„Oh ja, ich bin ein Nerd!“

Der Australier Joe Robinson ist auf dem besten Weg das rauszufinden. Bei Guitar Hero sollte man schon heute lieber nicht gegen ihn antreten.
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Während er neben Erdnussschälchen und Partygästen in einem Wohnzimmer in Münster lehnt, fällt der Junge mit dem schüchternen Grinsen kaum auf. Man bemerkt ihn höchstens wegen der verdrehten Wirbel im Haar. „Wenn ich Gitarre spiele, ist das allerdings anders“, sagt der 17-Jährige. Joe Robinson ist Fingerstyle-Gitarrist und eines der aussichtsreichsten Talente der Gitarrenszene. Jazz, Funk, Bluegrass – das ist seine Musik. Die macht er so gut, dass er heute schon Gigs mit Gitarrenlegende Les Paul spielt oder von den Helden der Branche wie Steve Vai und Tommy Emmanuel Lob kassiert. In Australien ist er bereits eine kleine Berühmtheit, seitdem er mit seinen Songs die TV-Bombasto-Show „Australia’s got Talent“ gewonnen hat. Statt aber danach mit Glitzerjacke durch heimische Medien zu tingeln, schreibt er weiterhin seine Songs selbst, hat ein Album mit einem Grammy-Produzenten in Nashville aufgenommen und weiß ziemlich genau, was er will. Nämlich, bei seiner Tour durch Europa einfach ein Musiker zu sein, der hoffnungslos in seine Gitarre verknallt ist.

Auf seinen Fingerkuppen scheinen kleine Kerben eingraviert zu sein. Fingerstyle oder Fingerpicking heißt sein Stil, genau wie seine Technik, eine der schwierigsten der Gitarre. Während der Daumen kontinuierlich den Bass zupft, fügen die übrigen Finger Melodie und Rhythmus hinzu. Zwei Daumen, acht Finger und sechs Saiten werden so zu einer ganzen Band. Unterrichtet hat er sich selbst, nachdem sein Lehrer ihm nach einem Jahr nichts mehr beibringen konnte. Das ging ungefähr so: Um vier Uhr aufstehen, ein paar Stunden vor der Schule üben. Im Bus schlafen. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück und wieder ran an die Gitarre. Hilfsmittel: massenweise Musik-DVDs, YouTube-Videos von Profis, einige Bücher. Fertig. Joe in Action - "The Chatterbox"

„Der muss völlig verrückt sein, haben einige an meiner Schule gedacht“, sagt Joe im Rückblick. Wenn man aber auf einer Farm in dem 200-Einwohner-Dörfchen Temagog im australischen Busch aufwächst, braucht man ein Hobby. „Ich hatte keinen Nintendo oder ’ne Playstation. Alle anderen fingen irgendwann an, Motorrad zu fahren. Das aber hätte meine Mom nie erlaubt“, sagt Joe: „Also habe ich eben Gitarre gespielt.“ Mit zwölf Jahren, dabei noch die Santana- und Eric-Clapton-Platten der Eltern im Ohr, spielte er zunächst Rocksongs in einer Teenager-Band, was ihm aber schnell langweilig wurde. „Die Akustik-Gitarre hat mich gepackt, weil sie keine Limits hat.“ Schließlich wird er das Kid in einer Musikwelt, in der die Großen ältere Männer sind. „Ich wollte nun mal mit den besten Musikern abhängen.“ Mit ihnen jammt er heute bis in die Nacht, lernt von ihnen und umgekehrt. „Vielleicht bin ich dadurch recht schnell erwachsen geworden“, meint Joe und schaut verlegen zur Seite. 3-Tage-Star Ob da wohl überehrgeizige Eiskunstlaufeltern dahinter stecken? „Oh nein, die sind eher Hippies“, meint Joe. Daher fährt die Mutter ihn zu seinen Gigs und begleitet ihn notfalls auch länger, etwa bei seiner ersten, vom Taschengeld finanzierten Reise in die USA. „Sie haben wohl gemerkt, dass ich es ernst meine. Letztlich hatten sie sogar vorgeschlagen, dass ich mit 15 mit der Schule aufhöre. “ Nicht, dass er ein schlechter Schüler gewesen wäre. Joe ist ehrgeizig, genauso wie ein echter Grundsympath, bodenständig, witzig und sagt bisweilen selbst: „Oh ja, ich bin ein Nerd“. Sogar Phrasen à la „Eigentlich will ich nur Gitarre spielen“ glaubt man ihm. Vielleicht liegt das an dem unvermittelten Grinsen, wenn er spielt. Oder daran, dass er sofort nervös wird, wenn er gitarrenlos Akkorde klingen hört. Nur Zusehen ist nichts für ihn. „Das Schlimmste wäre, wenn ich irgendwann keine Lust mehr hätte, ausbrennen würde. Dann wüsste ich wirklich nicht, was ich machen würde.“ Und so war es vielleicht ein Glücksfall, dass Joe schon drei Tage nach dem Gewinn der Show das lang vorher gebuchte Ticket in die USA einlöste, um dort zu arbeiten. Gleich, wie schnell seine Finger über Gitarrensaiten huschen, seine Karriere will er langfristig aufbauen. „Es gibt eine Menge Haie im Musikbusiness, die dich dazu bringen wollen, Verträge aus den falschen Gründen zu unterzeichnen. Viele machen den Fehler, das Erstbeste, was ihnen unter die Nase kommt, zu unterschreiben“. Das passt nicht zu seinem Traum, der beste Gitarrist der Welt zu werden. „Der beste überhaupt, jemals“, sagt er verschmitzt und ergänzt: „Ob ich dafür bezahlt werde oder nicht, ich will einfach immer Musik machen.“ "Midnight in Nashville"

Der 250.000 AUS-Dollar-Gewinn liegt dafür weiter auf dem Konto, er ist sein Startkapital für die nächsten Pläne: Durch Australien touren, den Markt in Amerika, Europa und Asien erweitern und bald nach Nashville ziehen. „That’s the plan, anyway”, sagt er und grinst, plötzlich gar nicht mehr schüchtern.

Text: petra-baeumer - Foto: Matthias Schliewe

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