„Obwohl ich freigelassen wurde, gibt es nichts zu feiern“

Der Hongkonger Demokratie-Aktivist Joshua Wong wurde am Mittwoch kurzzeitig verhaftet. Im Gespräch erklärt er die Hintergründe.
Interview von Franziska Setare Koohestani
joshua wong cover

Joshua Wong ist der bekannteste Demokratie-Aktivist Hongkongs. Im Interview mit jetzt spricht er über seine kurzzeitige Verhaftung im September.

Foto: Tyrone Siu / REUTERS

Der Hongkonger Demokratie-Aktivist Joshua Wong wurde am Donnerstagmittag kurzzeitig von der Polizei festgenommen und wenig später wieder freigelassen. Dem 23-Jährigen wird vorgeworfen, vergangenes Jahr an unerlaubten Versammlungen teilgenommen und gegen das Vermummungsverbot verstoßen zu haben. Wong gilt als bekanntestes Gesicht der Hongkonger Demokratiebewegung. Jetzt drohen ihm fünf Jahre Gefängnis für die Teilnahme an dem Protest und ein Jahr für das Tragen der Maske.  

2019 hatte es in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong monatelange Massenproteste gegeben. Sie richteten sich vor allem gegen den zunehmenden Einfluss Pekings. Ende Juni hatte die chinesische Regierung ein Sicherheitsgesetz für Hongkong verabschiedet, das als bislang stärkster Eingriff in die Autonomie Hongkongs gilt und der Kommunistischen Partei Chinas mehr Kontrolle ermöglicht. Es richtet sich gegen Aktivitäten, die China als subversiv, separatistisch oder terroristisch ansieht. Die Opposition in Hongkong vermutet, dass das Gesetz auf sie abzielt. Deshalb haben bereits mehrere pro-demokratische Aktivisten Hongkong verlassen – andere wurden bereits festgenommen. Vor kurzem hatte die chinesische Küstenwache außerdem zwölf pro-demokratische Aktivist*innen bei einem Fluchtversuch festgenommen.

Kurz nach seiner Freilassung schickte Joshua Wong  jetzt ein Videostatement, außerdem sprach er mit jetzt am Telefon: 

„Präsident Xi Jinping versucht unsere Stimmen verstummen zu lassen“

jetzt: Du wurdest heute Mittag festgenommen. Was ist passiert?

Joshua Wong: Ich war auf der Polizeiwache, weil ich mich dort jede Woche melden muss. Dabei wurde ich plötzlich festgenommen wegen der Teilnahme an einer unerlaubten Versammlung und dem Verstoß gegen das Anti-Masken-Gesetz am 5.Oktober 2019. Die gerichtliche Anhörung findet am kommenden Mittwoch statt – also einen Tag vor dem Chinesischen Nationalfeiertag. Die politische Agenda dahinter ist es, andere damit abzuschrecken. Präsident Xi Jinping versucht unsere Stimmen, die Stimmen der Dissidenten, verstummen zu lassen. Obwohl ich freigelassen wurde, gibt es nichts zu feiern. Es ist auch noch nicht sicher, ob ich eine gerichtliche Kaution bezahlen muss. 

Hast du damit gerechnet, festgenommen zu werden?

Für jemanden wie mich, der schon neunmal festgenommen wurde und dreimal im Gefängnis war, ist es keine Überraschung, dass sie mich jetzt nochmal festnehmen. Es zeigt, wie sie versuchen, einen prominenten Hongkonger Aktivisten zu brechen. Aber ich bereue nichts. 

Du hast gesagt, dass du nicht aufgeben wirst. Wieso?

Wegen unseres langfristigen Ziels, dem Kampf für echte Demokratie. Auch wenn die Herrschenden versuchen, mich zu bedrohen, werden wir nicht aufgeben. Auch wenn ich gerade ein bisschen müde bin von dem Kreuzverhör auf der Polizeistation, sehe ich es auch als meine Verantwortung, Pflicht und Mission an, dass die Stimmen der Hongkonger gehört werden. Deswegen kämpfe ich weiter. Eine politische Krise muss durch die Reform eines politischen Systems gelöst werden.

Wie ist die aktuelle Situation für die pro-demokratischen Aktivist*innen in Hongkong?

Seit vergangenem Sommer wurde durchschnittlich einer von zehn Hongkongern festgenommen. Die Rate ist sehr hoch. Ich würde sagen: Obwohl sie so viele von uns festgenommen haben – von Elf- bis 48-Jährigen – müssen wir weiterhin Möglichkeiten finden, Widerstand zu leisten. Seit dem Inkrafttreten des neuen Sicherheitsgesetzes hat sich der Druck für Aktivisten erhöht. Aber wir hoffen, weiter kämpfen zu können.

„Länder auf der ganzen Welt sollten die Gefangenen im Auge behalten“

Anfangs waren die Proteste in Hongkong bekannt dafür, friedlich stattzufinden. Dann kam es vermehrt zu Polizeigewalt – aber auch zu Gewalt seitens der Aktivist*innen. Zum Beispiel bei der Besetzung der polytechnischen Universität vergangenen Herbst. Verurteilst du die Gewalt?

Es ist die Verantwortung der Regierung, die Polizei für ihre Taten verantwortlich zu machen – und nicht die der Bürger. Weil die Bürger nicht die Macht haben. Die Regierung in Hongkong ist nicht einmal von den Bürgern gewählt. Es ist die Pflicht der Eliten, die angespannte Situation zu deeskalieren – und die Massenfestnahmen sofort zu stoppen. Die Frage nach Gewalt ist im Hongkong des Jahres 2020 etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Besonders angesichts der Tatsache, dass die Besetzung der polytechnischen Universität nun schon ein Jahr her ist.

Aber gibt es eine Grenze von Gewalt, die die Protestierenden deiner Ansicht nach nicht überschreiten dürfen?

Es sollte nicht darum gehen, Opfer anzuklagen. Es geht darum, wie die Regierung einsehen kann, ihre Verantwortung zu tragen. Wir sind nicht die Regierung. Wir sind nur die Bürger. 

Du schaffst es immer wieder, auch international Aufmerksamkeit für die Proteste zu erzeugen. Was sollte die deutsche Regierung nun tun?

Die Länder auf der ganzen Welt sollten die Gefangenen im Auge behalten. Vor allem diejenigen, die aus Hongkong kommen und nun in Festland-China eingesperrt werden. Dort ist die Gewalt und Misshandlung ein noch viel größerer Albtraum. Ich hoffe, dass ihnen mehr Menschen Aufmerksamkeit geben. In einer globalen Gesellschaft wird einem nichts geschenkt. Diplomatisches Handeln sollte nicht nur die USA etwas angehen, sondern alle europäischen Staatschefs. 

Hast du Angst vor dem Gefängnis?

Nein. Ich war ja schon dreimal im Gefängnis. Wir müssen diesen Widerstand leisten, um zu vermeiden, dass alle Protestierenden inhaftiert werden. 

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