Sira hat eine #Metoo-Bewegung in der Poetry-Slam-Szene ausgelöst

Sie selbst hat einen Slammer wegen Vergewaltigung angezeigt.
Interview von Nadja Schlüter
meetoo slam

Heute sagt Sira:  „Für mich ist es gerade sehr befreiend, dass ich mich so wohl in meinem Körper fühle!“ Das war nicht immer so, vor allem in der Zeit nach den Übergriffen nicht.

Foto: Sira Busch

Eine Poetry Slammerin, die in der Slam-Szene mehrere Fälle von sexualisierter Gewalt erlebt hat, hat diese im Sommer 2019 öffentlich gemacht und damit in der Szene eine #Metoo-Bewegung ausgelöst. jetzt hat darüber berichtet – aber weil einer der mutmaßlichen Täter ihr und mehreren anderen Frauen über einen Anwalt jeweils eine Unterlassungserklärung zukommen ließ, trug die Slammerin in unserem Artikel das Pseudonym „Marie“.

„Marie“ heißt eigentlich Sira Busch, ist 26 Jahre alt, studiert Mathematik in Münster und hat 2012 mit Poetry Slam angefangen. Die von ihr beschriebenen mutmaßlichen Taten haben sich 2014 zugetragen. Aktuell laufen noch mehrere Verfahren, darum darf sie keine Details aus ihrem Facebook-Post wiederholen. Aber weil sie mittlerweile genauer weiß, was sie sagen darf und was nicht (und weil wir ihr zugesichert haben, dass ihr Anwalt das Interview vor der Veröffentlichung prüfen kann), hat sie im Skype-Interview über ihren Umgang mit dem Erlebten gesprochen. Außerdem erzählte sie über die Slam-Szene, die hohen Gerichtskosten – für die der Verein „Slam Alphas“ Spenden sammelt – und darüber, wie sie es geschafft hat, sich wieder wohl in ihrem Körper zu fühlen.

jetzt: Sira, wieso hast du dich vergangenen Sommer dazu entschlossen, die mutmaßlichen Fälle von sexualisierter Gewalt in einer Facebook-Gruppe öffentlich zu machen?

Sira Busch: Weil mir zuvor zwei andere Frauen erzählt haben, dass sie mit einem der Männer ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Da dachte ich: Die Person tritt noch immer auf und organisiert Slams – was ist, wenn das gerade noch anderen Frauen passiert?

Du hast aber erstmal keine Namen genannt.

Ich dachte, dass auch so schon mal deutlich wird, dass es ein Problem gibt, und dass die Szene sich dann vielleicht etwas mehr Gedanken darüber macht, wie zum Beispiel Übernachtungen organisiert werden. Aber dann wollten einige unbedingt, dass ich die Namen sage – und das habe ich dann gemacht, aus dem eben genannten Grund.

Von wie vielen weiteren Fällen weißt du?

Von über zehn. Es gibt sicherlich noch mehr.

„Wenn ich nach einem Slam mit einem Mann alleine war, ging er fast immer davon aus, dass noch was zwischen uns läuft“

Bietet die Slam-Szene guten Nährboden für sexualisierte Gewalt?

Ich glaube ja. Auch, weil „Szenen“ generell sehr schwierig sind, denn in deren Dynamik hat man immer die Coolen und Bekannten, und die, die neu dazukommen. Und immer, wenn einige Leute mehr Macht haben als andere, können sie die natürlich ausnutzen, bewusst oder unterbewusst. Beim Slam kommt hinzu, dass die Auftritte oft abends sind, dass Alkohol getrunken wird, dass man häufig irgendwo übernachten muss und andere Menschen die Kontrolle über deine Schlafsituation haben. Außerdem sind Slammer Menschen, die auf Bühnen stehen und von Hunderten Leuten Applaus kriegen. Manche haben dann ab und an einen Höhenflug und denken wahrscheinlich: „Ich bin der Coolste und jede Frau kann glücklich sein, wenn sie mit mir schlafen kann!“ Das Ganze kann natürlich auch umgekehrt passieren: Ich weiß auch von einer in der Szene bekannten Frau, die gegenüber einem nicht ganz so bekannten männlichen Slammer sexuell übergriffig geworden ist.

Du hast in den vergangenen zwei Jahren kaum noch Slam-Auftritte gemacht – wegen der Vorfälle?

Auch, aber ich fand die Atmosphäre insgesamt oft unangenehm. Jedes Mal, wenn ich nach einem Slam mit einem Mann alleine war, ging der fast immer davon aus, dass jetzt noch was zwischen uns läuft. Ich hatte keine Energie mehr, mich damit auseinanderzusetzen.

Du hast nach deinem Post in der Facebook-Gruppe von einem der mutmaßlichen Täter eine Unterlassungserklärung bekommen und sie nicht unterschrieben. Die darauf folgende Verhandlung über die einstweilige Verfügung hast du verloren. Wie geht es jetzt weiter?

Wir gehen in Berufung und die einstweilige Verfügung wird nochmal eine Instanz höher verhandelt, also vor dem Oberlandesgericht. Gleichzeitig läuft noch eine Unterlassungsklage gegen mich und mindestens zwei andere Frauen. Darüber wird im Sommer verhandelt. 

