Aus der ehemaligen jetzt-Community: Du liest einen Nutzertext aus unserem Archiv.

Das Ende der Täuschung

Text: satinworship
„Warum siehst Du eine Enttäuschung denn als etwas Persönliches, gegen Dich gerichtetes an? Nimm sie doch als das, was sie ist: Als Ent-Täuschung, Ende der Täuschung, Findung der Wahrheit. Und ist es nicht Wahrheit, die wir suchen?

Ist es nicht Wahrheit, die uns in unserer persönlichen Entwicklung weiterbringt? Dann muss eine Enttäuschung doch etwas Gutes sein, oder?“



(Verfasser unbekannt)





Heute schrieb mir eine Freundin, meine beste und engste Freundin, dass sie von mir enttäuscht sei.

Enttäuscht, weil ich nicht reagierte wie erwartet, Zeichen nicht gesehen habe, nicht gewusst habe, was ich tun sollte. Und enttäuscht, weil sie ihr Vertrauen in mich gebrochen sah. Gebrochen, denn ich hatte ihr ein kleines Detail meines Lebens verschwiegen. Nicht im geringsten böswillig möchte ich anmerken.

Nun frage ich mich – ist sie enttäuscht, also traurig und wütend, weil ich als ihr bester Freund tatsächlich einen Fehler zuviel getan habe, oder ist das, was in ihr vorgeht eine Ent-Täuschung bezüglich meiner? Sollte es tatsächlich all die langen Jahre, die wir uns nun kennen gebraucht haben, damit sie hier und heute merkt und erkennt, was die Wahrheit ist? Denn die Wahrheit ist, dass ich nicht der bin, den sie in ihren Gedanken hat. Die Wahrheit ist, dass niemand jemals der ist, den andere in ihm sehen.

Die Wahrheit über dich selber und damit Dein Ich kannst nur Du selbst kennen und erkennen ... und wenn Du glücklich genug bist dies zu tun, steht noch immer die schier unermesslich schwere Aufgabe vor Dir, das Selbst, das Du nun kennst und erkannt hast auch zu akzeptieren und zu lieben. Ein elendig langer Weg, an dem viele verzweifeln und aufgeben. Ob sich das Ziel der Anstrengung lohnt wage ich bis heute nicht zu beurteilen, denn von vollständiger Kenntnis und Erkenntnis meiner Selbst bin ich Meilen entfernt. Wenn dies überhaupt möglich ist, denn ändern wir uns nicht auch ständig? Ich weiss nur, dass ich den kleinen Teil, den ich kenne, akzeptiere und sogar grösstenteils mag. Aber was fehlt ist das ganze Bild ...

Doch zurück zu meiner Geschichte, denn in dem Brief, der mir das Mass der Enttäuschung (oder Ent-Täuschung) offenbarte, fielen des weiteren grosse und schwerwiegende metaphern von zerbrochenen Brücken, ja wurde sogar davon gesprochen, dass es, unsere Beziehung zueinander, nie mehr so sein würde wie zuvor.

In beiden Fällen, dem der Enttäuschung und dem der Ent-Täuschung, wird es mir schwer fallen, dies zu akzeptieren. Denn wenn ich sie enttäuscht haben sollte, so ist dies an sich eine negative Grundlage für alles weitere und es heisst hoffen und bangen, dass sie mir vergeben wird.

Im Falle der Enthüllung eines kleinen Stückchens mehr Wahrheit über mich jedoch sehe ich etwasrecht positives.Denn ist es nicht so, dass sich jede fruchtbare Beziehung immer und immer wieder wandelt und dies auch muss? Führt nicht die Stagnation einer Beziehung zwangsläufig zu deren Ende? Und welchen direkteren Weg zum Wandel einer Beziehung kann es geben, als eine Ent-Täuschung? Als das Durchscheinen einer Wahrheit über den Anderen, die man bisher nicht kannte oder kennen wollte?

In beiden Fällen, und mit beiden Bedeutungen, sind Enttäuschungen schmerzhaft, denn was wir sehen wollen ist nie die Wahrheit über andere und uns selbst. Wir wollen bei dem Trugbild bleiben, bei er Täuschung, die wir, Du und Ich, Sie beide aus sich und dem Gegenüber errichtet haben. Denn dieses Bild ist immer bequemer als die Wahrheit. Wahrheit bewegt. Wahrheit führt zu Veränderung, und ja: auch Veränderung ist nie ohne Schmerz, ohne Unbequemlichkeit! Jedoch bedeuten Wahrheit, Veränderung und auch Schmerz Leben. Stagnation und die mit ihr einher gehende Bequemlichkeit jedoch – führen nur in den Abgrund.

Mehr lesen — Aktuelles aus der jetzt-Redaktion: