"Glücklich machen muss man sich selbst"

Immer mehr junge Paare führen eine Fernbeziehung. Wir haben einen Experten gefragt, wie man die Liebe auf Distanz meistert.
Von Miriam Pontius
Illustration: Federico Delfrati

Unter Studenten sind Fernbeziehungen keine Seltenheit. Egal, wie sehr im Einklang die Herzen in allen anderen Lebensbereichen schlagen – die Wunsch-Uni ist doch nicht immer dieselbe. Auch ein Auslandsaufenthalt kann ein junges Paar zeitweise entzweien. Und selbst wenn man zusammen in einer Stadt studiert hat, kann der Berufseinstieg die gewohnte Lebenssituation in Frage stellen. 

Für alle, die sich fragen, wie sie eine Beziehung auf die Ferne am Laufen halten sollen, gibt es glücklicherweise fundierte Ratgeber. Fernbeziehungen sind nämlich tatsächlich auch von wissenschaftlichem Interesse. Peter Wendl ist Familientherapeut und forscht an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Über das Phänomen der Fernbeziehung hat er bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Von ihm haben wir erfahren, wie man mit den gängigsten Problemen in einer Beziehung auf Distanz umgeht.

Jetzt: In einer Fernbeziehung erlebe ich den Alltag des anderen ja nicht hautnah mit. Ganz generell: Wie kriege ich es hin, dass ich mich als Paar in einer Fernbeziehung nicht auseinanderlebe?

Peter Wendl: Eine Fernbeziehung, die von beiden Partnern als erfüllend wahrgenommen wird, basiert auf denselben vier Säulen wie jede andere Beziehung. Erstens Liebe, das emotionale Grundgerüst. Dann Vertrauen, wozu auch Intimität und Nähe gehören – wobei es hier nicht zuerst um körperliche Nähe geht, sondern um mein Gefühl, wie sehr ich meinen Partner kenne und er mich. Die dritte Säule ist eine erfüllte Sexualität, die zentrale Herausforderung in einer Fernbeziehung, da man sich eben selten körperlich nah ist. Die letzte und wichtigste Säule ist die gelingende Kommunikation – Beziehungen jeder Art scheitern meist an fehlgeschlagener Kommunikation.

Und wie verhalten sich diese vier Säulen in einer Fernbeziehung zueinander?

Diese vier Säulen müssen im Rhythmus von Wiedersehen und Abschied, im Wechsel von Nähe und Distanz, belebt werden. Wenn man sich nur am Wochenende sieht, dann fallen schon kleine Veränderungen am Partner auf, meistens negativ. Man muss sich jedes Mal wieder neu aneinander gewöhnen. Um sich nicht auseinanderzuleben, muss man neugierig bleiben auf die Person, die da nach zwei Wochen oder gar zwei Monaten wieder vor einem steht. Und man muss über seine Wünsche und Ängste sprechen. Und nicht zu vergessen: Ein Fernbeziehungspaar muss auch mal auf die Ferne streiten.

Wie streitet man auf die Ferne? Über Skype ist das doch meistens ziemlich unbefriedigend.

Streiten muss auf "jedem Kanal" möglich sein, genauso wie Versöhnung. Das Paar ist ja auch ein vollwertiges Paar, wenn die Partner gerade räumlich entfernt voneinander sind. Streit darf aber nie verletzend sein. Und beiden Seiten muss klar sein, um was es dem anderen geht.

Früher hat ein Telefongespräch ins Ausland viel Geld gekostet. Heute gibt es Skype und Whatsapp. Machen moderne Kommunikationsmittel Fernbeziehungen einfacher?

Skype, Whatsapp und andere Kanäle erleichtern zuerst vor allem die Bereitschaft, eine Fernbeziehung überhaupt einzugehen. Gleichzeitig machen diese Medien den Austausch des Alltäglichen quasi in Echtzeit möglich. Die Partner können sich sehen, sind sich näher. Die Crux bleibt aber: Wenn das Gerät aus ist, ist der Partner dennoch nicht vor Ort. Deswegen ersetzt keines dieser Kommunikationsmittel die gemeinsame Zeit und das Wiedersehen.

Wenn ich meinen Freund übers Wochenende besuche, werde ich immer schon Sonntagvormittags traurig, auch wenn ich erst abends fahre. Das drückt dann die Stimmung in der ohnehin schon wenigen Zeit, die wir miteinander haben. Was kann man dagegen tun?

Da hilft eigentlich nur eins: Ablenkung. Wenn ich die Person bin, die zurückbleibt, muss ich auf jeden Fall schon vorher geplant haben, was ich nach der Abreise des Partners unternehme. Wenn ich mir erst darüber Gedanken mache, wenn der andere schon im Zug sitzt, bringt das nicht viel. Dann bin ich schon deprimiert und habe keine Lust auf Aktivitäten. Am besten verabredet man sich schon mit einigem Vorlauf, dann kann man sich auf die Ablenkung freuen. Eine andere Möglichkeit wäre, die „tote“ Reisezeit zu nutzen, um über die körperliche Trennung hinaus weiterhin in Kontakt zu bleiben, zum Beispiel indem man telefoniert.

Nach dem ersten Abschiedsschmerz gewöhnt man sich ja irgendwann wieder ans Alleinsein. Man hat wieder Kurse an der Uni oder geht seinem Arbeitsalltag nach. Das Vermissen kann da schnell in den Hintergrund treten. Und dann kommen manchmal Zweifel an der Beziehung auf. Wie geht man damit um?

