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Wer „Digitaler Nomade“ sein will, wird schnell abgezockt

Weil alle einem den perfekten Weg zum Traumleben verkaufen wollen.
Von Samira Mousa
  • cover digitale nomaden
    Foto: Andy Do / Unsplash; Illustration: Katharina Bitzl

Als ich das ersten Mal auf das „Digitale Nomadentum“ stieß, klang dieser Lebensstil für mich einfach nur wunderbar: Arbeiten vom Strand aus. Permanentes Abhängen in den Infinitypools Südostasiens. Und da sich die Lebenskosten auf ein paar Baht, Rupiah oder Pesos im Monat belaufen, man aber deutsche Kunden hat, die in Euro bezahlen, weißt man gar nicht, wohin mit all den Moneten. Das wollte ich auch! An Orten leben, an denen es warm ist, von dort aus einen Healthcare Blog schreiben und zudem als freie Texterin arbeiten – es war kein Traum, es war ein Plan.

Ein Digitaler Nomade ist jemand, der ortsunabhängig und online arbeitet. Das Geschäftsmodell basiert im Prinzip auf einer stabilen Internetverbindung und einem Laptop. Seinen Beruf so ausüben kann man zum Beispiel als Grafiker, virtueller Assistent, Journalist. Oder als „Life Coach“, Influencer und Blogger – und das sind vor allem jene Digitale Nomaden, die ihr Geld damit verdienen, anderen zu zeigen, wie man Digitaler Nomade wird.

Als ich anfing, mich damit auseinanderzusetzen, störte mich das erst mal nicht, ja, es beeindruckte mich fast. Aber mit der Zeit merkte ich: Wer ein Digitaler Nomade werden will, läuft andauernd Gefahr, von anderen Nomaden oder Menschen, die von diesem Geschäftsmodell profitieren wollen, zum Kauf von teils sinnlosen und überteuren Produkten verführt zu werden. Also: abgezockt zu werden.

Nach meinem Entschluss wühlte ich mich wochenlang durch die Flut an Informationen, die das Netz zum Thema Digitale Nomaden ausspuckt. Meine Vorbilder, von denen ich las und Fotos sah, wirkten wie eine sehr coole Truppe: esoterisch und ausgeglichen, liquide und freundlich. „Werde einer von uns“, schienen sie zu rufen und ich fühlte mich, als würden sie mir aus der Seele sprechen. Dass das nicht unbedingt stimmte, sondern es eine Verkaufsmethoden war, wusste ich nicht. 

Auch die Grundeinstellung, die ich laut meiner Vorbilder haben sollte, gefiel mir: „Häng dich rein. Finde deine Nische. Entwickle ein Onlineprodukt, eine Strategie oder eine Dienstleitung, die sich zu Geld machen lässt“. Ich wusste ja schon, dass ich meinen Blog starten wollte – hatte aber leider keine Ahnung davon, wie man eine Website aufsetzt, E-Mail-Marketing betreibt oder von Lesern im Internet gefunden wird. Meine Suche nach Anleitungen verlor sich in einer Flut an E-Books, Coachings und Onlinekursen. 

Ein Skype-Gespräch, bei dem ich Fragen stellen konnte, kostete über 200 Euro. Pro Stunde

Aber in welches Onlineprodukt sollte ich mein (offline im Café verdientes) Geld investieren? In ein Coaching, in dem ich lernte, wie man coacht? In einen Onlinekurs, in dem ich lernte, Onlinekurse zu erstellen? Fast jeder schien mir das Beibringen zu wollen, womit er selbst Geld verdient. Aber ein Skype-Gespräch, bei dem ich einem Digitalen Nomaden meine Fragen würde stellen können, kostete gerne mal über 200 Euro. Pro Stunde. Und allein auf Udemy, einer Website auf der Onlinekurse verkauft werden, gibt es unter dem Suchwort „Nomad“ 21 Selbstlernkurse von Digitalen Nomaden, die einem für je schlappe 9,99 Euro angeblich dabei helfen, gratis die Welt zu bereisen, seinen eigenen Lifestyle zu kreieren und von überall aus zu arbeiten. 

Dort erfuhr ich zum Beispiel (grob und kostenlos), dass „Dropshipping“ eine gängige Methoden sei, diese Ziele zu erreichen: Man kauft ein günstiges Produkt an, verknüpft den Hersteller mit dem eigenen Amazon- oder Ebaykonto und verkauft auf diesen Plattformen das Produkt zu einem höheren Preis an den Endkunden. Wie das im Detail funktioniert? Das wollte mir ein Onlinekurs beibringen – zum Beispiel der von Anton Kraly, Dropshippingexperte. Sein Basic Paket gab es für 1297 Dollar. Und wenn ich mehr wollte? Das „Done for you“-Paket würde zu einem Preis von 4997 Dollar mir gehören. Damit war das Thema für mich erledigt – definitiv zu teuer. 

„Ein grundlegendes Problem ist, dass die meisten Digitalen Nomaden davon leben, angehenden Digitalen Nomaden zu zeigen wie es geht“ sagt auch Daniel Rüling, Betreiber der Seite digi-tester.de. Hier testet er selbst Onlinekurse und bewertet sie, um Menschen bei ihrer Suche zu beraten – unabhängig und ehrlich, wie er sagt. Denn sucht man online nach Bewertungen, stößt man häufig nur auf reine Begeisterung. Was der Laie nicht weiß: Diese Bewertungen sind oft gespickt mit Affiliate Links. Kauft ein Leser über diesen Link den hochgelobten Kurs, bekommt der Autor des Textes eine Provision. Es gibt ganze Websites, die nur zu diesem Zweck online gestellt wurden. „Sogar die Testportale schreiben alle denselben Mist über Onlinekurse“ sagt Rüling. Die Produkte werden hier einfach mit gängigen Marketingtexten beworben - „um sie möglichst vielen Lesern anzudrehen“, so Rüling.

