Pornographie im Internet als moderner Feminismus?

Neue Geschäftsmodelle versprechen Erotikdarsteller*innen neue Freiheiten – wie sieht die Realität aus? Drei Sexarbeiterinnen im Gespräch.
Von Anika Schock
sexarbeiterinnen onlyfans cover

Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: standret / Freepik

Ob übers Handy, den Laptop oder zunehmend über Virtual Reality – Pornos sind oft nur wenige Klicks entfernt. Durch den Erfolg von kostenfreien und leicht zugänglichen Pornos im Internet, beispielsweise auf Seiten wie Pornhub, Youporn oder Redtube, die allesamt zum Pornhub Network gehören, werden immer mehr Erotikfilme geschaut, doch die generierten Gewinne landen oft nur zu einem Bruchteil bei den Darsteller*innen selbst.

Durch das große Angebot an Filmen steigt der Druck für die Produktionsfirmen und Darsteller*innen, mehr Filme in immer kürzerer Zeit zu produzieren. Auch die Inhalte werden extremer, um sich von der Masse abzuheben. Die ehemalige Darstellerin Mia Khalifa hat letztes Jahr im Interview mit der BBC ihr Schweigen über die Schattenseiten der Branche gebrochen. Sie berichtet vom Druck zu performen und davon, dass häufig speziell junge und unsichere Frauen von Firmen angeworben werden. Trotz ihres Ausstiegs und ihrer verhältnismäßig kurzen Tätigkeit von drei Monaten, gehört sie immer noch zu den bekanntesten Darsteller*innen der Branche, verdiente laut eigener Aussage aber nur geringes Geld, verglichen mit den Gesamteinnahmen, die ihre Filme erzielten. So habe sie in den drei Monaten rund 12 000 Dollar verdient, ihre Filme seien jedoch auch heutzutage noch verfügbar und häufig gestreamt. Da sie selbst jedoch keine Rechte an den Aufnahmen besitze, resultiere daraus auch kein finanzieller Gewinn mehr für sie. „Die Leute denken ich hätte mit Pornos Millionen verdient. Das ist komplett falsch“, twittert Mia.

Allerdings ergeben sich durch das Internet auch Möglichkeiten für Sexarbeiter*innen auf Plattformen tätig zu sein, die selbstbestimmte Arbeit, ein sicheres Umfeld und finanzielle Unabhängigkeit versprechen. Doch wie sieht das Ganze in der Praxis aus? Ergibt sich hieraus womöglich ein neues Modell der Sexarbeit – selbstbestimmt, sicher und frei – im Sinne des Feminismus? Und welche Risiken birgt diese Form der Sexarbeit?

Ist man volljährig, kann man sich einen Account anlegen

Carolyn Duchene ist 24 Jahre alt, lebt in Melbourne und verdient ihr Geld damit, erotische Fotos und Videos von sich im Internet anzubieten. Allerdings hat sie dafür einen anderen Weg gewählt, als die klassische Zusammenarbeit mit einer Produktionsfirma – Carolyn betreibt seit Beginn des Jahres einen Account auf der Plattform Onlyfans.  Die studierte Medienwissenschaftlerin begann als 18-Jährige mit der Sexarbeit in erotischen Massagestudios. Nach ihrem Studium arbeitete sie zusätzlich als Fotografin und Kurzfilmproduzentin, fotografierte große Events wie die australische Fashion Week und erhielt für ihre Kurzfilme mehrere Preise.„Auf Onlyfans habe ich die Möglichkeit, die Sexarbeit und meine Leidenschaft für Fotografie und Videografie miteinander zu verbinden. Ich kann mich kreativ ausleben und meine eigene Sexualität noch besser kennenlernen“, erklärt sie.

Plattformen wie Onlyfans, Just for Fans oder Is my girl funktionieren ähnlich wie die sozialen Netzwerke Instagram und Facebook. Ist man volljährig, kann man sich einen Account anlegen, andere User*innen finden und gegebenenfalls abonnieren oder selbst Inhalte veröffentlichen. Diese reichen von Fotos und Videos bis hin zu persönlichen Gesprächen, stehen allerdings hinter einer Bezahlschranke. Den Preis für das monatliche Abonnement legen die Profilinhaber*innen selbst fest. Insbesondere die in London ansässige Plattform Onlyfans erlebt aktuell einen regelrechten Hype. Vor vier Jahren gegründet, zählt Onlyfans laut eigenen Angaben über 30 Millionen registrierte User sowie über 450 000 sogenannte „Content Creators“, also Personen, die auf Onlyfans selbst Inhalte veröffentlichen. Auf dem eigenen Blog richtet sich Onlyfans nicht primär an Sexarbeiter*innen, sondern an Personen aus vielen verschiedenen Bereichen, beispielsweise Musiker*innen, Sportler*innen, Fotografen*innen oder Schauspieler*innen.  Zur Erstellung eines Profils genügt die Angabe der Mailadresse oder die Anmeldung über einen Google- oder Twitter-Account, um selbst Inhalte teilen zu können, muss man allerdings ein Foto mit einem aktuellen Ausweisdokument hinterlegen.

Onlyfans wirbt auf seinem Blog damit eine „innovative, sichere und extrem lukrative“ Plattform für Sexarbeiter*innen und Influencer aller Art zu sein, ihre Inhalte zu veröffentlichen und zu monetarisieren. Im Vergleich zu einem selbsterstellten Blog, bei dem man sich von Grund auf um alles selbst kümmert, stellt Onlyfans eine bereits vorhandene Infrastruktur bereit, inklusive dem Versprechen von „Firewall Schutz und Altersbeschränkungen um Profilinhaber*in und Abonnent*in gleichermaßen zu schützen“. Marketing, das auf den ersten Blick tatsächlich sehr verlockend klingt. Zusätzlich haben die Entwicklungen der letzten Monate im Zuge der Pandemie Sexarbeiter*innen vor große Herausforderungen gestellt und zum Erfolg solcher Onlineplattformen beigetragen. „In letzter Zeit wurden die Möglichkeiten der Online-Sexarbeit verstärkt genutzt, vor allem wegen des Tätigkeitsverbotes aufgrund der Corona-Pandemie“, weiß Sarah Stöckigt. Sie ist für „Hydra“ tätig, einer Beratungsstelle für Sexarbeiter*innen in Berlin.

Doch auch die Restriktionen, die Sexarbeiter*innen auf anderen Plattformen im Internet begegnen, begünstigen den Erfolg der Plattformen mit Abomodell. Die 22-jährige Yma Louisa Nowak ist seit Februar 2020 auf Onlyfans aktiv. Davor hat sie sich bereits freizügig auf Instagram gezeigt. Allerdings geriet sie dadurch immer wieder mit den Richtlinien und Nutzungsbedingungen des Netzwerkes in Konflikt. Oft sei ihrem Profil ein sogenannter „Shadow-ban“ auferlegt worden, berichtet Yma Louisa. Passiert dies, ist das Instagramkonto zwar noch online und nutzbar, allerdings werden die getätigten Posts einem Großteil der Follower nicht mehr angezeigt.

Auch im Vergleich zur klassischen Zusammenarbeit mit Produktionsfirmen betont Yma Louisa bezüglich ihrer Sexarbeit auf Onlyfans: „Man kann als Darstellerin viel freier und selbstbestimmter arbeiten“. In dieser selbstständigen Arbeit sehe sie nicht nur einen Vorteil für die Sexarbeiter*innen, sondern auch hinsichtlich der authentischen Darstellung erotischer Fotos und Videos. „In den ‚normalen‘ Pornos werden häufig Sachen als normal dargestellt, die es für viele gar nicht sind. Ist es beispielsweise wirklich ‚normal‘ für eine Frau, doppelt penetriert zu werden?“, fragt sie. Außerdem störe sie die Kategorisierung der Pornos auf Streamingseiten wie Youporn oder Pornhub. „Da gibt es oft die Kategorie ‚Bizarr‘, in der häufig übergewichtige Frauen oder transsexuelle Personen gezeigt werden, was meiner Meinung nach aber überhaupt nicht bizarr ist“, so Yma Louisa. Ein weiterer entscheidender Vorteil im Vergleich zur Arbeit im klassischen Modell der Pornoindustrie: Es gebe bei der Arbeit auf Plattformen wie Onlyfans „keine Leute, die dir vorgestellt sind. Keine Regisseure, keine Produzenten“, so die 22-Jährige.

Eben dieses Erlösmodell auf Abonnementbasis birgt neben dem bloßen Gewinn noch weitere Vorteile für Sexarbeiter*innen

Daraus ergibt sich ein Erlösmodell, bei dem die generierten Einnahmen eines Monats nur zwischen zwei Parteien, nämlich Accountinhaber*in und Websitebetreiber, geteilt werden. Im konkreten Fall Onlyfans bedeutet dies beispielsweise, dass 80 Prozent der Einnahmen an den Accountinhaber*in und 20 Prozent an die Betreiber von Onlyfans gehen. Carolyn hat aktuell 420 Abonnent*innen. Ein Abo für ihre Inhalte kostet acht Dollar im Monat. Daraus ergeben sich für sie monatliche Einnahmen von 2 688 Dollar. Nicht in dieser Rechnung enthalten sind die Einnahmen durch Inhalte, für die trotz Abo noch einmal extra gezahlt werden muss. Das seien bei Carolyn aber nur eine Handvoll Videos. Die meisten Inhalte seien durch das Abo frei zugänglich, so die Australierin.  

