Nimmt sexuelle Gewalt auf Festivals zu?

Schlagzeilen aus Schweden lassen das vermuten. Wir haben nachgefragt, ob das stimmt.
Von Sophie Bamler

Eine weibliche Polizistin auf dem Zeltplatz des Bravalla-Festivals im schwedischen Norrkoping.

Foto: Izabelle Nordfjell/dpa

Festivals gelten als Orte der absoluten Freiheit. Man lebt in einer großen Gemeinschaft aus Gleichgesinnten, tanzt, trinkt, lässt sich gehen und entflieht so für ein paar Tage dem Alltag. Musik und Eskapismus sind Festivalbesuchern am wichtigsten, das wurde in dieser Studie sogar wissenschaftlich bewiesen. Es erscheint völlig abwegig, dass es an diesen geschützten Orten, fern der Alltagsrealität, Verbrechen geben könnte. Dass das ein Trugschluss ist, zeigen die Schlagzeilen aus Schweden: Auf mehreren Musikfestivals kam es zu sexuellen Übergriffen. Das jüngste Opfer ist gerade einmal zwölf Jahre alt.

Allein bei den Festivals Bravalla und Putte i Parken gab es insgesamt 47 Anzeigen wegen sexueller Belästigung. Fünf Frauen sollen vergewaltigt worden sein. Solche Schlagzeilen vermitteln das Gefühl, Frauen seien auf Festivals nicht mehr sicher. Aber ist das wirklich so? Oder trauen sich inzwischen einfach mehr Frauen, einen Übergriff anzuzeigen?

Anders als in Schweden gab es in Deutschland in den vergangenen Jahren kaum solche Schlagzeilen. Das könnte natürlich daran liegen, dass Festivalveranstalter solche negativen Themen lieber diskret behandeln. FKP Scorpio, der Veranstalter von Southside, Hurricane und vielen weiteren großen Festivals, gibt an, dass ihnen in den vergangenen Jahren nur wenige Fälle von sexueller Gewalt bekannt geworden seien. "Wir als Veranstalter sind erschüttert, betroffen und angewidert darüber, dass es Menschen gibt, die die einzigartige Atmosphäre unserer Festivals ausnutzen, um unentschuldbare Dinge zu tun und anderen Schaden zuzufügen", sagt Pressesprecherin Katja Wittenstein.

Festivals sind in der Kriminalstatistik noch ein dunkles Feld

Zwar werden Festivals nicht als separate Tatorte in der Kriminalstatistik aufgeführt, aber es gibt dort die Kategorie "Festplätze". Und die Zahl der sexuellen Straftaten auf Festplätzen ist seit Jahren konstant. Der Leiter der kriminologischen Forschungsgruppe Bayern, Johannes Luff, spricht deshalb bei Festivals von einem dunklen Feld. Trotzdem betont er: „Festivals sind keine Orte, auf die ich meine Tochter nicht gehen lassen würde". Dass es – im aktuellen Fall in Schweden –  scheinbar plötzlich viele Anzeigen auf einmal gibt, führt er darauf zurück, dass Frauen sich dank bestimmter Umstände eher trauen, zur Polizei zu gehen. Ereignisse wie die in der Silvesternacht am Kölner Bahnhof rütteln die Gesellschaft wach und zeigen: Frauen können sich erfolgreich wehren.

2015 wurden allein in Bayern 26 sexuelle Übergriffe auf Festplätzen registriert. Acht Mal liefen bei der Polizei Anzeigen wegen Vergewaltigungen ein. Hierbei handelt es sich aber nur um die registrierten Fälle. Die Dunkelziffer der tatsächlichen Übergriffe ist weitaus größer. Und nur, weil sich Frauen nun mehr trauen, zur Polizei zu gehen, heißt das nicht, dass das Problem gelöst wäre.

Christine Rudolf-Jilg vom AMYNA-Verein (Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch) bekam in den vergangenen Jahren mehrere Anfragen von deutschen Festivalbetreibern, die um Hilfe bei der Prävention sexueller Übergriffe baten. Dass tatsächlich ein Servicepoint auf einem Gelände eingerichtet wurde, ist der Geschäftsführerin des Instituts aber nicht bekannt. „Es wurden höchstens allgemeine Tipps zum Event veröffentlicht, die auch auf sexuelle Belästigung eingehen“, erklärt sie. Und dazu seien die Veranstalter gesetzlich verpflichtet. 

