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"Nicht schon wieder Banksy"

Text: markus-okur
Alain Bieber, 32, ist der Betreiber von rebel:art, ein Blog, das viele Leute als erste Anlaufstelle für politische Kunst betrachten und deshalb Fotos und Videos ihrer Projekte dorthin mailen. Kürzlich hat Alain das Buch Art & Agenda, Political Art and Activism herausgebracht. Wir haben ihn gefragt, was er sich dabei gedacht hat.









jetzt.de: Mein erster Reflex beim Betrachten der vielen Bilder: Lachen. Aus dem Kunstunterricht in der Schule ist mir politische Kunst irgendwie ganz anders in Erinnerung geblieben. Ist Protest heute witzig?

Alain: Ich denke, dass man in den jüngeren Generationen mehr durch den Spaß-Faktor erreichen kann, der aber trotzdem auch einen Hintersinn hat. Im Sinne: Ein Lachen, das im Halse stecken bleibt. Oder: Die Revolution, auf der nicht getanzt wird, ist nicht meine Revolution.

Dieses moralisierende Element in der Kunst ist eher Oldschool. Mir persönlich ist auch jede Spaßguerilla-Aktion lieber als eine Montagsdemonstration. Ich glaube, dass zu bestimmten Themen durch Humor und Lachen ein viel emotionalerer Zugang geschaffen werden kann. Sowas bringt einen dann doch noch viel eher zum Nachdenken.


jetzt.de: Ändert das auch etwas?

AlainEine Sache, die mir auch viele Künstler gesagt haben: Sie fühlen sich wie Hoffnaren, die sich über den König lustig machen können, aber wissen, dass sie den König nicht stürzen können. Wirklich revolutionär sind die Künstler also nicht, das wissen sie auch selber.

jetzt.de: Es ist in letzter Zeit oft die Rede gewesen von neuen Finanzierungsmodellen für Kultur, Stichwort: Micropayment, Crowdfunding und so weiter. Erst kürzlich hat der ChaosComputerClub die Kulturwertmark vorgestellt. Haben diese ökonomischen Modelle auch Potential für politsche Kunstprojekte?

Alain: Auf jeden Fall! Ich erinnere nur an den Fall der Voina-Group in Russland, für die Banksy Geld gespendt hat, damit diese aus der Haft entlassen werden. Das sind die mit der Penis-Brücke gegenüber vom russischen Geheimdienstbüro. Ich weiss zwar nicht, ob ein Projekt im Buch schon durch Crowdfunding realisiert wurde, aber das ist auf jeden Fall ein ganz großes Thema. Politische Kunst hat gerade in Ländern wie China oder Russland nochmal eine ganz andere Bedeutung als hier in Westeuropa.

jetzt.de: Wer wird Dein Buch lesen? Deine Blog-Leser?

Alain: Die hoffentlich auch. Ich glaube, dass man mit dem Buch auch eine völlig neue Zielgruppe erreichen könnte. Ich bin ja mit rebel:art viel von Jugendzentrum zu Jugendzentrum oder in alternative Kreise gezogen und die Leute dort fanden das alle ganz super und haben applaudiert. Noch viel interessanter hätte ich es aber mal gefunden einen Vortrag z.B. in der Deutschen Bank zu halten und diese Leute mit meiner Idee zu erreichen. Deshalb dieses Buch.

Art & Agenda: Political Art and Activism” (Gestalten Verlag, 24 x 30 cm, 288 pages, full color, hardcover, ISBN: 978-3-89955-342-0, 44 Euro)

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