Eben dieses Erlösmodell auf Abonnementbasis, zu Gunsten der Profilinhaber*innen, birgt neben dem bloßen Gewinn noch weitere Vorteile für Sexarbeiter*innen. Die 25-jährige Eva Ray aus London hat ebenfalls einen Onlyfans Account, ist darüber hinaus aber auch in anderen Bereichen der Sexarbeit tätig. Unter anderem als Stripperin und sogenanntes Camgirl, wobei sie erotische Livesendungen via Webcam streamt. Im Vergleich schätze sie gerade das Abomodell bei Onlyfans sehr. Dadurch ergebe sich für sie ein gut kalkulierbares, planungssicheres monatliches Einkommen. „Diese neue finanzielle Freiheit ermöglicht es mir, nur Fotoshootings, personalisierte Inhalte und Tanzauftritte anzunehmen, von denen ich wirklich überzeugt bin und bei denen ich mich sicher fühle“, berichtet Eva.

Neben all diesen Vorteilen und Freiheiten, die diese neuen Modelle der Sexarbeit mit sich bringen, bergen sie jedoch auch Gefahren und Risiken. „Wenn Dienstleister*innen gegen die zahlreichen, strengen und oft intransparenten Regelungen der Seiten verstoßen, kann dies zur Folge haben, dass der eigene Account gesperrt wird und man auch keinen Zugang mehr zum bereits verdienten Geld hat“, erklärt Sarah Stöckigt von „Hydra“. So ist beispielsweise das Organisieren von Escortservices verboten.

Laut eines Berichts von Rollingstone sei es bei Onlyfans in letzter Zeit häufiger vorgekommen, dass die Accounts von Sexarbeiter*innen deaktiviert und die erzielten Einnahmen nicht ausgezahlt wurden. Onlyfans begründe dies mit Verstößen gegen die Nutzungsrichtlinien oder Untersuchungen bezüglich mutmaßlicher Betrugsfälle.

Des Weiteren können die Grenzen, die Sexarbeiter*innen ihren Kunden aufzeigen auch online missachtet, überschritten und Sexarbeiter*innen so im digitalen Raum Opfer von Belästigung werden. Yma Louisa musste bisher zwei Abonnenten blockieren. Laut ihrer Erfahrung sei das verglichen mit ihren Kolleg*innen verhältnismäßig wenig: „Ich habe bei vielen anderen, die auch einen Onlyfans-Account haben, schon mitgekriegt, dass ihnen dort extrem respektlose Sachen geschrieben werden und die Hemmschwelle da sehr niedrig ist“, sagt sie. Neben der Möglichkeit Abonnenten zu blockieren, gibt es noch einen Support Service, an den sich Nutzer*innen der Plattform wenden können.

Ein weiterer Aspekt ist, dass nicht nur der Zugang zu Pornos als Konsument*in heutzutage so einfach ist wie nie, auch der Einstieg in die aktive Sexarbeit gestaltet sich durch Plattformen wie Onlyfans, Just for Fans oder Is my girl sehr leicht und ist theoretisch sogar innerhalb weniger Minuten möglich. Was für einige ein Vorteil sei, führe laut Yma Louisa bei anderen zu dem Trugschluss, man könne mit Sexarbeit ganz leicht schnelles Geld verdienen. „Ich habe das Gefühl, dass viele die mit dem Thema Sexarbeit vorher gar nichts am Hut hatten, sich denken okay, das ist eine gute Möglichkeit Geld zu verdienen und somit in die Branche reinrutschen, obwohl das überhaupt nicht ihr Ding ist und sie merken, dass sie doch große Unsicherheiten haben“, erklärt sie.

Um dies zu verhindern, kann ein Gespräch bei einer Beratungsstelle helfen. „Bei Hydra gibt es das Angebot einer Orientierungsberatung für Personen, die den Einstieg in die Sexarbeit in Erwägung ziehen, um zu Beginn einer möglichen Tätigkeit abzuklären, ob diese zur jeweiligen Person und den Erwartungen passt. Diese empfehlen wir grundsätzlich vor der Aufnahme einer Tätigkeit in der Sexarbeit, unabhängig davon in welchem Bereich dies geplant ist“, berichtet Sarah.

