"Mit zehn Jahren ließ ich mir meinen Oberlippenflaum bleichen"

Zur Körperbehaarung stehen? Oder sie entfernen? Unsere Autorin sucht eine Antwort.
Von unserem Partnerblog kleinerdrei

Gar nicht so einfach übermäßigen Haarwuchs zu bändigen. Aber was heißt eigentlich übermäßig?

Foto: Ryan McGuire, CCO/ pixabay

Das Thema Körperhaare begleitet mich fast mein ganzes Leben lang. Ich habe dichtes und volles, dunkles Haupthaar. Nun habe ich auch viele schwarze Haare auf meinem Körper. Mit zehn Jahren ließ ich mir meinen Oberlippenflaum bleichen, mit elf rasierte ich mir zum ersten Mal die Beine. Das endete ziemlich blutig, da ich mir einfach den Rasierer meines Vaters griff. Ganz leicht sehe ich die Narbe bis heute. Heute bin ich 24 Jahre alt und habe mir meine Haare gebleicht, mit übelriechender Enthaarungscreme gefühlt weggeätzt, rasiert, gewachst, mit komischen Pads von einer Haushaltsmesse abgerubbelt, epiliert, ge-IPL-t, gelasert, gezupft, gestutzt und frisiert. Bis ich mir die Frage gestellt habe, ob ich das überhaupt alles will, hat es meine komplette Teenagerzeit gedauert. 

Wir lasen damals gemeinschaftlich äußerst inhaltsvolle Beiträge in Magazinen wie der Popcorn, die uns Muster der Intimbehaarung vorschlugen und sahen in der Venus-Werbung glattrasierte Beine, die nochmals rasiert wurden. Als eine Freundin sich das erste Mal zum Waxing traute, stutzte sie vorher eine Stunde an ihrem Intimbereich herum, um nicht von der Fachkraft ausgelacht zu werden. Es war wirklich haarsträubender Unsinn.

"Ich habe auch Haare im Gesicht, am Rücken und Bauch."

Ich jedoch begann, mich vor meinem Körper aufgrund der Haare zu ekeln. Da waren immer Punkte, da würden immer Stoppeln sein, ich ging seltener ins Schwimmbad und betrachtete neidisch meine blonden Freundinnen. Denn dies ist ein Thema: Körperbehaarung ist für viele WoC nicht nur eine Sache von Bein, Achsel und Intimbehaarung. Während eine Miley Cyrus mit ein paar bunten Achselhaaren provoziert, habe ich auch Haare im Gesicht, am Rücken und Bauch. Ich habe viel zu oft und auch von Männern Kommentare gehört, ich solle doch bitte froh und zufrieden damit sein, mich mit den Haaren arrangieren, um eine „gute Feministin“ zu sein. Für Euch habe ich eine Botschaft: Ihr seid nicht besser als die Popcorn oder die Venus-Werbung. Ihr schreibt nur etwas anderes vor. Und eure verdammte Sicht ist weiß.

Im Iran, dem Land aus dem meine ebenfalls nicht gerade spärlich behaarten Vorfahren stammen, ist die Haarentfernung ein großes Geschäft. Aber sie ist auch politisch. Kinder und Jugendliche werden aus dem Klassenzimmer geschickt, wenn sie ihre Augenbrauen sichtbar zupfen. Sichtbare glatte Haut ist eine Provokation. Haarentfernung wird als etwas Westliches geahndet. Wenn ich Solidarität mit Mileys bunten Achseln habe, dann verdammt noch mal auch für glatte Achseln gegen Mullahs. Abgesehen von der Wahlfreiheit, die jeder Mensch haben sollte, ohne dass irgendwer – ob Venus-Werbung oder „Akzeptier doch deinen Naturzustand“-Fanatiker, etwas Urteilendes dazu sagen müssen.

Männer finden Haare an Frauenkörpern "eklig" 

Das Sat.1-Frühstücksfernsehen – zugegebenermaßen nicht gerade bekannt für hochqualitative Beiträge – hat kürzlich einen ihrer Reporter auf „Rasier- Mission“ geschickt. Da läuft ein Mann durch die Gegend, befragt andere Männer wie sie Haare an Frauenkörpern denn so fänden. „Eklig“, ist die einhellige Meinung und „unhygienisch“. Obwohl Haare an sich geruchlos sind und Männermeinungen für die ihnen fremden Frauenbeine haarsträubend irrelevant sind, macht sich der Reporter mit seinem Rasierer auf die Suche nach Haaren, die ja unbedingt wegmüssen. Mir standen unterdessen vor Fremdscham und Wut die Haare zu Berge.

Sich mit Haut und Haaren wohlfühlen ist und bleibt für mich schwierig. Das liegt auch daran, dass es wenige Rollenvorbilder gibt, die offen mit ihrer Körperbehaarung umgehen und noch weniger WoC. Eine Ausnahme ist die Twitterin @iranikanjari, die indische, pakistanische und iranische Wurzeln hat und ein Bild von sich selbst in Unterwäsche postete, das sie behaart an Bauch und Beinen zeigte. Das macht mich glücklich. Body Positivity ist auch das. Da hat jemand eine Körperbehaarung wie die meine, und sie ist mit sich zufrieden. Also: Let’s talk about hair, baby. Let’s talk about intersectional feminism. Let’s talk about LET US DO WHATEVER WE LIKE TO DO WITH OUR BODIES, FUCKERS!

Ich bin übrigens gerade dabei, Gesichts- und Achselhaare zu lasern, was sehr schmerzhaft ist, womit ich mich aber ansonsten wohlfühle. Die anderen Bereiche sind meiner Lust und Laune überlassen. Natürlich gibt es Vorlieben bei Körperbehaarung wie bei der (sexuellen) Partnerwahl. Auch dort ist Kommunikation wichtig, ebenfalls eine offene. Doch niemand hat das Recht, mich für meine Entscheidungen zu be- und zu verurteilen. Das Internet, Rollenvorbilder und eine Auseinandersetzung mit dem Thema, haben mich mit meinem Körper weitestgehend versöhnt. Versucht doch mal da das Haar in der Suppe zu finden, Hater!

Dieser Text von Tara ist zuerst bei kleinerdrei  erschienen, einem der Blogs, mit denen wir kooperieren. 

Kleinerdrei ist ein Blog über , alles, was das popkulturliebende Herz höher schlagen lässt.

Mehr zum Thema Körperbehaarung gibt's hier: 

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