Der erste Absatz geht ganz leicht.
 
Friedemann Karig ist ein deutscher Autor und Moderator. Er brillierte in zahlreichen Texten und Sendungen, gilt als schön und schlau. Zudem riecht er sehr gut. Seine beste Eigenschaft bleibt jedoch seine Bescheidenheit.
 
Das soll mein Wikipedia-Eintrag sein. Um zu testen, ob das System der Online-Enzyklopädie wirklich so gut funktioniert, wie alle sagen, und grober Unfug sofort gelöscht wird. Unbestechlich und blitzschnell – mit diesen Attributen wurde Wikipedia zum größten Lexikon der Welt. 400 bis 500 Millionen Besucher rufen dort jeden Monat die mehr als 32 Millionen Einträge ab. Das ist hundertmal der Brockhaus.
 
Den Eintrag zu „Friedemann Karig“ findet man dort bisher nicht. Mir fehlt es, wie den meisten Menschen auf der Welt, an Relevanz. In den meisten Einträgen zu wenig bekannten Menschen riecht es vermutlich deshalb penetrant nach Selbstweihrauch: Die meisten von ihnen haben ihre Biografie ziemlich offensichtlich selbst geschrieben. Mich interessiert, wie streng die Türsteher da wirklich sind. Die „Wikimania“ am vergangenen Wochenende, das größte Treffen der Wikipedia-Community in London, schien mir da wie ein guter Anlass.
 

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Mein brutal geschöntes Ich: Gibt zuviel Eigenlob Ärger?

Das Online-Lexikon funktioniert nach dem Grundsatz „publish, then filter“: Erst alles veröffentlichen. Dann rausfiltern, was nichts taugt. „Selbstheilung“ nennt das Wikipedia-Chef Jimmy Wales. Weil das so gut funktioniert, ist Wikipedia das Paradebeispiel für erfolgreiche Online-Kollaboration zwischen Fremden. Aber die Kehrseite der Basisdemokratie: umso schärfere Kontrollen. Die Administratoren gelten als Abfangjäger jeder Irrelevanz, jeder subjektiven Einfärbung, jeder Fälschung. Und sie sind schnell. So schnell, dass die Wiki-Regeln eine Stunde Schonfrist vorschreiben, bevor ein Eintrag zum Löschen freigegeben wird. Man muss die Jäger in ihrer eigenen Löschwut bremsen.
 
Sich selbst objektiv zu beschreiben, ist per Definition unmöglich. Also versuche ich es gar nicht erst:
 
Als freier Autor schreibt Karig zarte Poesie unter anderem für jetzt.de, das flippige junge Nachrichtenmagazin der Süddeutschen Zeitung. Wegen seiner angenehm unaufgeregten, aber immer erfrischend menschlichen Art, gilt er als der neue Frank Elstner.
 
Ich kichere, klicke auf Veröffentlichen und trommle mit den Fingern auf die Maus: Wie reagieren die Türsteher des Mega-Lexikons? Gibt das Ärger? Interessiere ich überhaupt jemanden? Es ist 15.25 Uhr.
 
Erst vor einer Woche flog eine Wikipedia-Fälschung auf, die jahrelang unbemerkt geblieben war: Eine bekiffte Studentin hatte 2009 in einem Eintrag über ein amerikanisches Kinderbuch behauptet, eine Figur sei dem kamerunischen Kindermädchen der Autorin nachempfunden. Das frei erfundene Detail hielt sich fünf Jahre. Es wurde in Büchern zitiert und in Aufsätzen wiedergekäut. Sogar der Neffe der Autorin, der im Namen der 1988 Verstorbenen weitere Kinderbücher verfasste, erzählte die Anekdote in einem Interview. „Solche subtilen Falschmeldungen bleiben mitunter sehr lange hängen“, erklärte der Wikipedia-Administrator Milowent, der als Experte für Fälschungen gilt. Je unscheinbarer eine Lüge, desto schwieriger ist es auch, sie als solche zu enttarnen. Wie lange kann sich mein Frank-Elstner-Vergleich halten? 

Sie setzen meinen Namen in Anführungszeichen. Vielleicht gibt es mich ja gar nicht.


