Sperma auf der Kamera: Beim Dreh für einen Sex-Streifen

Eine Berliner Firma dreht mit Amateuren und Profis einen Porno im Gameshow-Format. Ein Besuch beim ganz normalen Ausnahmezustand. +++ Den Text entnehmen wir der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins daheim, die sich mit Pornografie befasst. Die Autoren besuchen unter anderem einen Swingerclub, sprechen mit einer Pornodarstellerin oder befassen sich mit feministischer Kritik an Pornografie.
kathrin-hagemann

Acki liegt auf dem Teppichboden. Noch hat er eine Unterhose an, aber die werden ihm die beiden Damen, die auf ihm herumturnen, gleich vom Leib zerren. Auf dem Sofa sitzen fünf weitere Menschen, die den Dreier am Boden beobachten. Aber auch das nicht lange: Hände greifen sich Schenkel, Brüste und Penisse; sie fangen an, miteinander herumzumachen, und kommen nach und nach auf den Boden zu den anderen. Nach einer Minute ist der Raum ein einziges schweres Atmen und Stöhnen. Der Kameramann steigt über Beine hinweg und macht Nahaufnahmen. „Ihr geilen Fickschnitten“, sagt Tina, während sie nach einem guten Platz für ihre Zunge sucht. Klar, so hat man sich das Schmuddeluniversum vorgestellt: eine Tür im Parterre, von innen mit Stoff verhängt und schummrig rot beleuchtet. Kein Namensschild; nur ein Zettel, auf dem „Privatclub“ steht, die Getränkekarte und die Klingel. Es ist halb vier Uhr nachmittags. Das Schauspiel, das hinter der Tür in dem kleinen Sexclub stattfindet, nennt sich „Popp oder Hopp“: Die Berliner Produktionsfirma Inflagranti dreht mit Profi- und Amateurdarstellern einen Porno im Gameshow-Format. Und mit Wohnzimmeratmosphäre, denn größer ist der Raum nicht. Neben den Sofas und Tischchen ist das einzige Möbelstück ein Glücksrad, an dem Assistentin Anastasia dreht, und das zu Beginn jeder Runde darüber entscheidet, wer sich mit wem in welcher Form vergnügen darf – beziehungsweise darüber, wer mit der Orgie anfängt, denn jedes Los endet in einem Knäuel stöhnender Menschen in der Mitte. Das verschafft einen Eindruck über die Möglichkeiten, mit welchen Körperteilen zwei Menschen aneinander andocken können, und jeder der Kandidaten bedient mindestens zwei Möglichkeiten gleichzeitig.

Videos in einem Film-Shop für Erwachsene. (Foto: rtr) Hört sich nach Reizüberflutung an, für einen Porno sind das aber gewöhnliche Dimensionen. Der Moderator im grauen Anzug erinnert hin und wieder an die Spielregeln. Anastasia, deren blonde Locken und schwarzes Kleid noch am richtigen Platz sitzen, wenn sie sich an der Seite des Moderators in Posen wirft, macht mit. „Schreib, dass wir ganz normale Menschen sind“ Manchmal wird ein Stöhnen lauter, meistens ein männliches. Sperma spritzt. Wer die Hände frei hat, applaudiert. Nach ungefähr zwanzig Minuten schlägt dann der Techniker auf einen Gong – die Masse der Körper mit einzelnen Piercings und Tattoos löst sich in ihre Einzelteile auf, die Einzelteile berappeln sich, krabbeln aufs Sofa und ordnen ihre Frisuren. Zoom auf Ackis Gesicht: „Und, wie war’s?“ Toll, aber das findet nicht nur er. Punkte werden verteilt: Einen gibt es dafür, dass der eigene Wunsch gezogen wird. Und je einen pro Orgasmus. „Auflecken gibt Extrapunkte“, ruft Anna-Lena, die irgendwessen Sperma vom Rücken einer anderen Frau geleckt hat. Sie bekommt die Punkte. Ess-, Rauch- und Schminkpause. Die Bar des Clubs könnte zu jeder Wohnzimmerkneipe gehören: eine Spirituosensammlung, ein falscher Löwenkopf über der Theke, viele Lichterketten drumherum und dahinter ein junger blonder Typ im schwarzen T-Shirt, der Cola ausschenkt. Er heißt Marco und macht bei Inflagranti seine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien. „Als ich mich beworben habe, haben die erst mal gefragt: „Du weißt nicht, was wir für Filme machen, oder?“ Wusste er nicht. Die Stelle wollte er trotzdem und die Ausbildung sei toll: „Nicht deshalb, weil es Porno ist, sondern weil ich hier viel lerne. Wir produzieren ja Filme, jetzt mal ganz abgesehen vom Inhalt.“ Wie Marco ist die ganze Inflagranti- Mannschaft sehr jung und läuft überwiegend in Baggyhosen und Baseballcaps herum – während alle Darsteller des heutigen Drehs über 30 sind. „Schreib, dass wir ganz normale Menschen sind“, sagt Anastasia. Sie macht versaute Witze über das Essen (Würstchen mit Kartoffelsalat) und demonstriert ihre gute Laune, indem sie „Ficken, Lecken, Blasen, ...“ vor sich hin trällert. In ihrer Freizeit geht sie mit ihrem Sohn in den Wald zum Radfahren. Tina kümmert sich hauptberuflich um Kinder und Senioren. Über ihren Freund Acki kam sie zum Swingen und auch dazu, in Pornos mitzuspielen. „Ich finde es ganz normal und schön, so was in meiner Freizeit zu machen“, erklärt sie. Ihre Familie weiß trotzdem nichts davon, bis auf ihre 18-jährige Schwester, die es durch einen Zufall mitbekommen hat und es „cool“ findet.


