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Tut mir leid, Freund, deine Hochzeit ist mir zu teuer!

Ein Appell gegen das Heiraten an Orten, zu denen alle weit anreisen müssen.
  • heiraten im ausland photocase nectar
    Foto: photocase/nectar; Illustration: Veronika Günther

Und dann tauchten die ersten Vorschläge in der Junggesellenabschieds-Chatgruppe auf, und bei einem musste ich fast ein bisschen hysterisch giggeln. Er lautete: "Wie wären denn Los Angeles, Johannesburg oder Panama?"

Und natürlich ist der Schreiber der Nachricht ein etwas niedlich-weltfremder Oberste-10.000-Extremfall. Man empfiehlt ansonsten ja eher keine kleinere Weltreise, nur um einen JGA zu feiern. Aber manchmal hilft es ja, von den Gipfeln des Irrsinns runterzuschauen, um zu verstehen, was im Tal so los ist. Und wie tief es geht, das Tal, beziehungsweise welche Ausmaße es eigentlich hat. Und da schafft dieser Gipfel nun schon einiges an Höhenmetern. Ach so: Der Schreiber der Nachricht ist nur finanziell ein wenig von der echten Welt entkoppelt, aber eigentlich extrem nett. Und weil ich nicht will, dass ihn jemand erkennt, sage ich nicht, wer ich bin. Pardon.

Die Frage, die dem Vorschlag vorausging, lautete natürlich "Wohin denn nun zum Feiern?". Eine Frage, mit der JGA auch früher sicher schon losgingen. Allerdings meinte sie bis vor gar nicht so langer Zeit eher die dem Pegel, der Verkleidung oder den Abmessungen des Bollerwagens angemessene Kneipen (oder meinetwegen das angestrebte Niveau der Tabledance-Bar). Inzwischen meint sie immer öfter: Berlin oder Barcelona? Einfaches oder verlängertes Wochenende? Fliegen oder Zug? Economy oder Business? Und man muss zur weiteren Ehrenrettung sagen, dass der Bekannte zwar für Business plädiert hat, allerdings auch betonte, er habe an den genannten Orten überall Kontakte und könne damit ein gelungenes Fest quasi lückenlos garantieren. Und das ist ja dann auch eine ganz beruhigende Aussage.

Aber halt auch eine teure. Und darin symptomatisch. Nicht nur für Junggesellenabschiede. Auch und vor allem für Hochzeiten. Es gibt da ja einen gewissen Trend hin zu besonderem Flair – Inseln, Toskana oder irgendwas anderes mit Olivenbäumen. Und das kostet ganz schön Geld. Und fast noch schlimmer: Zeit. Auch für die Gäste.

Sage ich aus Erfahrung. In meinem Umfeld wurde jüngst recht umfassend geheiratet und mein bisheriges Spitzenjahr brachte es also auf neun Hochzeiten. Das machte zusammen mit vier JGA (von denen ich einen organisiert habe), An- und Abreisen, Übernachtungen, Auto, Zug, Flieger, Benzin, Geldkuverts, Blumen und der Zeit, die man braucht, um diese verfluchten Schleifen und Hochzeitsaufkleber wieder vom Auto runterzufriemeln, grob überschlagen: 19 Tage, 2500 Euro, die Nachwirkungen von zehn Vollräuschen (immerhin) und drei Kilo mitgebrachten Nudelsalat.

Warum nicht ein paar Tage dranhängen? Die Gegend soll wunderschön und spannend sein. Auch kulturell und so.

Und nein: Natürlich ist es nicht auch nur ein bisschen sympathisch, so etwas aufzurechnen und gegeneinander aufzuwiegen. Auf der anderen Seite der Waage, die einem dann anzeigen soll, ob das Geld und die Zeit und die Gespräche mit Tante Gisi ein Gleichgewicht ergeben, liegt schließlich Freundschaft. Oder schlimmer noch: Familie. Verbundenheit jedenfalls und wie sollte man die quantifizieren, gell?

Bleibt also erst mal nur, den eigenen Aufwand zu betrachten. Und 19 Tage und 2500 Euro (nicht zu vergessen die Nudelsalate!) sind ja vielleicht auch schon ein ganz beachtlicher Gipfel. Einer vielleicht sogar, der andersherum Überblick verschafft: Man kann ganz gut von unten raufzeigen und den ganzen Hochzeitspaaren sagen: "Schaut, wie hoch! So viel ergibt das in Summe – diese ganzen Hochzeiten. Zwei feine Urlaube an Zeit und Geld. Und das ja auch nur für Leute, die sich Urlaube leisten können. Und die anderen? Die, die das sonst schon nicht können. Was machen die?" Und wahrscheinlich würden die Hochzeitspaare dann doch staunen.

