„Niemand mag dicke Menschen!“

„Iss nicht so viel!“ – Ein Kommentar, den unsere Autorin in ihrer Familie schon oft gehört hat.
Foto: Zoe Opratko

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Trigger-Warnung: In diesem Text geht es um Essstörungen. Wenn du selbst betroffen bist, kannst du dir bei Beratungsstellen für Betroffene mit Essstörung in deiner Stadt Hilfe suchen. Mögliche Anlaufstellen sind beispielsweise die Caritas, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder auch dein Hausarzt. 

„Du hast schon wieder so zugenommen.“ Mit diesen Worten „begrüßte“ mich meine Mutter, als sie vergangenen Sommer nach ihrem viermonatigen Heimaturlaub in Kroatien durch die Haustür kam. Sie legte ihre Reisetasche ab und begann, meinen Körper zu mustern. Nette Begrüßung. Danke, Mama. Ein „Hallo, wie geht’s?“ hätte es auch getan. Ich solle doch aufpassen, dass es nicht „noch mehr“ wird, und sie würde nicht verstehen, wie das passieren konnte, sagte sie stattdessen. Mittlerweile kann ich solche Bemerkungen sehr gut ignorieren, doch lange waren diese Momente nicht so leicht wegzustecken. Ich wollte einige Tage nach ihrer Ankunft aus Prinzip nicht viel essen, das sorgte dann aber wiederum für Unverständnis ihrerseits. Ich müsse nicht komplett auf das Essen verzichten, aber eben etwas besser darauf schauen. Doch ich konnte nicht anders. Zu der Zeit war das Verhältnis zu meinem Körper eher kompliziert. Und genau deswegen lösten ihre Worte in mir damals eine noch größere Abneigung und ein gewisses Schamgefühl dem Essen gegenüber aus.

Ich war noch nie eine der super Schlanken und genau das durfte ich mir auch oft genug von Familienmitgliedern anhören. Spitznamen wie „Dickerchen“ waren in meiner Teenager-Zeit gang und gäbe. In meiner Verzweiflung griff ich immer wieder zu ungesunden Methoden, um abzunehmen. Von Fettblockerpillen und Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu einer täglichen Fitnessstudiotortur und so gut wie nichts zu essen, habe ich alles versucht, um Bestätigung zu bekommen und mich in meinem Körper wohlzufühlen. Geholfen hat das allerdings alles nicht, vielmehr war es frustrierend und zog mich nur noch mehr runter. Ich kann von Glück sprechen, dass ich nicht in eine tiefere Essstörung geschlittert bin. Ich beschäftigte mich in der Zeit viel mit „Body Positivity“ und realisierte, dass es für Schönheit kein Einmaleins gibt. Ich weiß mittlerweile auch, dass meine Familie und vor allem meine Mutter es nicht böse meinen, und ich schätze es, dass sie sich um meine Gesundheit kümmern. Verletzend ist es dennoch, und ich glaube, dass ihnen das leider nicht bewusst ist.

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Auf Bodyshaming folgt oft eine verzerrte Selbstwahrnehmung.

Foto: Zoe Opratko

Damit bin ich nicht allein. Bodyshaming steht bei vielen Jugendlichen in Österreich auf der Tagesordnung. Im „Jugend Trend Monitor“ aus dem Jahr 2019 gaben 30 Prozent der Befragten 14- bis 29-Jährigen an, bereits Erfahrungen mit Bodyshaming gesammelt zu haben. Ein aktueller Tiktok-Trend greift das Thema Bodyshaming durch die eigene Familie in migrantischen Communities auf. Tiktoker:innen stellen sich vor die Linse, unter ihnen steht der Text „Wenn deine Familie aus der Heimat dich besucht.“ Dazu hört man in der Tonspur den Sound einer Frau, die sie mit den Worten „Oh my god you are so fat, so obese!“ zu beleidigen beginnt. 

Der Druck in ausländischen Familien kann noch stärker sein, da es dort mehrere Angriffsflächen gibt

„Der Westen dominiert die Welt“, erklärt Bodyshaming-Expertin und Autorin des Body-Positivity-Buchs „Riot, don’t diet!“ Elisabeth Lechner, „deshalb nehmen wir ein weißes, koloniales Schönheitsideal als Maßstab. Menschen sollen groß, schlank und unbehaart sein.“ Doch zu diesem westlichen Schönheitsbild kommen laut Lechner für Menschen mit Migrationshintergrund auch kulturelle Bedingungen sowie bestimmte Esskulturen und auch religiöse Einstellungen hinzu. So kann der Druck in ausländischen Familien noch stärker sein, da es dort mehrere Angriffsflächen gibt.