Sperma auf der Kamera Die Pause ist zu Ende. Und damit das Interesse nicht abflaut, werden die Spiele ein bisschen spektakulärer: Zusätzlich zu den verschiedenen Mann/Frau-Mischverhältnissen steht „Hintern versohlen“ auf dem Programm. Anna-Lena wird vonseiten der Regie zurechtgewiesen, weil sie dabei „Au“ und „Nein“ stöhnt. Nichts im Film darf nach Unfreiwilligkeit aussehen, das ist gesetzlich geregelt. Lustig sind auch die Vorbereitungen für den Wunsch „Dildospiele mit mehreren Frauen“: Die Darstellerinnen fachsimpeln über verschiedene Modelle („Das Grüne hab ich auch, das ist geil“), die Dramaturgie wird mehrdimensional („Aber wir können nicht in zwei Szenen mit den gleichen Dildos rummachen, und dann auch noch mit den gleichen Frauen“) und dann gibt es auch noch Technikprobleme („Marco, wo sind die Batterien?“). Anastasia probiert aus, wie sich der Ständer des Umschnalldildos unter ihrem Kleid macht. Um bei diesem Spaß mitmachen zu können, bewerben sich mehr als 100 Menschen monatlich bei Inflagranti, indem sie Ganzkörperfotos und einen überaus detaillierten Fragebogen einschicken. Klar, neben dem Spaß winken auch ein paar hundert Euro. Aber wer den Filmassistenten beim Reden zuhört, hat schon den Eindruck, dass die Darsteller die Welt um sich herum beim Dreh manchmal vergessen: „Mir hat mal einer voll auf die Kamera gewichst. Ich dachte nur: ,Wäh …’, musste die Szene aber noch zu Ende filmen, mit dem Sperma an der Hand, und durch die Wichse hindurch versuchen zu sehen, was ich filme ...“ Sex ist hier Arbeit. Und gegen Ende warten die meisten heimlich auf den Feierabend, auch die Zuschauer. Es gibt Szenen, die hart anzusehen sind, wenn sich der Drehtag seinem Ende nähert. Zum Beispiel, wie Anastasia nach dem Gongschlag wieder auf zwei Beinen neben dem Moderator steht, mit Sperma im Gesicht und über die Schulter gehängtem Umschnalldildo. Sie zieht sich ihr Kleid nach jeder Szene wieder an, nur um es sich drei Minuten später für die nächste Runde wieder vom Leib zu reißen. Den ersten Preis bei „Popp oder Hopp“ gewinnt schließlich Acki: Eine improvisierte Figur aus Obst, die Marco während des Drehs zusammengebastelt hat. Um acht Uhr abends ist der Dreh zu Ende. Tim hat es eilig mit dem Aufräumen. Die Darsteller stehen etwas erschlagen an der Bar. Ein typischer Dreh sei das nicht gewesen. „Sonst geht es länger“, meint Anastasia. „Sonst geht es schneller“, meint Tina. „Außerdem hast du deine Rolle; die sagen dir zum Beispiel, du bist die Krankenschwester, und dann musst du zwar ein bisschen improvisieren, aber nicht so viel wie heute.“ „Die Leute, die heute hier waren, hatten richtig Spaß“, sagt der Moderator. Und Tim bietet einen zweiten Termin an: „Wir machen auch noch andere Sachen, speziellere Sachen. Fetisch und so.“

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