Man bezahlt viel Geld, um dann erzählt zu bekommen, dass man nur noch diesen Kurs, dieses Buch, dieses Coaching kaufen muss

Natürlich habe auch ich mir etwas andrehen lassen. Und nein, natürlich hat mich hat niemand gezwungen, mir das „Freiheitspaket“ zu kaufen. Aber es versprach mir eben Onlineprodukte im Wert von rund 2700 Euro – für den läppischen Preis von 147 Euro! Ich dachte nicht lang nach und klickte auf den „kaufen“-Button. Besonders angeregt hatte mich ein im Paket enthaltenes Buch namens „Hidden Travel Ninja“. Darin würde ich laut Beschreibung auf der Website erfahren, wie ich „kostenlos in Sternehotels nächtigen kann“. Das Geld für das Paket, dachte ich, würde ich durch diese Ersparnis schnell wieder reinbekommen.

Leider musste ich beim Lesen feststellen, dass die Sternehotel-Methode mir nur verraten werden könne, wenn ich das Premiumpaket zusätzlich kaufe – für noch mal gut 60 Euro. Als ich den Autor des Buches, Sergio von Facchin, per Email damit konfrontierte, antwortete er nur, er wisse nicht, warum auf der Website überhaupt mit gratis Übernachtungen in Sternehotels geworben würde. Und die Betreiber der Seite äußerten sich gar nicht zu meiner Frage. Pech gehabt.

Genau das ist das Problem mit vielen Onlineprodukten: Man bezahlt viel Geld, um dann erzählt zu bekommen, dass man, wenn man es wirklich ernst meint, nur noch diesen Kurs, dieses Buch, dieses Coaching kaufen muss. Natürlich wirkte dieses ständige Handaufhalten nicht seriös auf mich – und doch ertappte ich mich immer wieder bei dem Gedanken: „Wenn ich mir dieses Produkt kaufe und das darin vermittelte Wissen anwende, amortisiert sich meine Ausgabe in Nullkommanichts“. Doch die Titel und Versprechen vieler dieser Produkte sind wie Wunderkapseln zum Gewichtsverlust: Es klingt zu gut, um wahr zu sein. 

Ich arbeite jetzt bereits seit über einem Jahr tatsächlich als Digitale Nomadin und Bloggerin. Und trotzdem bin vor den verführerischen Titeln, vor den Versprechungen, vor den gefilterten Instagrambildern immer noch nicht sicher. Denn es gibt da draußen ja noch erfolgreichere, noch besser aussehende, noch ambitioniertere Digitale Nomaden. Die Abgrenzung davon fällt mir und vielen anderen schwer – egal, wie groß der eigene Erfolg bereits ist. Warum lasse ich mir, warum lassen wir uns das Geld immer noch aus der Tasche ziehen? 

Die Premiumversion des eigenen Lebens kann man sich davon nämlich nicht kaufen

Vielleicht liegt es daran, dass Werbung, die ein besseres Lebens verspricht, sogar noch besser funktioniert, wenn man bereits seinen Job gekündigt hat und in die Welt losgezogen ist. Denn nun hängt alles an einem selbst: Man muss es zu „etwas bringen“ – oder als gebrochene Versagerin an den Schreibtisch in Paderborn, Nürnberg oder, in meinem Fall, Berlin, zurückkehren. Und das will ich nicht. Deswegen tappe ich doch ab und an in die Falle und lasse mich zu Käufen hinreißen.

In diesem Fall bleiben mir drei Möglichkeiten. Erstens: mich ärgern (bringt nichts). Zweitens: erneut bezahlen (kann ich oft nicht und sehe ich auch nicht ein). Oder drittens: das mitnehmen, was ich kann. Denn auch im „Freiheitspaket“ war zum Beispiel nicht alles Schrott: Ein paar gute Kurse und E-Books enthielt es  definitiv. Unter anderem einen Onlinekurs zum Podcasting. Oder ein Buch vom Weltenbummler Nick Martin, der Neulingen rät, sich erst mal online mit den vielen umsonst verfügbaren E-Books und Checklisten zu informieren, bevor man die Kreditkarte zückt. Solche Gratisprodukte, auch „Freebies“ genannt, gibt es meist im Gegenzug für die Anmeldung beim Newsletter des Anbieters. Auch helfe es, schreibt Martin, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, und so Produkte, die nur dem Selbstzweck und der Platzierung von Affiliate Links dienen, ausfindig zu machen. Das Wichtigste aber sei es, überhaupt anzufangen: „Es gibt viele Menschen, sie sich ‚tot informieren’. Die hier einen Onlinekurs kaufen, dort auf ein Seminar gehen und noch zusätzlich zig E-Books kaufen“, sagt er. Das führe natürlich zu keinem Ergebnis. Denn klar ist: Auch in der Welt der Digitalen Nomaden kommt von nichts nur eines: nichts.

Auf meinem Weg zur Digitalen Nomadin musste auch ich das feststellen. Und lernen, mich nicht abziehen zu lassen, sondern hart zu arbeiten, loszulegen, Fehler zu machen. Und ja, dabei hat mir auch mal ein Buch mit Affiliate Links geholfen. Ich habe mir nun angewöhnt, mir ein (kleines) Budget für Onlineprodukte zu setzen, die ich wirklich brauche, und dabei zu bleiben. Keine Spontankäufe. Keine digitalen Wunderpillen. Denn eines ist ganz sicher: 3000 Euro muss man nicht investieren. Auch nicht 1000 Euro. Die Premiumversion des eigenen Lebens kann man sich davon nämlich nicht kaufen. Die muss man sich selbst erarbeiten.

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