Die Hochzeitsreise

Wie schmuggelt man syrische Flüchtlinge quer durch Europa? Zum Beispiel verkleidet als Brautpaar mit Verwandtschaft. Drei italienische Filmemacher haben genau das getan. Ein Gespräch.
julia-reichardt

Gabriele, Khaled und Antonio leben in Mailand. Vergangenen Herbst haben sie fünf Syrern geholfen, von Italien nach Stockholm zu kommen. In Schweden bekommen syrische Flüchtlinge ein unbefristetes Aufenthaltsrecht. Aus der Reise ist der Dokumentarfilm „Io sto con la sposa“ geworden, auf Deutsch: „Ich gehöre zur Braut.“ Ende August wird er auf der Biennale in Venedig gezeigt.

jetzt.de: Ihr habt syrische Flüchtlinge nach Schweden geschleust. Welche Strafe steht darauf?

Gabriele del Grande: Wenn wir auf frischer Tat erwischt worden wären, maximal 15 Jahre Gefängnis wegen Menschenhandels.

Was wäre aus den Flüchtlingen geworden?

Sie wären wieder zurück nach Italien geschickt worden.

Wie kommt man auf so eine Idee?

Ich war gerade von einer Recherche in Syrien zurückgekehrt, als ich Abdullah, unseren Bräutigam, am Mailänder Bahnhof traf. Bei der Ausreise aus Syrien hatten mir so viele Menschen geholfen, dass ich mich revanchieren wollte. Für viele Syrer auf der Flucht ist Italien ein Transitland auf dem Weg nach Nordeuropa. Noch bevor ihnen der Fingerabdruck abgenommen wird und sie registriert werden, versuchen sie von Sizilien aus den Zug nach Mailand zu nehmen. Dort bezahlen sie dann einen Schlepper, um nach Schweden oder Deutschland zu gelangen. Manche versuchen es auch auf eigene Faust. Abdullah fragte mich nach dem Zug nach Schweden. Ich lud ihn zu mir nach Hause ein. Er hatte erst wenige Wochen zuvor das schwere Schiffsunglück vor Lampedusa überlebt . . .

. . . bei dem im Oktober 2013 hunderte Flüchtlinge ertranken.

Wir wollten Abdullah helfen, nach Schweden zu kommen. Die Idee mit dem Film und der Hochzeit kam ein paar Tage später an einem geselligen Abend mit Wein.

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Du hast zwei Bücher über die Schicksale von Flüchtlingen geschrieben. . .

. . . und ich hatte einfach das Gefühl, dass mein Schreiben nichts ändert.

Ein ziemlich mutiger Schritt.

Für mich sind die Flüchtlinge mutig. Eigentlich sind sie Helden: Sie nehmen sich das Recht, ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen. Mich fasziniert dieser Wille.

Wie habt ihr die anderen vier Flüchtlinge gefunden?

Wir suchten nach Syrern, die über das Mittelmeer geflohen waren, und die bereit waren, ihre Geschichte zu erzählen. In einer Sammelunterkunft für Flüchtlinge in Mailand stießen wir auf den Jungen Manar und seinen Vater. Außerdem kam noch ein Ehepaar mit. Die beiden trafen erst einen Tag vor Filmbeginn aus Lampedusa ein, ein syrischer Freund in Schweden hatte sie uns vermittelt.

Und die Braut?

Das war schwierig. Zwei waren uns abgesprungen. Wir überlegten schon ernsthaft, ob sich nicht ein Freund von uns als Braut verkleiden sollte. Dann sagte Tasnim zu.

Wer ist sie?

Eine syrische Aktivistin. Sie war einen Monat zuvor nach Europa gekommen, sie hat einen deutschen Pass, ihr Vater hat früher in Deutschland gearbeitet. Sie hat fast alle ihre Freunde verloren.

Tasnim war also die Braut, Abdullah der Bräutigam und Manar, sein Vater, das Ehepaar und 17 deiner italienischen Freunde spielten die Hochzeitsgesellschaft. Habt ihr die auch gecastet?

Gabriele (wendet sich an eine Freundin, die am Tisch sitzt): Valeria, erzähl du selbst.

Valeria: Ich erhielt eine Mail von einer Freundin, die auch im Film mitgespielt hat. In der Betreffzeile stand „Streng Geheim“ . Sie schrieb: „Hast du einen Führerschein? Und bist du verrückt genug, mit fünf palästinensischen Syrern nach Schweden zu reisen? Es steht viel auf dem Spiel.“ Ich arbeite an der juristischen Fakultät in Mailand. Normalerweise bin ich keine Person, die Gesetze bricht. Aber zwei Wochen zuvor hatte ich ein Abschiebehaftlager besucht, die Zustände sind schlimmer als im Gefängnis. Ich wollte helfen, etwas zu ändern.

War es schwierig, 17 Leute für die Hochzeitsgesellschaft zu finden?

Gabriele: Nein, aber es war schwierig, Fahrer zu finden. Denn sie sind diejenigen, die die Grenze überqueren und sich strafbar machen.

Habt ihr euch bei der Routenplanung von echten Schmugglern Rat geholt?

Gabriele: Nicht von Schmugglern, aber von syrischen Flüchtlingen, die nach Schweden geflohen waren. Sie sagten uns, welche Wege und Grenzübergänge wir nehmen sollten.

