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Wir sind alle Nachmacher

Warum wir viel mehr kopieren als selbst erfinden, erklärt der Kultursoziologe Robert Seyfert.
Interview von Jana Gäng
  • Nachahmen
    Collage Jessy Asmus

 Eigentlich könnte alles so schön sein: Die Instagram-Nutzer bekommen eine Funktion, die sie bei Snapchat geliebt haben. Und die Welt (fast) all die weisen Worte aus einer Rede von Michelle Obama  nochmal von Melania Trump zu hören. Nur: Gefreut hat sich über die Nachahmereien keiner. Kultursoziologe Robert Seyfert  von der Europa-Universität Viadrina erklärt, warum eigentlich nicht und weshalb wir trotzdem dauernd andere nachmachen. 

jetzt: Herr Seyfert, warum nerven uns Nachmacher so?

Robert Seyfert: Nachmachen an sich ist eigentlich gar nicht so verpönt, wie wir glauben. Gerade bei Technologien fällt ja auf, dass die eigentlich sehr ähnlich sind, also voneinander kopiert. Das zeigt sich bei Smartphones, die mittlerweile alle recht ähnlich aussehen. Es braucht Experten und Warentests, die uns erklären, warum das eine nicht gleich dem anderen ist. Da stört die Nachahmung nur wenige. Es gibt aber Formen des Nachmachens, die nicht akzeptiert werden. Das sind zum Beispiel Urheberrechtsverletzungen oder Plagiate – wenn etwa Melania Trump eine Rede von Michelle Obama abschreibt. Andererseits gibt es auch Kulturen des Nachahmens, wo Nachmachen völlig offensichtlich und gewollt ist.

 

Zum Beispiel?

Jede Art von Perfektionismus. Denken Sie an den japanischen Sushi-Chef. Der erfindet ja auch die Sushi-Rolle nicht jedes Mal neu. Die Genialität des Sushi-Chefs besteht darin, dass er dasselbe immer wieder nachmacht und es dadurch auf eine Perfektionsebene bringt, die vor ihm noch niemand erreicht hat. Das ist eine ganz andere Vorstellung von  Nachmachen. Da gibt es auch keinen Zwang, anders zu sein.

 Wo liegt dann die Grenze zwischen dem Nachmachen, das noch in Ordnung ist und dem, das nervt?

Etwas Nachgemachtes ist so lange in Ordnung, so lange es aus verschiedenen nachgemachten Elementen zusammengebaut ist. Facebook-Profilbilder bestehen zum Beispiel aus unendlich vielen Elementen von Nachahmungsposen: Duckface, Selfie, Lachen und Daumen hoch. Da scheint es offensichtlich völlig in Ordnung zu sein, dass alle Dasselbe machen. Je näher ich aber einer vollständigen Nachahmung komme, desto problematischer wird die Sache. Stellen Sie sich vor, Ihre Nachbarin würde morgen nicht nur mit den gleichen Turnschuhen rumlaufen, sondern Ihre Kleidung komplett übernehmen. Das würden Sie wahrscheinlich als problematisch empfinden. So ähnlich war das bei Instagram. Instagram hat mit der Einführung von Fotos und Videos, die automatisch wieder gelöscht werden, quasi die gesamte Identität von Snapchat gestohlen. Snapchat definiert sich ja letztlich nur darüber, vergängliche Bilder und Videos erfunden zu haben. Das gilt auch für Frau Trump: Hätte sie die fraglichen Stellen von Michelle Obamas Rede nur ein bisschen umgeschrieben, wäre das wahrscheinlich gar nicht aufgefallen – letztlich sind solche Reden ja auch alle ähnlich. 

 

Wie viel von dem, was wir jeden Tag denken, tun und sagen, ist nachgemacht?

Der größte Teil unserer Identität und unseres Verhaltens ist reine Nachahmung. Die Art und Weise wie Leute reden, wie sie sich kleiden, ihre Gestik – das sind alles Nachahmungsgesten. Es gibt also kaum etwas, was nicht irgendwie nachgemacht ist. Die Momente, in denen etwas Neues ins Spiel kommt, sind die Ausnahme. Entscheidend für eine eigene Identität und Individualität ist aber auch nicht, dass man etwas Eigenes erfunden hat, sondern, dass man eine einzigartige Mischung der Dinge findet, die man nachmacht. 