Ein erfüllter Alltag, den die Partner unabhängig voneinander führen, ist eine der Grundbedingungen für eine funktionierende Fernbeziehung. Es hat ja auch Vorteile, nicht zusammenzuleben: Unter der Woche hat man Freiheiten, kann sich im Job verwirklichen, sich ehrenamtlich betätigen, Freunde treffen oder einem Hobby nachgehen. Dabei darf der andere natürlich nicht vollständig ersetzt werden. Die Vorteile müssen aber die Nachteile des Voneinander-entfernt-Seins aufwiegen, sonst wird man auf Dauer unglücklich. Gerade wenn diese Erfüllung im Alltag zwischen den Partnern als unausgewogen wahrgenommen wird, also etwa wenn einer im Auslandssemester nur Abenteuer erlebt und der andere seinem schnöden Alltag nachgeht.

Aber denke ich dann nicht viel zu wenig an den anderen?

Während dieser erfüllten Zeit nicht immer an den Partner zu denken, ist normal – und gut. Grundsätzlich sollte man sich vor Augen führen, dass man sich immer für einen Menschen entscheidet, der einen begleitet. Seine Aufgabe ist nicht, einen glücklich zu machen. Glücklich machen muss man sich selbst. Man kann aber immer wieder eine Bilanz ziehen: Was verbindet einen, welche Leidenschaften teilt man? Ist das tatsächlich wenig, dann ist man wohl dabei sich auseinanderzuleben. Das kann einem Nahbeziehungspärchen aber genauso passieren. In einer Fernbeziehung fühlen es die Partner nur deutlicher, weil sie keinen gemeinsamen Alltag haben.

In der Zeit, in der man voneinander getrennt ist, gibt es immer wieder Dinge, die man mit dem anderen teilen will, aber nicht kann. Wie geht man damit um?

Grundsätzlich gilt: Damit mir der andere nah sein kann, muss er nicht unbedingt bei mir sein. Wichtig ist dabei, welche Motivation dahinter steckt, wenn mein Partner nicht da sein kann. Ist er beruflich eingespannt und kann gerade einfach nicht unter der Woche einen Tag freinehmen, um spontan eine gelungene Klausur zu feiern, ist das legitim. Hat er aber nichts zu tun und macht sich trotzdem nicht die Mühe, mich zu besuchen, dann muss man die Sinnfrage stellen, also: Warum führen wir überhaupt eine Fernbeziehung? Wenn man näher oder häufiger zusammen sein könnte, sich aber dagegen entscheidet, dann muss es dafür einen Grund geben. Wenn dieser mangelndes Interesse am anderen ist, dann wirkt das destabilisierend auf die Beziehung. Tut der Partner aber alles im Rahmen der Möglichkeiten, um mir auch aus der Distanz nahe zu sein, dann vertieft das die Beziehung nur noch. Man muss akzeptieren, dass der andere nicht immer Zeit für einen hat. Und: bloß keine Forderungen nach dem Motto „Beantworte meine Whatsapp-Nachrichten schneller“ stellen. Es ist gut, wenn der andere ein eigenes Leben hat.

Nun das Worst-Case-Szenario: Mir geht es richtig schlecht, vielleicht ist jemand aus meiner Familie gestorben, und mein Lieblingsmensch hat keine Möglichkeit da zu sein. Wie überstehe ich diese Zeit?

Hier wieder: Das ist genauso ein Problem bei Paaren, die in derselben Stadt wohnen. Eine schlechte Phase oder ein besonders einschneidendes, negatives Ereignis wie ein Todesfall, können auch mal Freunde überbrücken. Überhaupt sind Freunde ein ganz wichtiges Element für eine funktionierende Fernbeziehung. Natürlich liegt auch hier wieder eine Herausforderung: Ein guter Freund übernimmt stellenweise die Rolle des Partners, wenn dieser nicht da ist. Das kann auch schnell zu Konkurrenzdenken führen. Für das Paar ist es wichtig zu wissen, dass nicht mangelnde Anwesenheit des anderen ihre Beziehung zermürbt, sondern viel eher der gemeinsame Alltag. Eine Krisenzeit ist auch immer eine Chance für die Beziehung: Hier kann ich meinem Freund oder meiner Freundin zeigen, dass ich ihn oder sie unterstütze, dass man sich auf mich verlassen kann.

Irgendwann kommt ja dann hoffentlich eine Zeit, in der man gemeinsam in einer Stadt wohnt oder gar in einer Wohnung. Das ist ja eine große Umstellung. Auf was sollte man achten, um als Paar an der Umstellung nicht zu zerbrechen?

Schon vor und immer wieder während der Fernbeziehung stellt sich die Perspektivfrage: Wie oft sehen wir uns im Augenblick? Und wie lange soll das gehen? Wenn man dann endlich zusammenwohnt, ist man so etwa ein halbes Jahr in einer totalen Honeymoon-Phase.  Dann setzt wie bei jedem Paar der Alltag ein. Damit das nicht langweilig wird, muss man versuchen, sich ein Stück weit die Fernbeziehung zu erhalten. Das heißt, man muss sich ein bisschen fern bleiben, um sich auch immer wieder aufeinander zu freuen. Das Ziel ist, sich Freiheiten zu bewahren und die Nähe zu genießen.

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