Ihr seid über Frankreich, Luxemburg, Deutschland und Dänemark nach Schweden gereist. Fast 3000 Kilometer in vier Tagen. Zu Fuß, mit dem Auto und im Zug. Vor welchem Land hattet ihr am meisten Angst?

Gabriele: Vor Deutschland. Die Deutschen halten ihre Gesetze strikt ein, in Italien ist das nicht immer so.

Hattet ihr versteckte Kameras? Antonio: Nein, unsere Taktik war, so auffällig wie möglich zu sein. Je auffälliger, desto weniger verdächtig. Außerdem sind Filmkameras ja nichts Ungewöhnliches bei einer Hochzeit.

Ihr hattet euch fünf Autos gemietet und sie mit Blumen geschmückt. Im ersten Wagen saßen nur Italiener, um zu sehen, ob die Luft rein war. Seid ihr Polizeikontrollen begegnet?

Gabriele: Ja, in Frankreich und in Deutschland. Wir hatten uns verfahren, mussten von der Autobahn runter und stießen auf eine Polizeikontrolle, mitten in der deutschen Walachei. Ich dachte, natürlich, die werden uns jetzt anhalten, drei Autos, drei Italiener am Steuer, und das mitten in der Nacht. Aber nein, die haben uns zum Glück einfach weiterfahren lassen. Antonio: In Stockholm gratulierte ein Polizist der Braut sogar zur Hochzeit. Leider hatte ich die Kamera in dem Moment gerade nicht bereit. Dafür könnte ich mir heute noch in den Hintern beißen!

Hattet ihr in den anderen Ländern Helfer?

Gabriele: Ja, sie besorgten uns Unterkünfte, in Marseille standen uns sogar mehr Wohnungen zur Verfügung als wir brauchten, die Leute waren enttäuscht, dass wir nicht zu ihnen kamen.

Khaled Soliman Al-Nassiry: In Deutschland stellte uns ein Freund von Gabriele sein schönes altes Fachwerkhaus zur Verfügung. Gabriele: Dieses solidarische Europa wollten wir auch im Film zeigen.

Gab es ein Drehbuch?

Khaled: Ja, wir hatten ein grobes Drehbuch, das uns aber viel Spielraum für Spontaneität ließ. Die Dialoge im Film sind alle authentisch und spontan. Wir wollten, dass die Flüchtlinge im Film ihre Geschichten erzählen. Nichts ist ausgedacht oder fiktiv.

Von Dänemark nach Schweden seid ihr im Zug gereist. Es ist die letzte Etappe, ihr seid kurz vor dem Ziel. Man merkt euch allen die Anspannung an, die Braut hält das zitternde Bein des Bräutigams still. Der Junge hält die Hand seines Vaters.

Khaled: Ich fühlte mich wie in einem schönen Traum. Gleichzeitig war mir die Realität bewusst: Was wird als nächstes auf uns zukommen? Und, dass das nicht die Lösung des Problems ist. Es gibt Tausende von Arabern, die nach Europa fliehen – und der Krieg geht immer weiter.

Was ist aus den Flüchtlingen geworden? Khaled: Der Junge und sein Vater mussten zurück nach Italien. Die Behörden hatten vom Vater nach seiner Ankunft in Lampedusa einen Fingerabdruck abgenommen, er war also schon registriert . . .

. . . und laut Dubliner Übereinkommen müssen Flüchtlinge in dem Land den Asylantrag stellen, in dem sie registriert worden sind. Khaled: Vom Jungen hatten sie aber keine Abdrücke gemacht, deshalb hofften sie, in Schweden bleiben zu können. Sie waren furchtbar enttäuscht, als sie abgewiesen wurden. Jetzt sind sie in Rom in einem italienischen Flüchtlingsprogramm. Das Ehepaar und Abdullah haben in Schweden Asyl bekommen, sie müssen nun einen Sprachkurs belegen und können sich danach Arbeit suchen.

Ihr bezeichnet euren Film als politisches Manifest und fordert offene Grenzen und freies Reisen für alle. Utopisch, würden viele sagen.

Gabriele: Was bitte ist utopisch? Früher kamen die meisten Flüchtlinge aus Osteuropa. Wer hätte es damals für möglich gehalten, dass Rumänen, Polen oder Albaner einmal frei reisen können? Die Militärabsperrungen, mit denen Europa versucht, die Flüchtlingsströme aus Nordafrika abzuhalten, erfüllen nicht ihren Zweck. Im Gegenteil, die Flüchtlingszahl nimmt stetig zu. Außerdem herrscht in Syrien Krieg. Wenn das Haus meines Nachbarn brennt, schlage ich doch nicht die Tür vor seiner Nase zu. Auch nicht, wenn er eine 20-köpfige Familie hat!

Seht ihr die Flüchtlinge wieder?

Khaled: Ja, bei der Biennale in Venedig. Die Jury hat den Film ausgewählt. Wir werden ihnen einen roten Teppich ausrollen.

Der Film beweist, dass ihr gegen das Gesetz verstoßen habt. Wie groß ist die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern?

Gabriele: Wenn uns jemand anzeigt, besteht die Gefahr nach wie vor. Ein Richter wird dann entscheiden, ob es wirklich zum Prozess kommt. Aber wir sind vorbereitet, wir haben Anwälte.

Text: Julia Reichardt - Fotos: oh

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