„Depressionen sind eine Krankheit“

In unserer neuen Kolumne erzählen uns Menschen, was sie gern früher gewusst hätten – und wie diese Erkenntnis ihr Leben verändert hat.
Protokoll von Niko Kappel
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Illustration: FDE

Manche Dinge weiß man erst, wenn man sie selbst erlebt hat. Und dann ärgert man sich, dass man das nicht früher wusste. In dieser Kolumne erzählen Menschen davon, was sie im Leben gelernt haben - und hoffen, dass unsere Leser*innen daraus lernen und nicht die gleichen Erfahrungen machen müssen. Du hättest auch gerne etwas früher gewusst? Schreib uns gerne deine Geschichte an info@jetzt.de oder via Facebook oder Instagram.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text thematisiert Depressionen, Suizidgedanken und selbstverletztes Verhalten.  Wenn Du selbst davon betroffen bist, kontaktiere bitte umghend die Telefonseelsorge oder U25. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 gibt es Hilfe von Berater*innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Wenn dich diese Themen triggern, lies ab hier bitte nicht mehr weiter.

„Dass mit mir etwas nicht stimmt, merkte ich wohl zum ersten Mal im Alter von zwölf Jahren. Nichts machte mir Freude, alles setzte mich unter Druck. Die Schule, die Fußballmannschaft, die Familie, meine Freunde. Ich hatte gute Noten, wollte aber noch besser sein, ich wollte im Tor meiner Mannschaft unbedingt die Nummer eins sein und hatte brutale Ansprüche an mich selbst, was meine Rolle als Sohn und als Freund anging. Ich war ständig todtraurig und dann wieder total fröhlich. Am Anfang dachte ich, dass das wohl die Pubertät sein muss. Heute weiß ich, dass ich eine Depression hatte.

Mit 13 fing ich an, mich zu ritzen. Später, in der Therapie, wurde mir das, was damals mit mir passierte, mit dem Beispiel eines überhitzten Computers erklärt. Der Kühler des Prozessors funktioniert nicht mehr, er überhitzt und beginnt zu brennen. So ging es mir. Ich konnte Eindrücke einfach nicht mehr verarbeiten. Der Schmerz durch die Selbstverletzung lenkte mich von diesem Gefühlschaos ab. Meine Eltern bekamen mit, dass ich mich selbst verletzte. Sie wussten nicht, was sie tun sollten, also gingen sie mit mir erst zum Hausarzt und dann zum Psychiater. Der meinte sofort, ich müsse in eine Klinik.

Ich wurde nach 14 Tagen, zwei Tage vor meiner Konfirmation, wieder entlassen. Es ging darum – um bei dem Bild des Computers zu bleiben – den Prozessor wieder auskühlen zu lassen. Danach startete ich eine ambulante Therapie. Zwei Mal die Woche. Nicht einmal zwei Monate später kam ich wieder in die stationäre Klinik, weil ich akut suizidal war. Ich hatte mich stark verletzt und viele Tabletten geschluckt. Im Nachhinein glaube ich, dass das auch einfach ein Hilferuf war. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich mich wirklich umbringen wollte. Ich war anschließend acht Monate in der geschlossenen Anstalt.

Ich wollte nicht, dass mir die Depression schon wieder ein halbes Jahr meines Lebens raubt

Nach diesem Aufenthalt ging es mir besser. Ich machte mein Abitur, war sogar danach einige Zeit im Ausland und fing dann an, zu studieren. Im zweiten Semester war ich ein drittes Mal in einer Klinik. Depressionen kommen immer in Wellen und zu diesem Zeitpunkt warfen die Wellen mich wieder komplett um. In der Klinik sagte man mir, dass ich wohl wieder mit einem halben Jahr in der Psychiatrie rechnen müsse. Das war für mich ein Wendepunkt. So konnte es nicht weitergehen. Ich wollte nicht, dass mir die Depression schon wieder ein halbes Jahr meines Lebens raubt. Nach der Klinik suchte ich mir eine neue Therapeutin. In einer der ersten Therapiestunden sagte sie den Satz, der mein Leben veränderte.

Bis dahin hatte ich sechs Jahre lang immer nur tiefenpsychologische Therapiesitzungen. Das heißt, dass der Patient Monologe hält und der Psychologe zuhört. Jetzt hatte ich zum ersten Mal eine Verhaltenstherapie-Sitzung. Die Psychologin fing an, mit mir zu sprechen. Ich fragte sie an diesem Nachmittag einfach irgendwann: „Bin ich krank?“ Ich kann es mir heute nicht erklären, aber ich hatte diese Frage nie zuvor gestellt. Die Psychologin schaute mich nur an und sagte: „Na klar bist du krank. Depressionen sind eine Krankheit. Das ist nichts, für das du etwas kannst oder mit dem du einfach aufhören kannst.“ Das hatte mir in sechs Jahren Therapie noch nie jemand gesagt.

Das ist eine Krankheit und ein kranker Mensch braucht Hilfe, um durchs Leben zu kommen

Wenn jemand wegen einer Krankheit einen Fuß abgenommen bekommt, dann weiß jeder, warum dieser Mensch im Leben eingeschränkt ist. Jeder hat Verständnis dafür, dass diese Person nicht laufen kann und als Hilfe einen Gehstock braucht. So ähnlich ist es mit Depressionen. Das ist eine Krankheit und ein kranker Mensch braucht Hilfe, um durchs Leben zu kommen. Nur, dass die Depression im Gegensatz zum fehlenden Fuß keiner sieht. Und deshalb verstehen wenige Menschen, dass es depressiven Menschen schlecht geht. Das Leiden passiert im Kopf.

Aus diesem Grund müssen mehr Menschen diesen Satz und seinen Inhalt verinnerlichen: Depressionen sind eine Krankheit. Nur so können depressive Menschen mehr Verständnis und dadurch auch mehr Hilfe bekommen. Seitdem ich meine Diagnose kenne, weiß auch mein Umfeld, dass ich depressiv bin und geht besser damit um. Außerdem nehme ich Antidepressiva. 

Ich wurde von meiner Psychologin zu einem Psychiater geschickt. Psychiater medikamentieren Patienten, Psychologen verschreiben keine Medikamente. Dieser Psychiater sagte mir, dass ich für meine Krankheit eine Stütze bräuchte. Der Mensch ohne Fuß braucht einen Gehstock. Ich brauche Medikamente. So habe ich eine faire Chance im Leben und werde nicht ständig durch die Krankheit zurückgeworfen. Für mich war wichtig zu erkennen: Ich brauche Hilfe und ich kann nichts dafür. Ich versuchte es sechs Jahre ohne Medikamente. Ich musste mir irgendwann eingestehen, dass ich es nicht aus eigener Kraft schaffen kann. Hätte ich mir früher klargemacht, dass Depressionen eine Krankheit sind, dann wäre das sicher schneller gegangen.“

Der Protagonist dieses Textes hat darum gebeten, anonym zu bleiben. Er hat Angst, dass er als sich depressiv geouteter Mensch nach dem Studium keinen Job findet. Sein Name ist der Redaktion bekannt.

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