 

Warum fühlen wir uns dann alle so individuell, wenn wir doch nur Nachmacher sind?

Wir machen meist unbewusst nach. Es fällt uns weniger auf, wenn wir andere nachahmen, als umgekehrt. Deshalb ist es natürlich auch ein größerer Skandal, wenn jemand den eigenen Stil kopiert oder bei einem abschreibt. Außerdem gibt es da ein Paradox:  Einerseits ist fast alles nachgemacht, andererseits muss es zugleich irgendwie anders sein. Fast alle tragen gerade Turnschuhe oder Bärte, aber man versucht, sich durch Details abzugrenzen. 

 

Warum machen wir überhaupt dauernd nach, statt zu versuchen, es selbst besser zu machen?

Weil es wahrscheinlich viel zu schwierig wäre, ständig etwas Neues zu erfinden. Nachmachen ist auch entlastend. Wenn ich jedes Mal eine neue Form der Bewegung oder der Gestik erfinden müsste, dann wäre das Leben sehr anstrengend. Indem ich es genau so mache wie andere, kann ich extrem viel Zeit und Energie sparen.

 

Also sind wir nur zu faul, um individuell zu sein?

Natürlich kann auch Faulheit ein Grund für Nachahmung sein. Das wird vor allem bei Plagiaten eine Rolle spielen. Dann muss ich mir eben selbst nicht groß Gedanken machen, wie ich eine Rede schreibe. Soziologisch ist aber eher die umgekehrte Frage interessant: Wenn es eigentlich offensichtlich ist, dass das soziale Leben aus gegenseitigem Nachmachen besteht, warum gibt es dann diesen Distinktionszwang? Warum müssen wir den Eindruck haben, dass wir relativ einzigartig sind, wo es doch so offensichtlich ist, dass wir es eigentlich nicht sind?

 

Und, warum ist das so?

Der Druck, anders zu sein, ging mit der Entstehung der modernen Gesellschaft, von Großstädten und der Individualisierung einher. Distinktionszwang kam Anfang des 20. Jahrhunderts auf. In vormodernen Gesellschaften hatten Identität und die eigene Rolle weitestgehend festgestanden: Wen und wann ich heirate, welchen Beruf ich ausübe und was ich aus meinem Leben mache, war festgelegt. Da gab es auch keinen Zwang, anders zu sein. Jetzt gibt es viel mehr Möglichkeiten, was wir tun und sein können, wir werden immer freier. Gleichzeitig wächst aber auch die eigene Abhängigkeit von der Gesellschaft. Gegen diese Zumutungen der Gesellschaft wehren wir uns, indem wir versuchen, die eigene Individualität innerhalb einer relativ starken Gleichförmigkeit zu retten. 

 

Dann waren auch extreme Formen des Nachmachens nicht immer schon so unbeliebt?

Das kann man schon so sagen. Es braucht eine Vorstellung von Eigentum und von Individualität, an die auch bestimmte Rechte gebunden sind. Also zum Beispiel das Recht von Michelle Obama als Urheberin an der Rede. Obwohl ihre Rede natürlich auch nicht furchtbar originell war und sie nichts gesagt hat, was nicht schon mal vorher gesagt worden war, letztlich also auch kopiert hat. Diese Idee aber, dass das, was ich aufschreibe oder erfunden habe, auch mir gehört, ist relativ jung. Erst ab diesem Punkt in der Geschichte kann man das Phänomen feststellen, dass sich Menschen über Nachmacher beklagen. 

 

Welchen Stellenwert hat Nachmachen für die Menschen insgesamt, wenn das Phänomen eine so zentrale Rolle im Alltag spielt?

Es gibt ja Anthropologen, die sagen, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier darin liegt, dass wir Nachmachen institutionalisiert haben. Auch Tiere ahmen nach, aber wir haben Bildungsinstitutionen, in denen wir gezielt lernen, bereits Erfundenes nachzumachen. Dagegen müssen Tiere alles jedes Mal wieder neu lernen. Man kann einem Affen beibringen, die Tür zu öffnen oder einem Papagei zu sprechen, aber sie sind nicht in der Lage, diese Fähigkeit an die nächste Generation weiterzugeben. Menschen müssen nicht jede Erfindung wieder von vorn machen. Das gibt überhaupt erst Raum für neue Entdeckungen. Insofern ist Nachmachen nicht nur entlastend, sondern hat eine große Lernfunktion, auch heute noch. 

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