Was machen Leute eigentlich, wenn sie in der Bahn aufs Smartphone starren?

Eine Umfrage in Berlin.
Von Johann Voigt
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Fotos: Johann Voigt, Illustration: Lucia Götz

Nachmittags in Berlin. Gerade schlängelt sich die S-Bahn in einen Tunnel. Das Licht im Waggon hat sich noch nicht automatisch eingeschaltet, aber überall leuchtet es bläulich. Gebeugte Köpfe starren auf Displays. Die Umwelt scheint egal.

Da ist der ältere Herr, der sich an einer der Stangen in der Mitte festkrallt und parallel dazu in seine Skat-App vertieft ist. Da ist das Mädchen, ziemlich jung noch, vielleicht 12 Jahre alt, das ihr Handy in der Hand hält und immer dann hektisch zusammenzuckt, wenn es wegen einer ankommenden Nachricht vibriert. Und da sitzen Mutter und Tochter nebeneinander. Beide lachen vergnügt und gucken währenddessen auf ihre Smartphones: Gerade bekommt die Mutter erklärt, wie Tinder funktioniert. Zwischendrin sitzt ein Herr und wälzt schwerfällig seine Tageszeitung. Er ist neben der Frau um die 40 zwei Sitze weiter, die gerade eine Seite ihres Buchs umblättert, der einzige ohne Smartphone in der Hand. Das Rascheln der Zeitung vermengt sich mit dem leisen Klopfen tippender Finger zum Soundtrack des S-Bahn-Waggons. Es spricht: so gut wie keiner.

Doch warum ist das so? Verstecken wir uns hinter den Displays des Smartphones, weil wir Angst haben vor unseren Mitmenschen oder weil uns die Umwelt nicht mehr interessiert? Und was machen die Leute auf ihren Smartphones im Zug eigentlich genau? Was ist ihre Smartphone-Routine?

Wir haben 100 Leute gefragt, wofür sie ihr Smartphone in der Bahn hauptsächlich nutzen und mit einigen noch genauer über ihre Gewohnheiten gesprochen:

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axelbueckert / photocase.de, Illustration: Lucia Götz

Lena, 22: „Ich fühle mich nicht unwohl, wenn ich mein Handy mal vergessen habe – sondern eher frei“

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Foto: Johann Voigt

Warum guckst du aufs Handy, wenn du in der Bahn sitzt?

Hauptsächlich sehe ich drauf, um meine Musik zu wechseln, lese manchmal aber auch Artikel oder beantworte E-Mails.

Mails beantworten ist eher beruflicher Natur. Nimmst du dir dadurch nicht selbst ein Stück Freizeit?

Manchmal. Wobei die Fahrt schon oft Freizeit für mich ist. Die halbe Stunde bis zur Arbeit genieße ich total, um einfach mal Musik zu hören. Sonst gibt es ja wenige Gelegenheiten dazu. Zu Hause setze ich mich zum Beispiel nicht hin und höre eine Stunde lang Musik. Ich habe da in der Bahn auch einfach das Bedürfnis, für mich zu sein. Andererseits nehme ich manchmal bewusst die Kopfhörer ab und stecke das Handy ein, um alles um mich herum wahrzunehmen.

Was nimmst du dann wahr?

Wie andere auf ihr Handy gucken. (lacht) Das finde ich dann wieder faszinierend, obwohl ich das ja selber mache. Es ist schon lustig, anderen dabei zuzuschauen, wie sie verkrampft auf ihr Handy starren, gestresst Nachrichten schreiben oder auf dem Bahnsteig in einer Reihe mit gesenktem Kopf stehen. Sonst hänge ich einfach meinen Gedanken hinterher. Ich fühle mich dann auch nicht unwohl, wenn ich mein Handy mal vergessen habe – sondern eher frei.

Aber diese Freiheit gönnst du dir trotzdem nur ab und zu?

Das kommt einfach sehr auf meine Laune an. Wenn ich einen schlechten Tag habe, versinke ich auch gerne mal voll in meinem Handy oder Buch. Wenn ich mich offener fühle, vor allem im Sommer, dann ist die Quote so: zu zwei Drittel offen sein und zu einem Drittel verkriechen. (lacht)

Glaubst du, dass die Leute, bevor es Smartphones gab, mehr auf ihre Umgebung geachtet haben?

Ich denke, damals haben sie eben die Zeitung oder ein Buch gelesen. Es ist ja nicht so, dass sich früher alle in der Bahn unterhalten hätten. Und ich würde vermutlich auch nicht einfach so mit einem Wildfremden sprechen, wenn ich nicht muss. Als ich allein in Lissabon war, ist mir aber aufgefallen, dass die Leute mehr miteinander reden und ich selbst auch aufmerksamer war. Ich wollte ja alles Neue sehen. Vielleicht hatte das aber einfach mit dem Touristendasein zutun. Und wenn du dann einen anderen Touristen triffst, kommst du einfacher ins Gespräch.

Salwa, 20: „Manchmal schalte ich einfach den Flugmodus ein“

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Foto: Johann Voigt

Könntest du auf dein Handy in der Bahn verzichten?

Ich kann eigentlich nie auf mein Handy verzichten, wenn ich unterwegs bin, weil es mich nervt, keine Musik auf den Ohren zu haben. Früher hatte ich deswegen immer einen MP3-Player dabei. Ich fahre außerdem eine Stunde zur Arbeit. Da die ganze Zeit über aus dem Fenster zu starren, obwohl ich mittlerweile jedes Graffiti kenne, ist einfach langweilig.

Interessieren dich die Menschen um dich herum auch nicht?

Schon, aber da ich in Berlin wohne und ständig und überall von unheimlich vielen Leuten umgeben bin, will ich auch mal meine Ruhe haben. Wobei ich tatsächlich viel Musik höre und jetzt nicht die ganze Zeit auf Facebook schaue.

Wie empfindest du es denn, wenn um dich herum alle mit geneigtem Kopf auf ein Display gucken?

Als normal. Ich glaube, dass meine Generation es einfach nicht mehr kennt, ohne Handy durch die Welt zu laufen. Es wird von allen Seiten so vorgelebt. Ich kenne glaube ich niemanden, der kein Smartphone besitzt. Du merkst schwer, wann es zu viel wird. Mir fällt es nur dann auf, wenn ich zu viele berufliche Sachen über mein Handy regle.

Büßt du durch das Handy in der Bahn Freizeit ein?

Ja, das auf jeden Fall. Darüber habe ich mir lustigerweise vorhin noch Gedanken gemacht. Ich habe mir vorgenommen, nur noch dann auf Nachrichten zu antworten, wenn ich möchte. Ich arbeite als Freiberufler und man hat da ja das Gefühl, immer sofort auf ein Jobangebot antworten und erreichbar sein zu müssen. Aber es ist gar nicht so. Man muss das halt merken und sich bewusst dazu entscheiden, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Manchmal schalte ich einfach den Flugmodus ein.

Erinnerst du dich daran, wann du das letzte Mal ohne Handy unterwegs warst?

(überlegt) Ich weiß es gar nicht mehr. Vor zwei Wochen ist mein Handy kaputtgegangen, da hatte ich mal sechs Stunden keins.

Hat sich dadurch was verändert?

Es hat mich genervt. Zu einen, weil so keine Musik lief, und weil ich mich auch nicht mit Freunden austauschen konnte, während ich in der Bahn saß.

Arne,27: „Es ist unmöglich, mit einer interessanten Frau Blickkontakt aufzunehmen“

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Foto: Johann Voigt

Spielst du in der Bahn gerne auf dem Handy?

Eigentlich gucke ich mir gerne Instagram-Storys an, manchmal warte ich vor allem, bis die Verbindung hergestellt wird. Wenn das nicht klappt, spiele ich immer noch das „20-48-Spiel“, bei dem man Zahlen zusammenschieben und möglichst hohe Werte erreichen muss. Das frisst unglaublich viel Zeit. Ich will aber trotzdem wissen, was um mich herum passiert und höre deswegen zum Beispiel kaum Musik.

Seit wann besitzt du überhaupt ein Smartphone?

Ich hatte lange gar kein Handy und habe erst seit zwei Jahren ein Smartphone.

War es vorher anders, wenn du mit der Bahn unterwegs warst?