Die erste Reaktion kommt nach zwei Minuten. User Tol’biacMG weist mich freundlich darauf hin, dass die Links zu meiner Homepage im Artikeltext nicht erlaubt sind. Er nimmt sie raus. Fünf Minuten später fordert Tremonist eine „Wikifizierung, falls relevant“. Wikifizieren bedeutet die Anpassung ans Wikipedia-Layout. Meinem Namen werden vorerst Anführungszeichen verpasst – vielleicht gibt es mich ja gar nicht.
 
Weitere formale Änderungen verstehe ich nicht ganz. Zwar kann man alles nachverfolgen, aber nicht immer erschließt sich dem Laien, was genau warum geändert wurde. Meine nassforsche SD (Wikipedianisch für „Selbstdarstellung“) überlebt jedenfalls die ersten Korrekturen. Ich klicke auf „Bedanken“, ein Feature, das den Cracks signalisiert, dass ich ihre Verbesserungen gut heiße. Mein Eintrag wartet nun in einer Liste mit 30 anderen neuen Einträgen auf weitere „Qualitätssicherung“. Dann schaltet sich Havelbaude ein. Mein bislang härtester Gegner.
 
Er schmeißt alle wertenden Formulierungen raus. Die „zarte Poesie“ wird zu „Poesie“, das „flippige“ an jetzt.de lässt er nicht gelten. Und Frank Elstners Nachfolger bin ich nun auch nicht mehr.
 
Hätte ich es ihnen schwerer machen sollen? Vielleicht die Besteigung eines Achttausenders im Spiderman-Kostüm erwähnen sollen? Das hätte sie mal zum Recherchieren gezwungen. Andererseits überkommt mich nach den ersten gewissenhaften Korrekturen fremder Menschen eine seltsame Demut: Diese Leute beschäftigen sich mit etwas so unwichtigem wie meinem lexikalischen Avatar, unterbinden meine kindischen Witze, suchen sogar selbstständig neue Informationen. Freiwillig!
 
Als nächstes findet Havelbaude meinen Geburtstag heraus. Ich hatte nur das Jahr angegeben. Ein ungutes Gefühl: Will ich überhaupt, dass solche privaten Daten in einem öffentlichen Lexikon stehen? Was mache ich, wenn es mir zu viel wird? Wann decken sie auf, was ich letzten Sommer getan habe?
 
Ich setze das Datum wieder zurück und schreibe als Begründung, dass es mir so lieber wäre. Dann kontaktiere ich Havelbaude. Er ist durch Zufall auf meinen Eintrag gestoßen, schreibt er freundlich. Monat und Tag meines Geburtsdatums hat er auf der Seite meiner Moderationsagentur gefunden. Während ich noch seine Mail lese, macht er meine Änderung rückgängig. Begründung: Dann sollte das Datum auch nicht auf der Seite der Agentur stehen. Ich merke, dass die Kontrolle über meinen Eintrag längst nicht mehr bei mir liegt. Was vielleicht auch besser so ist: „Solch überzogene Selbsteinschätzungen“ lese er nur selten, schreibt Havelbaude. Hätte ich auf dem Quatsch bestanden, hätte er mich als Vandalen gemeldet. Wer mehrmals stört, verliert seine Schreibrechte.
 
Genau 35 Minuten nach dem Start versandet die Bearbeitung. Die Version scheint vorerst okay für die Wikipedianer. Kurz darauf kommt die Botschaft: „Friedemann Karig“ wurde in die Liste der Biografien aufgenommen. Als eine von mehr als 500.000.


Update - was seitdem geschah:
11.08.2014:
14:40 Uhr
Mittlerweile liegt ein Löschantrag bei Wikipedia vor. Die sehr nette Begründung:
Völlig irrelevanter Journalist, der uns mit sich selbst beglückt hat, um einen ganz tollen Erfahrungsbericht für die SZ zu schreiben *gähn*, --He3nry Disk. 08:19, 11. Aug. 2014 (CEST)
15:40 Uhr
Der Eintrag "Friedemann Karig" wurde gelöscht. "Offensichtlich fehlende enzyklopädische Relevanz"
Die genaue Debatte könnt ihr hier nachlesen.

14.08.2014:
Der Antrag Friedemann Karig wegen "Vandalismus" als Benutzer zu sperren, wurde abgelehnt



Text: friedemann-karig - Illustration: Sandra Langecker