Diese zwei Frauen jodeln gegen Rechtsextremismus

Ihr Projekt heißt Jogida – „Jodel-Offensive gegen Idiotisierung durch Angst“.
Interview von Karina Geipel

Gaya (links) und Elena in ihrem Jodel-Outfit.

Foto: Mischko Dritte

Am Tag sitzt die 33 Jahre alte Elena in der Uni und studiert Philosophie. Gaya ist 58 Jahre alt und hat ihr eigenes Fahrradgeschäft in Berlin. Vermutlich wären sie einander nie begegnet, wenn die eine nicht die Nase voll von Computern und Stillsitzen gehabt hätte – und die andere nicht einfach mal eine neue Gesangstechnik lernen wollte. So aber haben sie zusammen angefangen in einem Chor zu jodeln.

Sie gründeten eine Jodel-Band – „Esels Alptraum“ war geboren und mit ihr der Ableger JOGIDA, die „Jodel-Offensive gegen Idiotisierung durch Angst“. Gemeinsam gehen sie auf Demonstrationen frei nach dem Motto: „Love Yodel! Hate Fascism!“

jetzt: Mal im Ernst – warum habt ihr euch ausgerechnet Jodeln als Protestform ausgesucht?

Elena: Jodeln ist einfach. Jodeln ist nicht singen, das ist rufen. Es ist total befreiend und macht Spaß. Ich muss immer am Computer sitzen und ganz still sein und was mit Wörtern und Zahlen machen, da braucht man ein Kontrastprogramm. Das ist das Jodeln: ohne Text, einfach so raus und auch total körperlich.

Gaya: Viele denken bei Jodeln an Heimatkitsch oder Konservatismus. Aber wir jodeln ja auch nicht einfach nur so, sondern haben auch Texte mit dabei. Politische Texte und Collagen die wir zusammenbasteln und verfremden aus allem Möglichen. Das gibt den Zuschauern einen Wiedererkennungswert und doch kommt dann so etwas Neues, Fremdes wie das Jodeln dazu.

Wie wäre es mit einem kleinen Jodelgruß nach München?

„Die Leute sind verwirrt, weil das in keine ihrer Schubladen passt.“

Was genau kann man sich vorstellen, unter dem was ihr tut?

Gaya: Auf unserer Webseite findet man die ganze Historie unserer Auftritte. Das geht von Festivals, bis queer-Veranstaltungen, wir sind auf Lesebühnen, Vernissagen, Demos – ach, ich weiß nicht. Wir sind irgendwie überall.

Elena: Das Schöne ist, dass wir wirklich sehr breit auftreten können. Sowohl in ganz kleinen Clubs als auch bei Demos oder großen Kulturveranstaltungen.

Und wenn ihr da aufkreuzt und auf die Bühne geht und anfangt zu jodeln – wie kommt das an?

Gaya: Also, wenn das Publikum uns noch nicht kennt, dann sind die Reaktionen am Anfang schon sehr skeptisch und verhalten. (lacht) Verwirrt. (lacht lauter) Total irritiert! (beide lachen) Aber das ist ja auch genau das, was wir gerne möchten. Ich mag aber dieses Spiel mit der Irritation, weil ich glaube, dass das die Leute aufweckt, von Anfang an.

Elena: Es ist schon immer sehr lustig die Reaktionen zu sehen. Das hat ja auch mit unserem Auftreten zu tun und nicht nur mit dem Jodeln. Die Leute hören etwas mit „Jodeln“ und dann sehen sie diese zwei Frauen, die völlig unterschiedlich sind und die haben dann bunte Kostüme an – natürlich sind die Leute da erstmal verwirrt, weil das in keine ihrer Schubladen passt. Manche brauchen eine Weile bis sie sich eingerichtet haben, während sie sich fragen: „Darf ich das jetzt cool finden, oder nicht?“ Besonders irgendwelche Punker, die zuerst denken „Oh Gott! Ne!“ und dann aber langsam anfangen zu checken, was wir machen.

Gaya: Es ist was Buntes, was Schönes und die meisten Leute lächeln und finden das lustig.

Ist das das, was ihr damit bezwecken wollt? Dass die Leute das lustig finden?

Gaya: Zuerstmal sollen sie darauf aufmerksam werden, dann fangen sie auch an nachzudenken. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann ist das was ich singe auch was ich meine. Ich stehe hundertprozentig dahinter und hoffe, dass ich Leute mit meiner Energie erreiche. Dann fangen sie vielleicht auch an sich Gedanken zu machen.