"Es gibt keinen definitiven Schutz vor sexuellen Übergriffen"

Rudolf-Jilg betont, man könne den Veranstaltern nicht vorwerfen, dass sie nichts gegen sexuelle Belästigung unternehmen würden. „Ich denke, die bekommen das oft gar nicht mit. Denn bisher wurden viele Fälle von den Betroffenen nicht gemeldet“, sagt sie. Das macht es für die Betreiber natürlich schwer. Auf den Festivals von FKP Scorpio können sich Betroffene an Mitarbeiter der Sicherheitsdienste, Ordner oder Sanitäter und natürlich an die Polizei wenden. "Die Anzeige eines Sexualdeliktes wird von der Polizei immer mit höchster Priorität behandelt", heißt es dort.

Damit die Veranstalter zusätzliche Sicherheitsangebote anbieten, müssten sie erst deren Relevanz erkennen, so Rudolf-Jilg. Vorfälle wie die in Schweden könnten ein Auslöser dafür sein, dass zukünftig auch auf deutschen Festivals Servicepoints für Opfer von Belästigung und Vergewaltigung bereitgestellt werden. 

Auf dem Oktoberfest gibt es bereits seit 2003 einen solchen Servicepunkt. Dieser wird von der Frauennotrufstelle, der Initiative für Münchner Mädchen (IMMA) und dem AMYNA-Verein betreut. Opfer sexueller Übergriffe finden dort Hilfe. 

Und wie können sich Frauen im Gedränge großer Events selbst schützen? Ratschläge von Experten sind vorhersehbar: Nicht allein umherziehen, stets das Handy dabei haben, keine Getränke von Fremden annehmen. Doch jeder Festivalbesucher weiß: So einfach ist das nicht. Meistens sind alle ziemlich betrunken und mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als sich Gedanken über eventuelle Übergriffe zu machen. Kristina Gottlöber von der IMMA ist dieses Problem bewusst. „Es gibt keinen definitiven Schutz“, sagt sie. „Wir wollen auch nicht nur Tipps geben, die Frauen einschränken.“ 

Stattdessen müsse an die Zivilcourage eines jeden Festivalbesuchers appelliert werden, im Ernstfall zu helfen. Ganz nach dem Motto: „If you see something, say something“. In der Menge klatscht schnell mal eine Hand auf den Hintern oder fährt ganz aus Versehen über die Brüste. „Mach dich mal locker“, heißt es dann oft nur, wenn man den Fummler zur Rede stellt. Niemand will es gewesen sein oder etwas gesehen haben. 

"Grapscher müssen laut und deutlich zur Rede gestellt werden"

Trotzdem rät Kristina Gottlöber dazu, sich zu wehren: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die sich wehren, danach in Ruhe gelassen werden“, sagt sie. Wer ungewollt angefasst wird, sollte den Grapscher sofort laut und deutlich zur Rede stellen. Am besten bittet man Umstehende um Hilfe. „Das ist nicht peinlich, sondern das einzig Richtige in dieser Situation“, sagt Gottlöber. Wer selbstbewusst auftritt, wird seltener Opfer sexueller Belästigung. „Die Täter suchen gezielt nach orientierungslosen, schwachen Frauen“, so die Sozialpädagogin. 

Die Vorfälle in Schweden beweisen: Festivals wirken zwar wie Orte der bedingungsloser Freiheit. Doch diese Freiheit gründet sich nicht nur auf Musik, Tanz und Liebe, sondern eben auch auf gewissen Regeln. Denn Freiheit bedeutet unter anderem, selbst über seinen Körper bestimmen zu dürfen. Für das Missachten dieser Maxime gibt es keine Entschuldigung. Das sieht auch die britische Folk-Rock-Band Mumford and Sons so: Sie wird das Bravalla Festival in Schweden so lange boykottieren, bis Polizei und Veranstalter bestätigen, dass sie in Zukunft verstärkt gegen sexuelle Gewalt auf dem Gelände vorgehen.

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