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Was erlaube Rollingplanet?

Text: dermarcel
Manche Ausbrüche von Behinderten lassen mich den Glauben an die Menschen verlieren. So ein Artikel im Online-Magazin Rollingplanet, in dem es um Blindenhunde geht, die angeblich nicht in Taxis mitgenommen werden.

Solche Geschichten kursieren immer wieder mal und meistens ist leider auch etwas dran. Das ist natürlich schlimm genug, aber durchaus nicht die Regel. Ich bin öfter mit meinem Blindenhund in Taxis in ganz Deutschland gefahren und bei mir hat es nie Probleme gegeben. Nach der Darstellung bei RP könnte man glauben, sämtliche Taxifahrer seien Assoziale, die nichts besseres zu tun hätten als Blinde zu diskriminieren, aber einem Hundehasser ist es egal, ob ein Hund ein Blindenhund ist oder nicht. Was wirklich assozial ist ist diese Pauschalverurteilung einer Berufsgruppe. Man kann sich das Geschrei bei RP vorstellen, wenn jemand sagen würde, alle Gehörlosen seien doof, weil sie nicht sprechen können. Aber als Behinderter ist es wohl okay, Nicht-Behinderte zu beschimpfen oder Berufsverbot zu fordern, soviel zum Grundgesetz. Es gibt übrigens tatsächlich Menschen, die Angst vor Hunden haben, aber wahrscheinlich will RP für die auch Berufsverbot, das ist ja keine Behinderung.

Als Quelle dient übrigens die BILD-Zeitung, die ja seit Wallraff für ihre unvoreingenommene und nüchterene Berichterstattung bekannt ist. BILD ist ja auch eigentlich ein Anagramm von BLIND, wobei das N verloren gegangen ist, dass kann bei so viel Rechtschaffenheit mal passieren.

Wie der Rollingplanet Sehbehinderte diskriminiert

Aber vielleicht sollten sich die Macher mal an die eigene Nase fassen. Wie kann ein Magazin für Behinderte es sich erlauben, die Lösung eines visuellen Codes als Voraussetzung für einen Leserkommentar einzusetzen? Jedes Nichtbehindertenmagazin wäre mit einem Shitstorm überschüttet worden. Dabei gibt es zig barrierefreiere Lösungen etwa mit einem Audio-CAPTCHA als alternativen Lösungsweg. Das ist in meinen blinden Augen wirklich Diskriminierung. Ich werde mal Frau Lüders von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes darauf aufmerksam machen.

Gleichzeitig führt RP das Bild des hilflosen und wehrlosen Blinden weiter fort. In einem Leserkommentar heißt es doch glatt: "Ich finde es traurig dass in einem ANGEBLICH so aufgeklärten Land wie Deutschland, blinde Menschen (die wirklich schon “gestraft” sind mit der Tatsache nichts sehen zu können) ". Ah ja, Blindheit als Strafe, Es ist kein Wunder, dass die Blindenbewegung in den 80er Jahren stagniert, wenn sie nur damit beschäftigt ist, sich als Opfer zu stilisieren oder von anderen bemitleidet zu werden. Wenn da Leidmedien mal wach würde. Ich empfehle RP: Wenn ihr keine Ahnung von Blindheit habt solltet ihr vielleicht einfach mal die Klappe nicht so weit aufreißen, Dieter Nuhr lässt grüßen.

Und hier der Artikel, bildet euch ruhig selbst eine Meinung: http://rollingplanet.net/2013/04/21/hier-werden-sie-nicht-gefahren-sondern-diskriminiert-die-taxi-schande/#comment-2305

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