Elite statt Integration. Was Blogger Ekrem von der Diskussion um türkische Schulen in Deutschland hält

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Du bist der einzige mir bekannte Blogger, der offensiv mit der Migrantenperspektive umgeht. Kennst du da noch andere? Es gibt wirklich nicht viele. Das ist sehr schade, denn ich denke, gerade Einwanderer könnten das Internet noch viel mehr nutzen. Und gerade viele Türken, die in Deutschland leben, sind nicht in der Lage, sich über bestimmte Themen selbst aufzuklären. Woran liegt das? Ich rede jetzt mal nur über die Türken. Die meisten Gastarbeiter, die in den 60er hierher gekommen sind, hatten kaum Schulbildung. Und diese Menschen verweilen heute noch unter uns und sie haben sich leider Gottes auch nicht weiter entwickelt. Wer gerademal die Grundschule besucht hat, ist nicht fähig, sich komplexe politische Themen klar zu machen. Bei dir ist ja offenbar ganz anders gelaufen. Hast du den Eindruck, dass diese Unfähigkeit an die Kinder weiter gegeben wird? Ich denke, jeder Mensch, der es in Deutschland geschafft hat, hat einfach ein bisschen mehr Glück gehabt. Meine Eltern waren vielleicht 15, 16, als sie hierher kamen und wir lebten in einer Siedlung, wo nur andere Türken waren. Ich konnte auch kein Wort Deutsch, als ich eingeschult wurde.

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Illustration: Julia Schubert

