Tausche Flagge gegen T-Shirts

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Wie fühlt man sich, wenn man sogar von seinen Parteikollegen als „politische Geisterfahrerin“, als „Kuckucksei“ und als „geschlagen mit historischer Blindheit und Ungebildetheit“ bezeichnet wird? Damit ist eindeutig eine Grenze der politischen Kommunikation überschritten worden. Das hat am Dienstag Abend aber auch der Landesvorstand auf einer eigens anberaumten Sondersitzung deutlich gemacht. Meiner Meinung nach geht es bei diesen Angriffen gegen mich ohnehin um ältere Konflikte, die mit unserer Aktion nichts zu tun haben... ...also drei Deutschlandflaggen gegen ein T-Shirt und eine DVD zu tauschen, um so die Fahnen von der Straße zu bekommen... Genau. Wir sind der Meinung, dass Nation ein fragwürdiges Konzept für Identität ist. Das ist innerhalb der Linken eine legitime Position. Mit der kann man sich sehr wohl zu Wort melden. Aber dass die Stimmung im Moment eine andere ist und gerade eine Deutschland-Party gefeiert wird, war uns natürlich auch klar. Deshalb wollten wir aber auch eine Diskussion darüber anregen. Die „Du bist Deutschland“-Kampagne wurde wenigstens noch hinterfragt, jetzt ist das nicht mehr so.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Foto: dpa Aber ist Eure Aktion „Flaggen gegen T-Shirts“ nicht nur ein Akt symbolischer Politik, der kaum Inhalte vermittelt? Wir beziehen uns mit der Aktion auf die Fahne als Symbol und wollen dabei über ihren Hintergrund diskutieren. Darum haben wir Widerspruch gegen ein unreflektiertes Nationalgefühl eingelegt. In der Übersteigerung eines eigenen Heimat- und Nationalgefühls liegt immer die Gefahr der Abgrenzung nach außen. Es gibt aber auch eine Gefahr nach innen: eine allgemeine Festlegung, was deutsch ist und wie man als Deutsche zu sein hat. So werden Minderheiten diskriminiert. Gleichzeitig findet mit Entwicklungen wie Hartz IV oder der Gesundheitsreform in unserer Gesellschaft eine Entsolidarisierung statt, die mit diesem neuen Nationalgefühl künstlich überdeckt werden soll. Für tatsächliche Solidarität reicht das aber nicht aus. Natürlich hat man eine Sehnsucht nach Identifikation. Die deutsche Flagge ist aber kein Fußball-Wimpel, sondern ein Nationalsymbol. Und mit diesem Symbol verbindet sich deutsche Geschichte und zu dieser Geschichte gehört eben auch der Nationalsozialismus – auch wenn die Nationalsozialisten eine andere Fahne verwendet haben. Ich will in Deutschland aber keine Normalisierung zu den Verbrechen des Nationalsozialismus. Deshalb kann es in Deutschland keine mit anderen Ländern vergleichbare Identifikation mit dem ohnehin fragwürdigen Konzept der Nation geben. Mit was kann man sich aber dann identifizieren? Genau darum geht es uns: dass man darüber nachzudenken und zu diskutieren beginnt. Das könnte zum Beispiel individuelle Freiheit innerhalb einer Gemeinschaft sein. Dass diese Freiheit in Solidarität und Gerechtigkeit jedem ermöglicht wird. Oder noch eher als eine Gemeinschaft, die sich auf Herkunft gründet, ein Verfassungspatriotismus wie in Frankreich oder den USA. Wie viele Fahnen sind denn schon abgegeben worden? Mittlerweile sind es schon 107. Es sind zum einen junge linke Menschen aus dem linken Umfeld, die Fahnen abgeben. Aber es sind auch Leute, die von der Aktion gelesen haben und die es stört, dass sie Fußball nicht ohne Nationalismus und ohne diesen ganzen Rummel sehen können. Was habt Ihr eigentlich mit den Fahnen vor? Das ist noch nicht genau entschieden und möchte ich deshalb auch noch nicht sagen. Nichts Ungesetzliches jedenfalls. In Zittau sind zum Beispiel in letzter Zeit schon Fahnen verbrannt worden. Das wird nicht passieren. Mehr über die Debatte "Was ist deutsch?" auf jetzt.de: - Ein Interview mit einer Integrationskursleiterin, die Immigranten nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die deutsche Kultur vermitteln soll - Ein Überblick über die Beiträge zur Debatte in aktuellen Zeitschriften - Ein Interview mit dem Macher der Kampagne Vorrundenaus 2006, der hofft, dass Deutschland bei der WM ganz früh ausscheidet - Ein Porträt der Kampagne "Deutschland muss kicken" und "Deutschland Kickt", die beide mehr Mut und Selbstbewusstsein nach Deutschland bringen wollen - Ein Interview mit den Machern des Projekts I can't relax in Deutschland, die letzten Sommer ein Buch-Compilation veröffentlicht haben, um einen neuen Nationalismus, der in den letzten Jahren in der deutschen Gesellschaft und auch in der Popkultur entstanden ist, zu kritisieren.

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