Verschärft wird die Problematik rund um den leichten Zugang zu diesen Seiten durch unzuverlässige Altersbeschränkungen. Recherchen der BBC deckten auf, dass auch Minderjährige trotz der Mechanismen zur Verifizierung des Alters auf Onlyfans und anderen Seiten, pornografische Inhalte zum Verkauf anboten. Onlyfans habe laut eigener Aussage seit der Berichterstattung im Juni dieses Jahres die Vorgehensweise zur Verifizierung der Volljährigkeit überarbeitet.

Ein häufig auftretendes Problem beim Vertrieb pornografischer Inhalte im Internet ist zudem, dass diese immer wieder ohne Einstimmung der Urheber*innen und häufig trotz der Bezahlschranke illegal und kostenlos auf anderen Webseiten verbreitet werden. Als Urheber*in sei man da häufig machtlos, so die Erfahrung von Yma Louisa. Ihr ist es schon passiert, dass ihre Inhalte plötzlich frei zugänglich auf anderen Webseiten auftauchten. In der Praxis sei es laut Yma Louisa aufgrund von technischen Verschlüsselungen jedoch sehr schwer nachzuverfolgen, wer genau die Inhalte illegal verbreitet hat und die Täter dafür zu belangen. Laut Sarah gebe es noch weitere Risiken in der digitalen Sexarbeit, beispielsweise „ungewolltes Outing oder Public Shaming“, also das öffentliche Bloßstellen und Anprangern der Sexarbeiter*innen.

Die grundsätzliche Stigmatisierung von Sexarbeit seien laut Sarah auch heutzutage noch große Probleme für die Branche

Dennoch, die Sexarbeit verändert sich und Plattformen wie Onlyfans haben erheblichen Anteil daran. Gerade bei der Londoner Seite bleibt jedoch abzuwarten, inwiefern Sexarbeiter*innen dort auch weiterhin ein relativ sicheres und selbstbestimmtes Arbeitsumfeld geboten wird. So arbeitet die Plattform aktuell stark daran, sich vom Image der Sexwebseite loszulösen, beschäftigt sogar Recruiter, um gezielt bereits erfolgreiche Influencer*innen für Onlyfans anzuwerben. Auch bei anderen Plattformen werde die „Sexarbeit häufig gar nicht explizit benannt, was eher zu einer noch stärkeren Stigmatisierung beiträgt“, so Sarah. Die grundsätzliche Stigmatisierung von Sexarbeit sowie die Diskriminierung von Sexarbeiter*innen selbst seien laut Sarah auch heutzutage noch große Probleme für die Branche. „Wir bei ‚Hydra‘ kämpfen seit Jahrzehnten für eine Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit und für die Beseitigung schlechter Arbeitsbedingungen. Erschwert wird dies durch diskriminierende und repressive Gesetzgebungen, jegliche Kriminalisierung verhindert eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Rechte von Sexarbeitenden“, erläutert Sarah.

Auch die wachsende Anzahl an Prominenten, die Onlyfans nutzen, darunter Schauspielerin Bella Thorne und Rapperin Cardi B, wird von Sexarbeiter*innen zunehmend kritisiert. So befürchten Sexarbeiter*innen in einem Artikel der LA Times, dass die wachsende Anzahl bereits bekannter und wohlhabender Personen die Tätigkeit und das Einkommen von Sexarbeiter*innen, die tatsächlich auf das Einkommen angewiesen sind, gefährden könne.

Für Yma Louisa steht jedoch fest, es handele sich bei dieser Art von selbstbestimmter sowie vergleichsweise unabhängiger Sexarbeit klar um „modernen Feminismus“. Ein weiterer wichtiger Punkt sei allerdings auch das Ende der Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen in der Gesellschaft.  Yma Louisa, die auch auf Youtube aktiv ist und dort ein Video veröffentlichte, in dem sie offen über ihre Arbeit auf Onlyfans spricht, sieht sich im Netz immer wieder mit beleidigenden Kommentaren konfrontiert. „Da gab es Kommentare wie ‚Geh doch gleich auf den Strich‘ oder ‚Man kann sich auch alles schönreden‘. Die Kommentare sind insgesamt häufig sehr respektlos und vorurteilsbehaftet“, erzählt sie. Auch Carolyn berichtet, dass ihr Freundeskreis mittlerweile ausschließlich aus anderen Sexarbeiter*innen bestehe, da ihr früheres Umfeld sie und ihre Berufswahl nicht akzeptiert habe. Und auch Eva sagt, besonders am Anfang ihrer Karriere habe sie die Stigmatisierung von Sexarbeit und die damit verbundenen Vorurteile sehr belastet und stark verunsichert. Mittlerweile habe sie gelernt damit umzugehen. „Ich glaube nicht, dass es eine andere Branche gibt, in der du dich permanent für deine Berufswahl rechtfertigen musst“, sagt die 25-jährige Londonerin. 

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