Die App #KeineKleinigkeit sammelt sexuelle Übergriffe

Und bekommt dafür erst mal einen Shitstorm ab.
Von Eva Hoffmann
Foto: pixabay, Bearbeitung: Daniela Rudolf

Dass es Probleme geben würde, deutete sich schon an, als die Studierenden der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HWT) ihr Projekt #Keinekleinigkeit in Berlin vorstellten. Eine App, mit der man per Button sexuelle Übergriffe jeder Art sofort melden kann. Wer will, kann den Vorfall auch näher beschreiben, sich per Notfalltelefon beraten lassen oder bekommt die nächste Polizeistelle angezeigt, um Anzeige zu erstatten. Ein Professor aus dem Publikum meldete sich mit seiner Kritik: „Es besteht die Gefahr, dass Leute bei der großen Anzahl an Meldungen durch die App denken, dass sexuelle Belästigung Normalität ist.“ Die Antwort einer Studentin: „Wir tun das, weil sexuelle Belästigung für uns Normalität IST.“ Damit war die Diskussion beendet.

Der kurze Disput am Rande der Präsentation zeigt aber, dass die Macher der App mit ihrer Intention einen Nerv treffen: „Gerade Menschen, die noch nie sexuelle Gewalt in welcher Form auch immer erfahren haben, können sich nicht vorstellen, dass das täglich in ihrem Umfeld passiert“, sagt Mareike Geiling, die das Projekt zusammen mit ihrem Kollegen Jonas Kakoschke als Dozentin betreute. #Keinekleinigkeit soll diese Vorfälle sichtbar machen. Seit einer Woche ist die App jetzt online, bisher gingen knapp 1000 Meldungen ein, von Hinterherpfeifen bis zu ungewollten Berührungen. 

Dass der Launch der App mit dem plötzlichen Aufmerksamkeitsschub rund um die Weinstein-Affäre zusammenfällt, ist Zufall. Beim Brainstormen zu einer App standen anfangs alle möglichen Themen zur Diskussion, von Umweltschutz bis Lebensmittelretten. Beim Thema sexuelle Gewalt fühlten sich allerdings 14 von 17 Seminarteilnehmern direkt betroffen. Im Seminar saßen 14 Frauen. 

„Hollywood ist weit weg, da kann man sich gut rausreden, dass man selbst nichts damit zu tun hat“

Den Hashtag #metoo sehen die Macher der App auch nicht als Konkurrenz, sondern eher als Bestätigung: „Die Weinstein-Affäre hat dem Phänomen große Präsenz verschafft. Aber Hollywood ist eben auch sehr weit weg, und da kann man sich gut rausreden, dass man selbst nichts damit zu tun hat. #Keinekleinigkeit zielt aber genau auf unsere Alltagswelt ab und zeigt, wie präsent sexuelle Übergriffe da genauso sind, wie überall sonst auf der Welt.“

Die Klicks auf den Button, auf dem groß „Ich wurde belästigt“ steht, erfolgen anonym. Da die Dunkelziffer der nicht-registrierten Vorfälle nie genau erfasst werden kann, hat das Projekt deshalb auch keinen Anspruch auf statistische Vollständigkeit. Die Zahlen stehen symbolisch für ein Problem, dessen Dimension sich mit jedem weiteren Klick erahnen lässt. Und dass einige Menschen scheinbar lieber unter den Teppich kehren wollen.

Zum Start der App am vergangenen Samstag wurde der Twitteraccount von #Keinekleinigkeit von einem massiven Shitstorm heimgesucht, 80 Prozent der Seite wurden mit frauenfeindlichen Kommentaren und Hass-Postings zugespamt. Am Abend hackten Unbekannte die Seite und manipulierten die Zahlen der Übergriffe, die sich von alleine ständig nach oben und unten änderten. Für Mareike und den Rest des Teams kam der Angriff sehr unerwartet. Schließlich ist das Projekt eher eine Bestandsaufnahme, als ein politischer Aufruf. 

Mareike wird wütend, wenn sie davon erzählt: „Mit sowas hat niemand gerechnet, obwohl ein paar Politikerinnen wie Renate Künast das Projekt geteilt haben. Diese Hater fühlen sich vom Feminismus bedroht, dabei ist das Projekt einfach eine Bestandsaufnahme. Sexuelle Übergriffe passieren außerdem allen Geschlechtern und unsere Seite richtet sich nicht speziell an Frauen.“ Gleichzeitig zeigen die aggressiven Reaktionen aber auch, dass #Keinekleinigkeit einen gesellschaftliche wunden Punkt trifft. Die Auseinandersetzungen online bestärken das Team, weiterzumachen. 

Unabhängig von dem Streit im Netz will #Keinekleinigkeit aber vor allem im Alltag den Betroffenen helfen: „Übergriffige Situationen passieren sehr dynamisch und schnell, sodass man nicht immer gleich reagieren kann. Viele fressen das Erlebte in sich rein, ohne jemandem davon zu erzählen. Die App bietet ein Ventil zu sagen: Mir ist grade was passiert“, sagt Mareike Geiling, „und dass es eben keine Kleinigkeit ist.“ Sie erzählt von einer Freundin, die nur wenige Tage nach dem Launch der App auf dem Heimweg von einem sehr aufdringlichen Mann belästigt wurde. Sie registrierte die Tat auf #Keinekleinigkeit und klickte sich durch die Hilfsangebote. „Hätte die App es nicht vorgeschlagen, wäre sie eher nicht auf die Idee gekommen, zur Polizei zu gehen. Am Ende hat sie den Typ angezeigt“, erzählt Mareike. 

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