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Wie erleben Menschen die Pandemie im Jemen oder in Beirut?

Meret Michel (28), Helene Aecherli (54) und Franziska Grillmeier (29), Journalistinnen und Betreiberinnen des Blogs „Window Talks“.
Fotos: Sophie Herwig / Privat

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Layan ist 16 und lebt in Sana’a im Jemen. Eigentlich geht sie zur Schule und arbeitet ehrenamtlich in einer Hilfsorganisation, doch seit einigen Monaten hat beides wegen der Corona-Pandemie geschlossen. „Ich bin traurig über mein Leben. Es ist nicht das Leben, das ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte, dass wir in Sicherheit sind und träumte von einer guten Ausbildung an einer guten Universität“, sagt sie im Interview auf dem Blog „Window Talks“. Sie erzählt dort vom Versagen des Gesundheitsministeriums in ihrer Heimat und ihren Nachbarn, die an Covid-19 gestorben sind, von der prekären Sicherheitslage im Jemen und von ihrer Leidenschaft für das Singen und Tanzen. Die Geschichte der jungen Layan habe viele Menschen berührt, sagt Helene Aecherli. Gemeinsam mit Meret Michel und Franziska Grillmeier betreibt sie den Doku-Blog Window Talks, auf dem die drei Journalistinnen Dutzende solcher Einzelschicksale festhalten. Menschen aus aller Welt zeigen dort den Blick aus ihrem eigenen Fenster und beschreiben ihren Alltag mit der Pandemie. 

„Window Talks“ soll eine Brücke zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft schlagen

Im März, als sich das Coronavirus auf der ganzen Welt verbreitete, begannen sie zu recherchieren und Interviews zu führen. Aus der Tatsache, dass mit den Corona-Lockdowns gerade auf der ganzen Welt das Gleiche passiert, wollen sie Geschichten machen: „Das ist die Gelegenheit, den Menschen andere Lebensrealitäten näher zu bringen, weil eben alle, mit unterschiedlichen Ausprägungen, die gleiche Situation erleben“, erklärt Meret im Interview gegenüber jetzt.

Während sich die Corona-Berichterstattung in den deutschen Medien vor allem um Deutschland, Italien, China und die USA dreht, berichten die Betreiberinnen von Window Talks aus Ägypten, Ecuador, Indonesien und Palästina. Und versuchen so, eine Brücke zwischen den Menschen unterschiedlichster Herkunft zu schlagen: „Die Leute erkennen sich wieder, trösten sich darin, dass es anderen genauso geht. Egal ob das jetzt in Ecuador, Zürich oder Griechenland ist – die Grundängste sind etwas, was viele Menschen verbindet“, sagt Helene.

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Die 16-Jährige Layan hat für den Blog  „Window Talks“ von ihrem Alltag im Jemen erzählt.

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Was Layan sieht, wenn sie aus ihrem Fenster blickt.

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Layans Lieblingsbuch: „Man’s search for meaning“ von Viktor Frankl.

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Das Haus von Layans Großmutter in Sana’a.

Den Beerenbaum der Nachbarn und ihre kleine Schwester, die im Garten spielt: Das sieht Layan, wenn sie in Sana’a im Jemen aus ihrem Fenster schaut. Window Talks soll aber nicht nur buchstäblich den Blick aus dem Fenster zeigen, sondern den Menschen einräumen, ein symbolisches Fenster in die eigene Welt zu öffnen, erklärt Franziska: „Das Schöne an dem Projekt ist, dass wir komplett frei sind. Wir sind nicht an diese redaktionelle Starre gebunden, sondern können die Kreativität und das Potenzial der Leute einfließen lassen, die wir interviewen.“ So macht die Jemenitin Layan Selfies mit Maske, fotografiert ihr Lieblingsbuch und nimmt eine Sprachnachricht auf, auf der sie „Count on me“ von Bruno Mars singt. Basman Elderawi aus Gaza in Palästina schreibt ein Gedicht über seine Gedanken, Ängste und Hoffnungen. Und Raha N. aus Iran nimmt ein Video über den Dächern von Teheran auf, in dem man Vögel zwitschern und Kinder spielen hört.

Meret berichtet aus Beirut von zerstörten Krankenhäusern, obdachlosen Menschen, einer kollabierten Wirtschaft

Es sei nicht schwierig, Interviewpartner*innen zu finden, denn eigentlich habe jeder Mensch eine interessante Geschichte zu erzählen, sagt Franziska. Man müsse einfach nur mal fragen: Wie läuft es denn bei dir gerade? „Das kann schnell intim werden, oder persönlich, verträumt, mystisch oder eben total rational, je nachdem, wie der Mensch drauf ist.“ Und genau wegen dieser menschlichen Ebene nehme die Relevanz ihres Herzensprojekts auch nicht ab, finden die drei Journalistinnen. „Bei mir gab es nie den Moment, in dem ich mich gefragt habe: Ist das Projekt jetzt vorüber, weil der Lockdown vorüber ist? Es hat sich alles verändert und Corona ist ja immer noch sehr präsent“, sagt Meret. Ihr geht es vor allem darum, wie verschiedene Krisen zusammenspielen. Von ihrem Balkon in Beirut berichtet sie von zerstörten Krankenhäusern, obdachlosen Menschen, einer kollabierten Wirtschaft und steigenden Corona-Zahlen. Seit in vielen Ländern die zweite Welle da ist, hat das Projekt eine neue, traurige Aktualität bekommen.

Egal, wie sich die Pandemie weiter entwickelt, die drei wollen weitermachen und auf Window Talks immer wieder neue Geschichten unterschiedlicher Menschen festhalten, andere Journalist*innen und betroffene Personen selbst schreiben lassen und irgendwann vielleicht sogar ein bisschen Geld mit ihrem Blog verdienen. Auch Updates vergangener Geschichten seien geplant, erzählt Franziska: „Wie geht’s den Menschen, die wir anfangs begleitet haben, jetzt? Die werden ja etwas ganz anderes erzählen als vor ein paar Monaten.“

Mit der 16-jährigen Layan bleibt Helene ständig in Kontakt, spricht mit ihr und ihrer Familie über die Situation im Jemen, über Sehnsüchte und Wünsche für die Zukunft. Die Jemenitin träumt davon, zu studieren und eines Tages ein Studio zu eröffnen, in dem junge Mädchen das Singen und Tanzen lernen – so, wie sie es sich für sich selbst gewünscht hätte. Im Interview mit Helene sagt sie: „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, sage ich zu mir selbst: Eines Tages werde ich eine großartige Frau sein und ich werde das tun, was ich liebe. Ich werde meine Träume verwirklichen.“ 

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