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Neidisch auf nichts

Der neue Begriff MOMO bezeichnet den Neid auf Freunde, die plötzlich aufhören, ihr Leben in sozialen Netzwerken zu dokumentieren. Vielleicht, so die Angst, haben die was Besseres zu tun?
jan-stremmel

Rose ist 24 und hat Angst, wenn sie ihr Smartphone zur Hand nimmt. Sie leidet an einem Syndrom, das immer mehr junge Erwachsene befällt: Sie befürchtet, dass nichts passiert, wenn sie Instagram öffnet, weil niemand etwas gepostet hat.  

Der britische Telegraph zitiert Rose in einem Artikel auf seiner Webseite, der seit ein paar Tagen ziemlich häufig durchs Netz gereicht wird. Rose sagt darin unter anderem den Satz: "Meine liebsten Instagram-Profile checke ich täglich. Wenn die plötzlich stumm werden, bekomme ich ganz schnell MOMO."

MOMO steht für "Mystery Of Missing Out". Es beschreibt eine Art Krankheitsbild, das im Dauerfeuer unserer Timelines entstanden ist: Die Angst, etwas zu verpassen, weil die Freunde gerade nichts posten. Rose zum Beispiel fragt sich dann: Machen die Anderen gerade etwas Spannendes, von dem ich nichts mitbekomme? Sind die auf einem geheimen Festival, von dem ich erst später die Fotos sehen werde? "Was kann so gut sein", fragt sie sich, "dass sie nichts dazu posten?"

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Was tun die gerade und mit wem? Diagnose: MOMO.

Interessant ist das deshalb, weil Neid in sozialen Medien bisher ja genau anders herum funktionierte. Den Fachbegriff dafür gibt es schon länger, er lautet FOMO, "Fear Of Missing Out": Wir verfolgen das Leben unserer Freunde über Fotos und Statusupdates und werden neidisch, weil wir gerade nicht - wie sie - im Sonnenuntergang vom Corcovado blicken oder mit Schampusflasche im Arm auf den Pool in Santorini. Die Psychologie beobachtet FOMO schon in Kindergartengruppen, wenn sich das erste Mal Cliquen bilden.

MOMO ist nun eine Weiterentwicklung davon: Die Sorge, etwas zu verpassen, weil die anderen nichts mehr teilen. Sie plagt immer mehr Menschen, die sich längst an die Sierra-gefilterten Angeberbilder von Segelbooten und Frühstücksbüfetts gewöhnt haben - die sozusagen FOMO-immun sind. Seit jeder nämlich stündlich Bilder seiner Turnschuhe oder erstaunlicher Milchschaumfiguren in der Kaffeetasse postet, hat der Blick ins Private seine Faszination verloren. Faszinierend ist plötzlich der, dem es wurscht ist, was irgendeiner seiner Follower von seinen Aktivitäten hält. Der Besseres zu tun hat, als sein gutes Leben in mundgerechten Häppchen zu dokumentieren, nämlich: sein gutes Leben zu leben.

Wenn der Account von Bekannten plötzlich stumm wird, türmen sich also plötzlich Fragen: Was tun die gerade und mit wem? Denn es ist ja arg unwahrscheinlich, dass sie plötzlich aufgehört haben, coole Dinge zu unternehmen. Sie haben nur plötzlich aufgehört, sie zu teilen! Warum? Weil sie gar keine Zeit haben, vor lauter Lachen und Tanzen und Vögeln? Weil sie beim überstürzten Aufbruch ins Abenteuer ihr Ladegerät daheim vergessen haben und es ihnen jetzt nicht mal fehlt?!  

Die Wahrheit ist: Niemand denkt zuerst an seine Follower, wenn er etwas wirklich Tolles erlebt.


Hinter MOMO steckt also das gleiche Gefühl wie hinter FOMO – "ich verpasse gerade was!" Nur dass die Sorge plötzlich dem Gedanken gilt, dass sich das Leben der Anderen nicht mehr dort abbildet, wo wir bequem zusehen können. Wo dann? Auf einer anderen Plattform? In einer privaten Chatgruppe? Oder gar dort, wo wir gar keinen Einblick mehr haben - ausschließlich im echten Leben?  

Während FOMO ein natürlicher Neid ist, wie er in jeder Clique vorkommt, ist MOMO vielleicht das erste Syndrom, das erst durch Facebook verursacht wurde. Wir freuen uns heute ja nicht mehr, zufällig zu erfahren, wenn jemand eine neue Beziehung startet, eine Firma gründet oder nach Neu-Delhi zieht - wir erwarten es. Und zwar ungefragt und frei Haus geliefert in unsere Timeline. Wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, merken wir erst, wenn dieser Strom an Neuigkeiten pötzlich austrocknet.

Das Phänomen MOMO entlarvt aber auch noch eine alte Lüge der sozialen Medien - nämlich den Gedanken, jedes spannende Ereignis würde sofort und automatisch per Statusupdate beobachtbar und nachvollziehbar. Die Angst vor der Stille in der Timeline beweist: Wenn wirklich mal was bahnbrechend Tolles im Leben passiert, denkt natürlich kein Mensch daran, sofort für die Follower ein Update ins Telefon zu fummeln. Jedes Angeberbild auf Instagram sagt uns deshalb auch: "Sieht zwar hübsch aus, aber keine Sorge. So richtig spannend ist es hier eigentlich nicht."

Text: jan-stremmel - Collage: Katharina Bitzl

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