Elena: Was ich toll finde, ist Menschen zu sehen, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das sie noch nicht kennen. Dieser Moment der Irritation sorgt für Aufmerksamkeit und sie öffnen sich quasi für unsere Botschaften. Ich habe das Gefühl, wir zwingen unsere Zuhörer dazu, eine Haltung zu entwickeln. Und viele finden das auch super gut und fangen dann doch an zu schunkeln und mitzusingen. Selbst bei Texten, bei denen das gar nicht so angebracht ist. Und wir versuchen auch immer wieder diesen Brückenschlag zu machen, den Leuten zu erklären: Als gute Demokraten muss man antifaschistisch sein. Viele Leute denken ja, Antifaschismus ist Autos zerhauen, was aber nicht stimmt. Und wenn man es platt formulieren will, dann stehen wir auch dafür, für die Idee der Solidarität Werbung zu machen.

„Man kann sehnsüchtig oder traurig jodeln, aber ängstlich jodeln – das geht nicht!“

Deswegen seid ihr auch als JOGIDA auf den Straßen unterwegs und demonstriert?

Elena: Die Idee war, dass wir eine Art Protestjodelbande haben. Leute, die gerne auf die Straße gehen, aber nicht nur ein Schild hochhalten wollen, sondern sagen: „Das muss auch Spaß machen. Wir wollen Protest und Spaß verbinden. Wir wollen, dass in unserem Protest, das gute Leben direkt aufscheint und haben Lust unsere Stimmen zu erheben!“ Zum Beispiel gegen Rechts. Nicht das Übliche, sondern quasi laut Gesicht zeigen, Stimme zeigen. Wir kommen da manchmal hin auf die Demo mit zehn oder 15 Leuten und dann schließen sich immer mehr und mehr an. Wir jodeln ja auch nichts kompliziertes, sonder das was man schnell auffassen kann. Vor Ort können wir dann noch so kurze Miniworkshops machen, damit sich andere Leute anschließen können.

Spielen eure verrückten Kostüme da eine Rolle?

Elena: Wir hatten Lust auf ein Auftreten, das nicht lieblich-süßlich ist, wie man das im Musikantenstadl oft hat. Wir machen ja auch klare Ansagen und spielen mit dem Stilbruch. Zum Beispiel tragen wir ein Dirndl mit Totenköpfen oder eine weiße Schürze mit Blut, oder auch die Patronengurte. Einer unserer inhaltlichen Punkte ist zum Beispiel auch die Rüstungsindustrie abzuschaffen und zu entwaffnen – die Kostüme verhelfen uns zu mehr Nachdruck.

Dirndl, blutige Schürze, Patronengurt – Esels Alptraum liebt die Irritation

Foto: Mischko Dritte

Fruchtet die Idee schon?

Gaya: Na klar, auf jeden Fall!

Elena: Wir merken auch, dass es immer weiter geht und nicht alles in unserer Regie ist. Zum Beispiel haben wir erfahren, dass auch bei der „Welcome United“-Demo in Hamburg ein Wagen dabei war, der antifaschistisch gejodelt hat. Und das ohne uns! Aber es ist schön, dass sich die Idee fortpflanzt. Wir erklären in unseren Youtube –Tutorials auch, wie man jodelt und sagen explizit: Gründet selbst eure JOGIDA-Ableger. Man kriegt immer mal wieder mit, dass irgendwo irgendwelche Leute anfangen zu jodeln. Und es ist ja auch super ansteckend und macht süchtig.

Aber so ganz allgemein gesprochen ist Jodeln schon ziemlich schwer, oder?

Gaya: Tatsächlich fällt es nicht jedem einfach, dass sie ihre Stimme einsetzen können und laut sind – viele können das erstmal gar nicht.

Elena: Es ist eben auch kein Schreien, sondern Rufen. Und rufen hat etwas sehr Persönlichkeits-bildendes. (lacht) Es bringt einen ganz anders mit der Welt und sich selbst in Kontakt. Nicht singen, wo man eher beurteilt wird, wie es klingt, sondern rufen.

Gaya: Es ist einfach befreiend, weil es laut ist. Man kann sehnsüchtig jodeln, man kann traurig jodeln, aber ängstlich jodeln – das geht nicht! Das ist auch die Botschaft – keine Angst zu haben!

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