Bei der 23-jährigen Polin Ewa spielt Bodyshaming durch ihre Familie seit ihrer Pubertät eine große Rolle. Ab ihrem 13. Lebensjahr, als ihr Körper sich zu verändern und zu wachsen begann, kamen immer wieder Bemerkungen. Ewa erinnert sich an einen bestimmten Moment, der sie nicht loslässt. Sie saß als 13-jähriges Mädchen mit einer kurzen Hose auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, als ihr Vater auf sie zukam und komplett schockiert und verängstigt fragte, ob sie etwa Cellulite hätte. Auch ihre Mutter verhielt sich anstrengend, da sie Ewas Körper immer genau unter die Lupe nahm. „Bist du schwanger?“ war die Top-Frage, sobald Ewa etwas an Gewicht zugenommen hatte und ihr Bauch größer geworden war. Solche Kommentare sind für sie heute nichts Besonderes mehr, denn die bekommt sie nach wie vor täglich serviert. „Schlank bedeutet nicht gleich gesund, sowie dick nicht automatisch krank“, so die Expertin Elisabeth Lechner. Und vor allem in der Pubertät verändere sich der Körper nun mal.

„In Polen ist das Schönheitsideal für Frauen noch viel ärger“

Ewas Schwester, die immer sehr dünn war, hat sich den Umgang, den die Eltern mit Ewa pflegten, abgeschaut, und begann, sie ebenfalls mit Beleidigungen zu ihrem Gewicht zu bombardieren. Die 23-Jährige erzählt, dass sie mit 13 Jahren eine Essstörung entwickelte. Dies ist nicht verwunderlich, denn laut Autorin Elisabeth Lechner brauchen vor allem Jugendliche viel Bestätigung: „Wenn Heranwachsende in den eigenen vier Wänden keinen ‚safe-space‘ haben, dann bewirkt das eine gestörte Selbstwahrnehmung und kann in Extremfällen zu Essstörungen führen.“ Monatelang aß Ewa dementsprechend so gut wie nichts. Bei Hungergefühl ernährte sie sich von Kaugummi und Cola light. Das alles nur, um ein bestimmtes Gewicht zu halten. „Ich weiß noch, dass meine Mama damals gesagt hat, dass ich endlich eine gute Figur hätte und die so weiter behalten sollte“, sagt Ewa und rollt mit den Augen.

Dass sie zu der Zeit an einer Essstörung litt, bemerkte ihre Mutter nicht. Auch Ewa weiß, dass das Problem nicht allein die Wahrnehmung ihrer Mutter ist: „In Polen ist das Schönheitsideal für Frauen noch viel ärger.“ Die Erwartungen, dem normschönen Ideal zu entsprechen, seien dort noch härter. Ihre Eltern sind mit Wertvorstellungen und Body-Images aufgewachsen, die ins Unrealistische gehen. Aus diesem Grund sieht Ewa keinen Sinn darin, mit ihnen über die verletzenden Worte zu reden, da sie es ja eigentlich nicht böse meinen, sondern es einfach selbst so gelernt hatten. Mittlerweile kann sie damit recht gut umgehen und hat dadurch auch einiges für ihre Zukunft gelernt: „Ich weiß, wie ich mich gegenüber meinen zukünftigen Kindern verhalten werde.“ Sie ist sich sicher, dass sie ihre eigenen Kinder niemals auf ihr Äußeres reduzieren und mit blöden Sprüchen zu ihrem Gewicht konfrontieren wird.

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Du isst zu viel! Du isst nicht genug! - Manchen Migra-Mamas kann man es nie recht machen.

Foto: Zoe Opratko

Wie es ist, wenn auch Geschwister zu Bodyshamern werden, weiß Ayman. Er lebte bis vor sieben Jahren noch in Syrien und erzählt davon, wie seine Eltern immer hart arbeiten mussten, um Geld nach Hause zu bringen, und dementsprechend nicht oft zu Hause waren. Ihm und seinen Geschwistern fehlte die Disziplin und das Moralverständnis, andere Menschen zu respektieren, auch wenn sie vielleicht anders aussahen, erzählt Ayman. Seine Eltern haben ihnen nie beigebracht, sich nicht über andere lustig zu machen. „Manchmal haben sie was gesagt, aber sie waren, wie gesagt, beschäftigt.“ Der 27-Jährige erzählt, dass sein Bruder ihn immer wieder wegen seinen Ohren gehänselt hatte: „Ich hatte halt große Ohren im Vergleich zu meinem Kopf.“ Sein Bruder dachte sich den Spitznamen „Segelohr“ aus und rief Ayman nur noch unter dem Namen. So suchte Ayman nach Merkmalen, die er gegen seine Geschwister verwenden könnte. „Als Rache habe ich ihn halt für sein Gewicht beleidigt.“  Obwohl er selbst auch mit dem Mobben begann, sei die Zeit schwer für ihn gewesen. Er weinte viel. Aber trotzdem ist er der Meinung, dass ihn genau das zu einem starken Mann gemacht hat. Im Nachhinein sei das gut gewesen, weil er dadurch gelernt habe, sich nicht von blöden Sprüchen von Fremden runterziehen zu lassen. Ayman meint auch, dass ihn diese Abhärtung gut auf Österreich vorbereitet habe. Er erlebte relativ viel Rassismus hier und hätte dies ohne diese „Vorbereitung“ so nicht ertragen.

„Sie machte die Höhe meines Taschengeldes abhängig von meinem Gewicht“

In Jelenas Familie herrscht schon von Anfang an ein bestimmter Standard für das äußere Erscheinungsbild. Eine sportliche und dünne Figur war die Mindestanforderung ihrer Eltern. Für die 21-jährige Wienerin mit Wurzeln in Serbien eine unrealistische Vorstellung: „Seit meiner Kindheit habe ich mit einer Schilddrüsenunterfunktion zu kämpfen.“ Durch ihre Erkrankung fällt ihr das Abnehmen schwerer als anderen. Ihre Mutter sah das aber nur als schlechte Ausrede. In den Augen ihrer Mutter schaffen dicke Menschen es nicht weit im Leben, weil sie angeblich niemand mag. Und auch Arbeitgeber würden sie nicht einstellen wollen, denn ihre Figur würde zeigen, dass sie nicht diszipliniert wären. Das wurde Jelena zumindest von klein auf so beigebracht. Die Wienerin erzählt davon, wie sie sich immer bemühte, Süßigkeiten wegzulassen und viel Sport zu treiben, das Abnehmen gelang ihr allerdings trotzdem nicht.

Für sie standen, seitens ihrer Mutter, Radikaldiäten und abfällige Kommentare zu ihrem Körper auf der Tagesordnung. Gegessen werden sollte möglichst wenig. Dadurch nahm sie ab, jedoch ließ der Jo-Jo-Effekt nicht lange auf sich warten und sie nahm mehr zu als davor. Laut Bodyshaming-Expertin Elisabeth Lechner ist das eine normale Reaktion des Körpers, da durch Diäten der Stoffwechsel zerstört wird. „Sie machte die Höhe meines Taschengeldes abhängig von meinem Gewicht“, sagt Jelena und kann noch immer nicht ganz glauben. Finanzielle Unterstützung war damals, wie auch heute noch während ihres Studiums, das Druckmittel ihrer Mutter. All dies führte bei der jungen Wienerin zu vielen Tränen und einer Essstörung, da sie den Erwartungen auf natürlichem Wege nie gerecht wurde. Konfrontationen mit ihrer Mutter blieben erfolglos. „Ich will nur das Beste für dich!“, war eins der Argumente. Jelena zieht heute das Positive daraus: „Dennoch liebe ich meine Mutter. Denn ohne ihren ständigen Druck würde ich wahrscheinlich noch mehr wiegen.“

Unsere Eltern sind selbst mit unrealistischen Schönheitsstandards aufgewachsen und haben vermutlich selbst mit Shaming zu kämpfen gehabt, ohne zu wissen, was es überhaupt bedeutet. Sie waren oft damit beschäftigt, sich und uns in der „neuen“ Heimat ein würdiges Leben aufzubauen. Da war nicht viel Platz für Themen wie Body Positivity. Wir leben aber in einer Zeit, in der es immer mehr Bewusstsein für Bodyshaming gibt, und wir lernen, wie wichtig die Akzeptanz aller Körper ist. Nun haben wir die Möglichkeit, es anders als unsere Eltern zu machen und keine Traumata an die nächste Generation weiterzugeben – jetzt sind wir dran. 

*Die Namen der Personen wurden von der Redaktion geändert. Die Fotos wurden nachgestellt

*Unsere Redaktion kooperiert mit biber  –  was wir bei JETZT ziemlich leiwand finden. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus – und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren. biber lobt, attackiert, kritisiert, thematisiert. Denn biber ist "mit scharf". Für  ihre Leserinnen und Leser ist biber nicht nur ein Nagetier. Es bedeutet auf türkisch "Pfefferoni" und auf serbokroatisch "Pfeffer" und hat so in allen Sprachen ihres Zielpublikums eine Bedeutung.

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