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Illustration: Katharina Bitzl

Plötzlich hielt er inne und sagte diesen Satz: „Boah, du fühlst dich richtig knochig an!“ Kurz bevor der Typ, den Mia auf einer Uni-Party im ersten Semester kennengelernt hatte, das sagte, hatten sie gerade heftig geknutscht. Seine Hand war unter ihr Shirt gerutscht, hatte ihren Rücken gestreichelt. Für Mia war der Abend gelaufen.

Mia, 22, hat gerade ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaften gemacht. Dass sie Ballett tanzt, seit sie sechs Jahre alt ist, sieht man ihr sofort an, etwa an ihrer grazilen Art, sich zu bewegen. Oder an ihrer stolzen Haltung. Und ja, Mia, die junge Frau mit den großen, braunen Augen, ist sehr, sehr schlank. Bei einer Körpergröße von 1,67 Metern wiegt sie nur 47 Kilo. Für viele Balletttänzerinnen wäre das ein Ziel. Für Mia ist es ein Problem. Deshalb ist Mia auch nicht ihr richtiger Name.

Seit sie denken kann, versucht sie zuzunehmen, doch der Zeiger der Waage bewegt sich trotzdem nicht. Dabei liebt sie es, beim Fernsehen Nutella direkt aus dem Glas zu löffeln. Weil das nicht reicht, versucht sie auch sonst zu essen, was geht: jeden Tag mindestens eine halbe Tafel Schokolade, morgens zwei Nutellabrote, noch vor dem Mittagessen eine große Portion Müsli. Abends zwingt sie sich manchmal, noch eine zweite Portion Nudeln mit Sahnesoße zu essen.  

Warum sie kaum Körperfett aufbauen kann, weiß keiner so genau. Ein Arzt sagte ihr mal, es könnte daran liegen, dass sie drei Monate zu früh auf die Welt kam, aber was hilft ihr das schon?  

Gehänselt wird sie trotzdem. Sie trägt meist Oberteile mit langen, weiten Ärmeln, damit niemand ihre knochigen Schultern sieht. Ins Schwimmbad geht sie nicht, im Bikini fühlt sie sich den Blicken der anderen Menschen schutzlos ausgeliefert. „Skinny Shaming“ ist ein Begriff, den Mia noch nicht lange kennt. Sie mag ihn nicht, aber wenigstens hilft er ihr, das zu benennen, was sie seit Jahren erlebt. Er bedeutet, dass sehr dünne Menschen dafür beleidigt und angeprangert werden, dass sie dünn sind.

„Lauf, dürres Mädchen, lauf!“

Mia erlebt es jeden Tag: Wenn ihr eine Kollegin im Büroflur entgegenkommt und laut sagt: „Mädel, iss doch was, du bist so dünn!“ Wenn sie ein fremder Mann im Club anspricht: „Scheiße, bist du dünn!“ Oder wenn Mia zum Bus rennt und ihr eine Frau hinterherruft: „Lauf, dürres Mädchen, lauf!“ Ihre Cousins nannten sie früher „Dünnling“.  

Einmal, in der Umkleidekabine nach dem Tanztraining, als Mia sich gerade ihr Balletttrikot von den schmalen Hüften gezogen hatte und nur in BH und Unterhose dastand, musterte eine Freundin sie. Mit angeekeltem Blick sagte sie schließlich: „Wie kann man nur sooo dürr sein! Du kaufst deine Klamotten in der Kinderabteilung, oder?“ Mia streifte sich hektisch ihre Hose und ihr Shirt über und rannte auf die Toilette. Dort brach sie weinend zusammen.

Ihre Freundin hatte genau das ausgesprochen, was Mia manchmal von sich selbst denkt: Dass sie viel zu dünn ist. Abstoßend dünn. Seitdem geht Mia nur noch selten zum Tanzen. Die Freundschaft mit dem Mädchen ist zerbrochen.