Was mich manchmal gestört hat – und stört: Wenn eine interessante Frau einsteigt, aber dann zehn Stationen lang mit dem Kopf im eigenen Schoß versunken ist und aufs Smartphone sieht. Es ist dann ja unmöglich, mal Blickkontakt aufzunehmen.

Glaubst du, man fühlt sich durch den Blick aufs Handy sicherer?

Ich glaube einfach, dass die Kommunikation, die übers Handy geführt wird, bei Bahnfahrten wichtiger ist, als sich die Fremden Personen um sich herum anzusehen. Ich glaube aber nicht, dass das Handy ein Fluchtpunkt ist. Das mag es sicher geben, wenn man jemanden sieht, den man kennt und auf den man keine Lust, hat oder wenn man sich bedroht fühlt. Aber prinzipiell glaube ich, dass den Leuten ihr Handy einfach wichtiger ist als das, was um sie herum passiert.

Alexander, 22: „Leute, die ins Handy vertieft sind, wirken erst mal antisozial“

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Foto: Johann Voigt

Was hast du auf Zugfahrten gemacht, bevor du ein Handy besessen hast?

Das war in meiner Schulzeit und da war ich in der Bahn meistens mit Freunden unterwegs, habe mich also mit denen unterhalten.

Jetzt ist es ja oft so, dass Freunde sich zwar gegenübersitzen, aber trotzdem jeder mit seinem Smartphone beschäftigt ist.

Das kann ich schon verstehen. Vor allem die Jüngeren sind ja wirklich damit aufgewachsen und das ist Teil dieser Generation. Mich stört das also nicht. Obwohl ich es natürlich schade finde. Denn Leute, die in ihr Handy vertieft sind, wirken auf mich erst mal antisozial.

Ist es denn anti-sozial, wenn man zwar sein Gegenüber ignoriert, aber währenddessen übers Handy Nachrichten schreibt?

Schon. Wobei: Früher hat man stattdessen halt telefoniert.

Ändert sich was für dich, wenn du in der Bahn kein Smartphone dabei hast?

Nicht so richtig. Dann schaue ich eben aus dem Fenster und denke so vor mich hin. Wobei ich das genauso mache, wenn ich mein Handy in der Hand habe. Ich bin jetzt nicht so vertieft darin. Das ist eher Beiwerk. Meistens bin ich sehr hektisch unterwegs, muss zum Zug rennen und bin dann erst mal froh, ihn erreicht zu haben (lacht). Dann kann ich mich nicht sofort in das vertiefen, was auf dem Display passiert.

Viele halten ihr Handy die Fahrt über einfach nur in der Hand. So, als würden sie sehnsüchtig darauf warten, dass etwas passiert.

Ach, ich denke, das ist einfach eine Gewohnheitssache. Es ist vergleichbar mit einer Uhr, die man ja auch immer am Arm trägt, auf die man dann reflexhaft immer mal guckt, aber danach trotzdem nicht weiß, wie spät es ist. 

Uta, 51: „Früher haben die Leute vor sich hingedämmert“

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Foto: Johann Voigt

Du bist eben ohne Handy im Zug gesessen, aber bleibst damit eine Ausnahme. Warum ist das so?

Vor allem bei Jüngeren ist es doch so: Das Handy gehört dazu. Und das ist auch in Ordnung so. Dann wird eben schnell mal danach gegriffen, um sich irgendwie zu beschäftigen. Ich mache es nicht, weil ich mein Handy ohnehin nicht so viel nutze und lieber mal aus dem Fenster schaue oder die Leute beobachte.

Was beobachtest du in den Momenten dann im Bahn-Waggon?

Ich nehme die verschiedenen Gesichter und Gesichtsausdrücke wahr. Gespräche vermischen sich, Desinteressierte treffen auf Interessierte.

Wie hast du Bahnfahrten eigentlich früher wahrgenommen, als es noch gar keine Smartphones gab?

Da haben mehr Leute vor sich hingedämmert und gedacht. Einige haben auch gelesen oder sich mit ihren Freunden unterhalten. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es früher mehr Gespräche oder ein großes Stimmengewirr im Waggon gab.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde zum ersten Mal am 29. Mai 2017 veröffentlicht und am 20. Juli 2020 noch einmal aktualisiert.

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