Weil klar: Wenn Menschen ein Ereignis feiern, bei dem sie im schlimmsten Fall wirklich vom "schönsten Tag in unserem Leben" sprechen, dann ist das ein Vorgang, bei dem man sehr nah bei sich ist. Gedanklich. Und Emotional. Es bleibt vielleicht nicht so viel Platz für Empathie. Und dann denkt man weniger an andere oder ans große Ganze und damit wahrscheinlich leicht mal etwas wie: "Wow, warum eigentlich nicht Mallorca? Der X hat doch da diese Finka, die er uns angeboten hat." Und zack, gibt es Einladungskarten mit pastellfarbenen Lavendelmotiven, die auf der Rückseite informieren, dass Ryanair, wenn man nur früh genug bucht – also schnell, schnell – da ja für weniger als 100 Euro hinfliegt. Und dazu gibt es eine Liste mit Hotels, "bei denen doch wirklich für jeden Geldbeutel was dabei sein sollte". Und man könne doch, das wäre doch schön, einfach überlegen, ob man nicht gleich ein paar Tage dranhängen wolle. Die Gegend sei, das sage zumindest X, wunderschön und spannend. Auch kulturell und so.

Und die Idee ist ja – wenn man jetzt plumpe Angeberei als Motiv mal ausschließt – an sich auch wirklich fein: Ein kleiner Urlaub und dabei liebe Menschen feiern. Man sieht sich ja eh zu wenig und da ist das doch eine Chance, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Und das kann man doch wirklich mal machen. Das ist doch von guten Freunden nicht zu viel verlangt, stimmt’s?

Das kann doch selbst den Menschen keinen Spaß machen, die Gruppenfotos mit steigenden Luftballons bezaubernd finden.

Stimmt nicht. Finde ich. Hier wird nämlich der Gipfel wieder wichtig. Und der immer sehr nervige, aber meistens auch sehr wahre Fingerzeig: "Wenn alle das täten, …". Die Gefahr besteht nämlich. So ein Phänomen entwickelt ja eine Dynamik. Einem Wettrüsten nicht ganz unähnlich. Und wenn jetzt alle das täten, unter Olivenbäumen feiern oder auf Inseln mit anderen tollen Pflanzen, dann verbächte man seinen ganzen Sommer auf Mini-Urlauben, die bestimmt auch schön sind – aber leider halt auch mit von anderen festgelegtem Ziel, Zeitraum und Programm. Ergo das Gegenteil von selbstbestimmt. Und das kann doch selbst den Menschen keinen Spaß machen, die Gruppenfotos mit steigenden Luftballons bezaubernd finden.

Deshalb soll das hier tatsächlich eine Art Appell werden: Stoppt diese Menschen mit ihren Inseleinladungen und Flair-Locations. Und tut es bald. Es etabliert sich da gerade eine Norm und eine Norm kann man nur mit breitem gesellschaftlichen Engagement einfangen. Und am besten zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Was hier bedeutet: In dem Moment, in dem die Idee von der Insel-Hochzeit zum ersten Mal testweise geäußert wird. Meistens wird sie das nämlich und wenn das der Fall ist, hilft möglicherweise eine im ersten Moment vielleicht verletzende, eigentlich aber weitestgehend faire Frage:

"Warum, Freund, nun ausgerechnet bei dir? Der T. heiratet ja auch noch. Zu dem musst du doch selbst. Und die S. ja auch. Die mag Palmen übrigens noch etwas lieber als Oliven, will ihr weißes Kleid also vielleicht noch weiter weg fliegen. Außerdem noch W. und wahrscheinlich ja auch M.! Und würdest du jetzt, wenn du das in Summe siehst, das Geld und die Zeit, viermal fremdbestimmten Mini-Urlaub selbst noch wunderschön und spannend finden? Sei ehrlich Freund. Würdest du?"

Ich glaube ja, dass das wirken könnte.

In der Chatgruppe beruhigte man sich übrigens wieder. Am Ende wurde es ein kleines Haus, das man tatsächlich so nannte, irgendwo in irgendwelchen Bergen. Zehn Leute, Anreise im eigenen Auto für alles in allem 2600 Euro. Und meine Freundin lacht bis heute schallend, dass ich erst abgesagt habe, als ich verstanden hatte, dass das pro Person meinte.

Auch ganz in weiß – aber ohne Olivenbäume: