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Die Zeit heilt keine Wunden - Man gewöhnt sich nur an den Schmerz

Text: Honigtoertchen
Man wird verletzt. Man blutet innerlich. Man leidet. Man quält sich mit nicht endenden Fragen und "was-wäre-wenn"-Möglichkeiten. Und alles bringt nichts mehr. Man gibt auf. Man will nicht mehr existieren. Nicht mehr leiden können.



Und doch verstreichen die Sekunden. In denen man weiterlebt.



Der Schmerz ist allgegenwärtig. Doch dadurch, dass er genau das ist, gewöhnt man sich mit der Zeit an ihn. Das lässt ihn keineswegs verschwinden - aber ertragen. Das muss man eh. Und je mehr Zeit verstreicht, desto einfacher wird es. Weil man sich nicht mehr daran erinnern kann, wie es ohne Schmerz war.



Auf diese Weise hat sich irgendwann, wie bei einer offenen Wunde, eine Kruste gebildet. Man blutet nicht mehr frisch. Man fühlt den Schmerz nicht mehr so stark. Aber trotzdem ist er noch gegenwärtig. Man entfernt sich mit der Zeit nur von ihm. Als ob die dünne Kruste eine leichte Decke über die schlimmen Erinnerungen legt, damit man sie nicht mehr jeden Tag jede Minute und Sekunde sehen muss. Jetzt erblickt man sie vielleicht nur noch jeden zweiten Tag, wenn irgendetwas Altbekanntes die dünne Decke beiseite schiebt.



Irgendwann dann ist die Kruste härter geworden. Man erinnert sich nur noch ab und zu an die Geschehnisse der Vergangenheit. Das gegenwärtige Leben hat einen wieder eingeholt und man ist abgelenkt. Aber der Schmerz, wenn man sich erinnert, ist der gleiche geblieben.



Und nach ganz langer Zeit ist die schützende Kruste dann abgefallen. Zurück bleibt eine Narbe. Und diese bleibt für länger. Vielleicht auch für immer. Die Wunde ist jetzt zwar verschlossen, nicht aber die Gedanken. Man erinnert sich trotzdem noch genau daran, was passiert ist. Und dieser Schmerz der Erinnerungen bleibt für immer. Außer er wird von anderen, schönen Erinnerungen verdeckt.



Aber wie es so schön heißt: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Man lernt mit der Zeit auch mit dem Schmerz zu leben. Und vielleicht ist das die Heilung der Zeit: Die Gewöhnung an den Schmerz.

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