie Dictionary zum Wort des Jahres 2014 gekürt.

Dabei ist das Phänomen nicht neu und auch den Neologismus "Mansplaining" hat die Schriftstellerin Rebecca Solnit bereits 2008 geprägt. Damals schrieb sie in dem Essay „Men Explain Things To Me“ über eine Party, auf der ein Mann zu ihr sagte, er habe gehört, sie schreibe Bücher. Sie erzählte ihm daraufhin von ihrem aktuellsten, einem Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge. Er unterbrach sie und fragte, ob sie von dem sehr wichtigen Muybridge-Buch gehört habe, das in jenem Jahr erschien, und erzählte ihr dann lang und breit von diesem Werk, wobei er nur wiedergab, was er darüber gehört hatte. Gelesen hatte er es nicht. Eine Freundin musste den Mann mehrfach unterbrechen, bis er kapierte, dass die Autorin des Werkes ihm gegenüberstand.

Rebecca Solnit nannte sein Verhalten in ihrem Essay noch nicht „Mansplaining“, im selben Jahr aber tauchte das Wort bereits in Blogs auf, die sich auf ihren Text bezogen, und auch Solnit schrieb später darüber, wie viele andere Autoren, Blogger und Twitter-Nutzer.

Nun kommen Modewörter aus den USA immer mit Verzögerung in Europa oder Australien an. Trotzdem ist die Geschichte von „Mansplaining“ erstaunlich. Bereits 2010 nahm die New York Times den Begriff in die Auswahlliste zum Wort des Jahres. 2012 nominierte es die American Dialect Society als „most creative word of the year“, und 2014 wurde es ins Oxford Dictionaries aufgenommen. Und nun also die Kür zum Wort des Jahres in Australien. Dabei erschienen im vergangenen Jahr in anderen Medien bereits erste Abgesänge auf das Wort. Salon.com konstatierte im Oktober, dass das Internet den Begriff zerstört habe. Vor allem auf Twitter und Blogs wie „Academic Men Explain Things to Me“ werde es für alles benutzt, was Männer zu oder über Frauen sagen.

Ähnlich ging es in Deutschland dem Hashtag und Begriff #Aufschrei. Irgendwann wurde #Aufschrei schwammig und in ganz anderen Zusammenhängen als ursprünglich verwendet:

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So scheint es auch „Mansplaining“ zu ergehen. Der Begriff wird sogar verwendet, wenn Kim Jong Un - umgeben von Männern - etwas an einem iPhone zeigt:

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Trotz dieser Neudefinierung: „Mansplaining“ benennt ein ernstes Problem, das immer noch relevant ist. Wenn auch anders. Männer, die Frauen unterschätzen, könnte man ja als Relikt der fünfziger Jahre abtun, ebenso wie das An-die-Hand-nehmen-und-Dinge-erklären-Wollen als Macho-Phänomen. Aber Mansplaining geht nicht nur von Männern aus und richtet sich nicht nur gegen Frauen. Auch Frauen erklären Männern überdeutlich Dinge, von denen sie Männern nicht zutrauen, dass sie sie wissen. Und, daran merkt man, dass nicht nur die Gender-Klischees in unserem Kopf dieses Verhalten auslösen, auch Frauen anderen Frauen und Männer Männern.

Ob aus Sexismus oder sonstiger Ignoranz heraus, Dinge doziert zu bekommen, die man bereits weiß, nervt und verschwendet Zeit. Denn darauf läuft es hinaus. Die Kollegin hätte in der Zeit, in der sie sich von ihrem Gegenüber einen Browser definieren ließ, lieber über die Vorzüge der einzelnen gestritten. Ja, als Frau! Doch sie hat einfach nichts gesagt. Sie heuchelte wenigstens kein Interesse. Aber sie schwieg. Aus Höflichkeit. Aus Angst, pampig rüberzukommen, wenn sie ihn unterbricht. Und auch aus einem Ärger über sich selbst, weil sie den Moment verpasst hatte, zu sagen: „Ich weiß.“ Und das ist das eigentliche Problem des „Mansplaining“: Es zieht viel zu oft Schweigen nach sich. Von Frauen und Männern.

Text: kathrin-hollmer - Illustration: Daniela Rudolf; Screenshots: Twitter

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