Bild: privat Aber du hast es ja scheinbar trotzdem hinbekommen. Es geht also. Mein Glück war eine sehr engagierte Mutter. Meine Grundschullehrerin sagte zu mir: “Also das hat keinen Sinn, dass du noch lang zur Schule gehst.“ Sie fand ich solle auf die Hauptschule und dann arbeiten. Meiner Mutter kam das nicht in die Tüte und sie hat den Direktor einer Gesamtschule überredet, mich auf Probe aufzunehmen. Sobald ich dort war, ging es mit meinen Noten rasant bergauf. Angesichts solcher Schwierigkeiten: Was hältst du denn von Erdogans Vorschlag, türkische Schulen in Deutschland einzurichten? Man muss sich erstmal ansehen, was genau damit gemeint ist. Wenn man von türkischen Schulen spricht, darf man sich nicht vorstellen, dass zu jeder Grund- und Hauptschule und Realschule und Gymnasien eine türkische Schule eingerichtet wird. Sondern so, wie es im Ausland auch deutsche Schulen gibt – für die Kinder von Diplomaten und Geschäftsmännern. Das wäre doch dann eigentlich ein absolutes Eliteding, oder? Mit Integration hat das ja nichts zu tun. Nein, das ist meiner Ansicht nach von den Medien hochgekocht worden. Da reden Politiker von einer Manifestation der Parallelgesellschaft – aber in Wirklichkeit meint Erdogan Eliteschulen und Universitäten für türkische Kinder und Jugendliche die nur vorübergehend hier sind. Da geht es nicht um Massenschulen, das wäre ja auch total weit hergeholt. Das kann er nicht gemeint haben, ganz egal, was man von ihm hält. Du warst ja auch in der Köln Arena. Wie findest du denn solche Veranstaltungen? Ich finde solche Veranstaltungen schon okay. Aber es ist schade, dass ein türkischer Premier bei Menschen, die seit 40 Jahren in einem anderen Land leben, so enthusiastisch gefeiert wird. Mir wäre es lieber, wenn unsere Integrationsbeauftragte Maria Böhmer solche Begeisterung auslösen könnte. Erdogan meinte ja auch, die Türken sollen sich in Deutschland integrieren aber nicht zur Assimilierung zwingen lassen. Was soll das denn überhaupt heißen? Fühlt man sich denn als Einwanderer oder als Kind von Einwanderern von der restdeutschen Gesellschaft unter Druck gesetzt? Die Politik fordert so was nicht ein. Allerdings hat man manchmal schon den Eindruck, dass manche Assimilierung meinen, wenn sie Integration sagen. Vor allem wenn man mal nach Bayern schaut. Wie würdest du das denn unterscheiden? Für mich ist Integration in erster Linie Anpassung an die Rechtsordnung. Erst in zweiter Linie kommt die Sprache. Schließlich kann man ja deutsch sprechen und trotzdem alle Gesetze missachten. Und man darf sich natürlich auch nicht respektlos oder abweisend gegenüber der Kultur hier verhalten. Auch wenn man gerne komplett verhüllen will, gehört es zur Integration dazu, sich davon ein bisschen zu lösen. Da entsteht aber schnell eine Blockadehaltung auf beiden Seiten. Wie passiert das? Bei meinem Blog erlebe ich das ja tagtäglich. Oft meinen die Leute sogar das Gleiche und streiten sich dennoch. Es geht dann immer nur darum, aus Prinzip auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. Da heißt es: „Ich bin Türke, ich bin Ausländer, du bist Deutscher, und das reicht aus, um sich zu streiten.“ Grundsätzlich bin ich aber der Überzeugung, dass wenn wir in Deutschland seit 40, 50 Jahren friedlich zusammen leben, es schon etwas zu bedeuten hat. Der Generalsekretär des muslimischen Zentralrats hat gestern gesagt, Erdogan hätte mit seinen Aussagen ins Schwarze getroffen habe und die Integrationspolitik in Deutschland absolut verfehlt sei. Stimmst du dem zu? Also, absolut ist vielleicht bisschen übertrieben. Aber es gibt viele Punkte, auf die man eingehen könnte. Sag doch mal welche, bei denen du das Gefühl hast, es läuft total falsch. Also zum Beispiel dieser Integrationsgipfel unter dem Motto: „Miteinander statt übereinander reden“. Und dann wurden Ausländergesetze gemacht, ohne, dass irgendwer von uns nur einmal dazu gefragt wurde. Die sollen uns ja nicht die Gesetze machen lassen, aber wenigstens mal unsere Meinung einholen hätten sie können. Was ist das denn für ein reden miteinander? Und dann fehlt einfach das Fingerspitzengefühl in den Medien und Politk. Ausländer ist nicht gleich Ausländer. Wenn alle Nicht-Deutschen gleich gemacht werden, fühlt sich der einzelne Mensch schlecht und unverstanden. Er entwickelt einfach kein Vertrauen in die Politik. Da können alle Politiker im Chorus schreien „Integration, Integration, Integration“, das hat für einen Ausländer keine Bedeutung nichts mehr. Es mangelt ja wohl auch an politischer Partizipation. Ein Grund, warum deutsche Politiker keine Poltik für Türken machen, ist weil die sie nicht wählen können. Ist es nicht möglicherweise so, dass es mehr türkischstämmige Politiker geben müsste? Ach, es gibt doch viele von ihnen. Aber die reden auch ihren Parteivorständen nach dem Mund. Die meisten sind Regionalpolitiker, es gibt nur wenige auf Bundesebene, die einem wirklich zusagen. Aber das ist doch bei deutschen Politikern genau so, es gibt nur wenige, die einen wirklich begeistern. Vielleicht fehlt es an der Masse. Klar, gerade bei Türken ist das schwierig. Die sind grundsätzlich mal sehr lagerfähig. Aber es müsste einfach mal mehr Politiker geben, die sich wirklich für die Belange von Einwanderern einsetzen. Die auch mal den Leuten das Gefühl vermitteln, hier, hört mal zu, wir versuchen es. Es ist möglich in Deutschland sich mit den Leuten hinzusetzen und zu reden. Momentan ist es leider so, dass man sich als Einwanderer vor jeder einzelnen Gesetzesneuerung nur fürchten muss, weil alles immer mehr verschärft und schwieriger wird.

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