Du hast diesen Mann aber auch wegen Vergewaltigung angezeigt, oder?

Ja. Eine der Frauen hat ihre Anzeige schon im Herbst 2018 gemacht und bei der Polizei auf mich als weiteres Opfer verwiesen. Anfang 2019 hatte ich meine erste Befragung, im Dezember 2019 wurde für mich eine eigene Akte eröffnet und die Befragung wurde wiederholt. Die Staatsanwaltschaft hat aber noch nicht entschieden, ob sie in meinem Fall Anklage erheben wird. Bei der anderen Frau hat sie das Verfahren eingestellt, weil sie der Auffassung war, dass es sich nicht um eine Vergewaltigung gehandelt hat.

Angenommen, du verlierst die laufenden Verfahren – welche Kosten kommen dann auf dich zu?

Ich kann es nur grob schätzen. Ich müsste dann meine Anwaltskosten, die vom gegnerischen Anwalt und die Gerichtskosten übernehmen. Wahrscheinlich wären das so etwa vierzigtausend Euro.

„Es erfordert viel Energie, so was immer wieder wegzuschieben“

Abgesehen von den finanziellen Konsequenzen: Welche Folgen hatte der Fall, den du angezeigt hast, für dich?

Ich habe mich danach in mein Studium gestürzt und mir selbst eingeredet, dass ich gar keine Zeit habe, mich mit der Sache auseinanderzusetzen. Aber es erfordert viel Energie, so was immer wieder wegzuschieben. Ich habe mich leer und ausgenommen gefühlt und extrem unwohl in meinem Körper. Ich habe nur noch Schlabbersachen angezogen, nicht mehr genug gegessen und zehn Kilo abgenommen. Ein Jahr später habe ich mit Kraftsport angefangen – nicht nur, aber auch, weil ich mich so schutzlos gefühlt habe. Ich dachte: „Mit dir kann jeder machen, was er will, weil du so klein und zerbrechlich bist.“ Ich war einfach mental in einer schlechten Verfassung und wusste selbst nicht genau, warum. Erst nach und nach ist mir bewusst geworden, was mir passiert ist, und ich habe geschafft, darüber nachzudenken und das richtige Wort dafür zu finden: dass es eine Vergewaltigung war. 

Wie war es für dich, als du mit den anderen Betroffenen darüber gesprochen hast?

Das hat nochmal ein ganz neues Fass aufgemacht. Denn was sie erzählt haben, hat mich unfassbar wütend gemacht, und dann habe ich mich gefragt: Warum warst du bei dir selbst nie so wütend? Als dann nach dem Facebook-Post im Sommer die Unterlassungsklage kam, dachte ich: „Was ist das für ein Mensch, der genau weiß, dass ich die Wahrheit sage, und mir jetzt auch noch sowas reindrückt?“ Mir wurde da stark bewusst, wie viel Unrecht mir angetan wurde und wird.

Auf Instagram schreibst du seit einigen Monaten viel über das Thema sexualisierte Gewalt, zum Beispiel über die Rechtslage, Opfer- und Täter-Mythen, Traumata, Verdrängung und Selbstbestimmung. 

Ich finde, dass über dieses Thema insgesamt viel zu wenig gesprochen wird. Und mir selbst hat es sehr geholfen, mir die ganzen Paragraphen oder BGH-Urteile zu ähnlichen Fällen durchzulesen, mich juristisch zu informieren und mich generell abstrakt mit dem Thema auseinanderzusetzen.

In deinen Instagram-Posts, auch in denen zum Thema sexualisierte Gewalt, setzt du oft deinen trainierten Körper in Szene. Warum diese Kombination? 

Ich kriege manchmal das Feedback, dass es komisch ist, wenn ich meinen Körper so präsentiere. Aber ich finde, dass es ein schönes Zeichen ist: Da ist eine Frau, die das durchgemacht hat, aber mittlerweile die Kraft hat, frei darüber zu sprechen – und gleichzeitig hat sie auch ihren Körper zurückgewonnen und kann ihn stolz präsentieren, ohne sich unsicher zu fühlen. Für mich ist es gerade sehr befreiend, dass ich mich so wohl in meinem Körper fühle!

Welches Feedback bekommst du ansonsten auf deine Posts?

Sehr gutes, aber auch sehr krasses. Mir haben mehr als 20 Frauen geschrieben, dass sie auch vergewaltigt wurden. Und viele Betroffene sagen, dass sie sich in meinen Posts wiederfinden.

Was sollte deiner Meinung nach jede*r Betroffene dringend wissen?

Dass man einen guten Anwalt oder eine gute Anwältin haben sollte – wenn man es sich leisten kann. Dass es aber auch sowas wie Prozesskostenhilfe gibt. Dass die Polizeibefragung extrem unangenehm ist, denn man muss die Tat in allen Einzelheiten beschreiben. Und: Nur, weil die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellt, heißt das nicht, dass das keine Vergewaltigung war oder dass das alles nicht wirklich passiert ist. Manchmal bedeutet es nur, dass es zu wenig Beweise gibt.

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