Vor allem die Blicke und Kommentare der anderen sind es, die Mia zu schaffen machen. Ihre Eltern haben sie deshalb zu einer Ernährungsberaterin geschickt, zweimal sogar. Die erstellte für Mia einen Essensplan. Darin legte sie genau fest: 2600 Kalorien täglich. Das bedeutete für Mia: bis zu sieben Mahlzeiten am Tag. Jeden Schokoriegel, jede Portion Nudeln musste Mia genau auf die Kalorienanzahl checken. Eigentlich pappsatt, musste sie schon wieder die nächste Mahlzeit in sich reinzwängen. Hinzu kam das Wiegen, jeden Morgen vor dem Frühstück – immer in der Hoffnung, endlich eine höhere Zahl auf der Anzeige zu lesen.  

Wenn sie von dieser Zeit erzählt, merkt man Mia noch heute den Stress an, den sie damals empfand. „Essen hat sich für mich damals in etwas Negatives verwandelt. Ich habe es nur noch als Druck empfunden.“ Als sie nach Wochen der Quälerei nur zwei Kilo zugenommen hatte, packte sie den Plan weg: in die unterste Schublade ihres Schreibtisches. Dort liegt er heute noch. 

 

Zu dünn = krank. Das ist die simple Gleichung unserer Gesellschaft

 

Dass Menschen wegen ihres Aussehens beleidigt werden, ist nicht neu. Meist betrifft es Übergewichtige, denn dünn zu sein, gilt in unserer Gesellschaft vor allem bei Frauen als Ideal. Dass es aber auch Menschen gibt, die unfreiwillig dünn sind, können sich viele nicht vorstellen. Zu dünn = krank. Das ist die simple Gleichung unserer Gesellschaft.  

 

Zwar ist Skinny Shaming kein reines Social-Media-Phänomen, aber erst durch Plattformen wie Facebook oder Instagram ist es in den vergangenen Jahren richtig präsent geworden. Seit es normal ist, Fotos von sich selbst im Netz mit der Welt zu teilen und die Körper anderer zu be- und verurteilen. Wie groß das Problem in den sozialen Medien ist, merkt man daran, dass unter dem Hashtag #skinnyshaming allein auf Instagram mehr als 5500 Beiträge mit wiederum Tausenden Kommentaren zu finden sind, in denen Betroffene von ihren Erfahrungen erzählen.

 

Auch vor Prominenten wie der Schauspielerin Sarah Hyland („Modern Family“) macht der Hass nicht halt. Als die 26-Jährige im Mai 2017 ein Foto auf Instagram postete, kommentierten Hunderte Follower ihre Figur, manche warfen ihr eine Essstörung vor. „You look like a skeleton“, „Eat a Burger!“ waren nur ein paar der Dinge, die Hyland lesen musste. Sie reagierte auf Twitter: Ihre Figur habe sie sich nicht ausgesucht – wegen einer angeborenen Nierenerkrankung habe sie unfreiwillig abgenommen. Trotzdem bekommt sie bis heute böse Nachrichten.

 

Mia hat Hunderte solcher Kommentare unter den Fotos von Bloggern, Schauspielern oder Sängerinnen gelesen. Sie weiß, wie rau der Ton in den sozialen Netzwerken sein kann, wenn man nicht der Norm entspricht. Und sie hat sich entschlossen, dass sie da nicht mitmachen will. Auf ihren Accounts sieht man nur Bilder von bunten Macarons, schneebedeckten Bergen oder selbstgekochtem Curry. Bei den wenigen Porträtfotos, die sie hochlädt, achtet sie darauf, dass sie nicht zu dünn aussieht.  

 

Unter ihren Selbstzweifeln leidet auch ihre Beziehung, obwohl Mias Freund ihr immer wieder sagt, dass er sie toll findet, so wie sie ist. Aber Mia kann ihm das nicht so richtig glauben. Sie will nicht, dass ihr Freund sie nackt sieht. Sie will sich selbst nicht nackt sehen. Beim Sex macht Mia das Licht aus.

 

 

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