"Das ist hipstermäßig!"

Warum das ein schwer gedankenfaules Totschlagargument ist.
Von Jakob Biazza
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Illustration: Daniela Rudolf

Dinge, für die ich oder Menschen in meinem Umfeld in den vergangenen Wochen den Satz „Ist ja voll hipstermäßig“ gehört haben (eine Auswahl): ein gemusterter Pullover, ein gestreifter Pullover, ein einfarbiger Pullover, ein altes Holland-Fahrrad, ein gebraucht gekauftes Single-Speed-Fahrrad, eine Gin-Tonic-Bestellung, eine Whisky-Cola-Bestellung, eine Weißweinbestellung, eine Apfelschorlenbestellung, ein Portemonnaie, in das auch ein iPhone passt, ein iPhone, ein iPad, ein iBook, ein Fairphone, ein altes Nokia, eine Bleistiftverlängerung, ein Füllfederhalter, ein Stabilo-Stift, bunte Socken, keine Socken, fürs Vollbarttragen, für das Tragen eines kürzeren Bartes, für das Abrasieren eines Bartes, fürs Father-John-Misty-Hören, fürs Wanda-Hören, fürs Slayer-Hören, fürs Dillinger-Escape-Plan-Hören, fürs Eine-Frisur-haben, fürs Keine-Frisur-haben, fürs Veganer-Sein, für den Besuch eines Steak-Lokals, für den Besuch einer Ausstellung, für das Lesen eines Buches in einem Café, für das Tragen einer Mütze, für den Besitz eines Faltkajaks. Und – mein absoluter Favorit – dafür, nachts an einer roten Ampel stehengeblieben zu sein. Kein Witz.

Das bislang letzte Mal habe ich den Satz am vergangenen Wochenende gehört. Beim Wandern. In der Jachenau. Halbe Strecke zum Gipfel des Staffel. Ich trug Wanderstiefel, Wanderstecken, eine Wanderhose der Firma Mammut (mit Zipp-Off-Funktion oberhalb des Knies), einen dunkelblauen Pullover aus Baumwolle, Bart, eine halbherausgewachsene Frisur und eine Sonnenbrille, von der mir mal jemand gesagt hat, ich sähe mit ihr aus wie der junge Friedrich Liechtenstein. Ich vermute, es ging den Mitwanderern um die Brille. Eigentlich geht es aber um etwas anderes.

„Hipstermäßig“ ist inzwischen eine Art Kampfbegriff geworden. Munition für Menschen, die es sich etwas zu leicht machen. Viel zu leicht eigentlich. Wenn sie damit herummäkeln. Wenn sie ihn benutzen, um, ja, um was eigentlich zu schmähen? Dass Menschen Kleidung tragen? Dass sie Alkohol trinken oder auch nicht? Dass sie Computer und Telefone von Firmen haben und Hobbys? Dass sie sich bei der Auswahl all dessen Mühe geben? Dass sie sich dabei zu viel Mühe geben? Dass sie versuchen, Geschmack zu haben? Dass für sie Distinktion vor Funktion kommt? Dass sie zu dumm sind, um auch nur eine Bartlänge weit über Fragen hinauszudenken, die nicht ihren eigenen Stil betreffen? All das? Gar nicht so leicht.

Probieren wir es also vielleicht doch erst mal mit einem Idealtypus.

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Illustration: Julia Schubert

Der ginge ja ungefähr so: Hipster, das sind diese fratzenhaft überkarikierten Selbstinszenierer, die sich eher ein Bartöl zulegen, als irgendeine Form von Überzeugung. Weil ihnen Distinktion über alles geht. Immer. Weil sie, wenn sie nur könnten, am liebsten auf Kamelen in Clubs einreiten würden, in denen Musik läuft, die sie nur deshalb hören, weil niemand sonst sie hört, um dabei – erst sehr ironisch, inzwischen aber wohl tatsächlich auch noch sehr ernst – Klamotten zu tragen, bei deren Anblick selbst Hella von Sinnen erbrechen müsste.

 

Hipster sind also eine Art vollbärtiger Ostfriesenwitz geworden. In dem Begriff schwingt nur noch Ablehnung mit. Und um Gottes Willen: Man kann das sehr, sehr gut verstehen. Aber: Es gibt Idealtypen im echten Leben ja nicht. Da ist „hipstermäßig“ mittlerweile so diffus, so sehr aus allen Regionen von Mode, Popkultur, Haltung und Abgrenzung zusammenzitiert, dass es quasi alles meinen kann. Deshalb lässt sich ja auch alles damit bekritteln. Und genau das ist der Punkt: Kritik ist toll. Sie ist wichtig. Nur mit Kritik kommt man weiter. Überall. Aber man muss sich, wie bei allem, auch beim Kritisieren Mühe geben. Vor allem da. Je diffuser und pauschaler Kritik ist, desto unnützer wird sie. Desto mehr lugt sie auch ins Tumbe.

 

"Hipstermäßig" ist inzwischen ein Totschlagargument.

 

Und „hipstermäßig“ ist eben maximal unkonkret. Und damit vor allem furchtbar gedankenfaul. Es wird inzwischen mit derselben pauschal-dümmlichen Attitüde benutzt, mit der man auch „spießig“ sagt. Oder „Streber“. Und zwar – das ist aber auch eine pauschal-dümmliche Annahme – vermutlich zu großen Teilen von Menschen, die sich genau dafür rächen.

 

Deshalb schwingt in dem Ausspruch irgendwo weit hinten auch eine grundsätzlichere Haltung mit: Etwas „voll hipstermäßig“ zu finden, meint längst nicht mehr nur, dass das Gegenüber mit seiner Hose/Frisur/Jacke/Getränkebestellung/Ernährungsstrategie blind einem Trend hinterher rennt. Es meint, mindestens implizit, dass es an sich unbestimmt peinlich oder unfertig oder falsch ist, sich mit Trends, Ästhetik oder Stil zu beschäftigen.

 

Es ist zum Totschlagargument geworden. Innovationsfeindlich. Mild faschistoid vielleicht auch. Und ein bisschen dumm. So dumm, dass man Godwin’s Law vielleicht bald umformulieren sollte: "Mit zunehmender Länge einer Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Hipstern oder Devendra Banhart dem Wert Eins an."  

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