Nach Merkels Zitteranfall sollte Julia Probst deren Lippen lesen

Darum hatten Medien gebeten. Die Lippenleserin lehnte aus moralischen Gründen ab.
Interview von Franziska Koohestani

Foto: privat

Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit zitterte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem öffentlichen Auftritt. Im Video des Vorfalls ist zudem zu sehen, wie die Bundeskanzlerin etwas vor sich hinflüstert. Daraufhin wurde die Lippenleserin Julia Probst von verschiedenen Medien angefragt, ob sie das Gemurmel entziffern könne – und lehnte aus moralischen Gründen ab. Gegenüber jetzt begründet sie diesen Schritt.  

jetzt: Warum hast du dich dagegen entschieden, abzulesen, was Angela Merkel bei ihrem letzten sogenannten „Zitteranfall“ gesagt hat?

Julia: Es war mir einfach klar, dass es ein unerhörter Eingriff in die Privatsphäre in einer sehr unangenehmen Situation ist. Die Anfragen an mich kamen von Medien aller Gattungen – also Radio, Print/Digital und Fernsehen. Eine Begründung für den Eingriff in die Privatsphäre wurde eigentlich gar nicht geliefert – man bat mich lediglich mit freundlichen Worten um das Ablesen bei der Bundeskanzlerin, da ich dafür bekannt sei, diese Fähigkeit zu haben. Auch wenn ich ihre Politik in vielen Punkten nicht gut finde, heißt das nicht, dass ich keinen Respekt vor ihr habe. Die Richtschnur meines Handelns war: „Angenommen, ich selbst wäre in einer solchen Situation - würde ich dann wollen, dass die Medien über mich auf diese Art und Weise berichten?“

War dir das sofort klar oder musstest du erst grübeln?

Ich musste null über die Formulierungen in der Antwortmail nachdenken. Alle verurteilen die Gaffer, die tödliche Ereignisse filmen und Rettungsarbeiten behindern. Die gleiche Grenze ist aber auch erreicht, wenn man einem Menschen, dem es augenscheinlich in dem Moment nicht gut geht, jedes so kleine Fitzelchen an Privatsphäre entziehen will. Mit welchem Recht eigentlich? Wir müssen aufhören, Grenzen des Tuns und des Sagbaren zu verschieben – das macht unsere Gesellschaft kaputt. Politische Korrektheit und Empathie sind eine wichtige gesellschaftliche Leitplanke.

Du hast deine Entscheidung auch auf Twitter gepostet: Wie waren die Reaktionen?

Da ist so ein kleiner Lovestorm unterwegs – die Reaktionen sind durchweg positiv. Daran sieht man auch, dass die Bundeskanzlerin sehr geschätzt wird. Ich erkläre mir das auch dadurch, dass meine Haltung, sich vor sie zu stellen, ein guter Gegensatz zu dem ganzen Hass ist, der sonst leider im Netz häufig anzutreffen ist.

Hans-Georg Maaßen zum Beispiel hat behauptet: „Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs ist keine Privatsache“. Kannst du diese Argumentation denn auch ein Stück weit verstehen?

Dem muss ich entschieden widersprechen, da Herr Maaßen als ehemaliger Präsident des Verfassungsschutzes offenbar nie das Grundgesetz gelesen hat. Ich empfehle ihm diese Lektüre dringend.

Wie findest du es, dass mittlerweile statt dir eine andere Lippenleserin zugesagt hat?

Beschämend. Ich verstehe nicht, dass man für ein bisschen Aufmerksamkeit alles tut und so jeden Anstand und Respekt vor die Hunde gehen lässt. Man sollte bedenken, dass Politiker*innen auch nur Menschen sind.

Gab es vorher schon mal Anfragen, bei denen du aus moralischen Gründen abgesagt hast? Und wieso?

Es gibt gute und schlechte Anfragen. Ich mag solche Anfragen, wo ich Menschen im Krankenhaus helfen kann, die aufgrund diverser Umstände vorübergehend oder für immer keine Stimme haben und kommunikativ isoliert sind. Die schlechten Anfragen sind für mich unmoralische und distanzlose. Mir wurde mal ein Video eines Prominenten zugespielt – man wollte wissen, was er da zu der Frau in seinen Armen sagt. Ich lehnte ab, weil das Video eindeutig im privaten Kontext entstand.

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