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"Gehorsam gehört nicht zu meinen Tugenden"

Heiner Geißler ist gestorben. Wir haben im Frühjahr mit ihm darüber gesprochen, was wir tun sollten, um die Zukunft nicht "den Glatzen" zu überlassen.
Interview von Charlotte Haunhorst
  • cover geissler dpa hannibal hanschke
    Foto: Hannibal Hanschke/dpa

Heiner Geißler, 87, war zwölf Jahre CDU-Generalsekretär und von 1982 bis 1985 Jugend-, Familien- und Gesundheitsminister. Später schwenkte er nach links und trat Attac bei. Danach war er mehrfach als Schlichter tätig, in Tarifkon­flikten und bei Stuttgart 21.

jetzt: Herr Geißler, was können die ­Jungen von den Alten lernen?

Heiner Geißler: Dass man sich das ganze Leben an Grundsätze halten muss. Dazu gehört, Sport zu treiben.

Sport? Ich hätte von Ihnen eine große Grundsatzrede über Moral erwartet.

Sport ist eine wichtige Voraus­setzung, damit man in kritischen Situationen fit bleibt. Ich selbst bin mein Leben lang geklettert und auf Berge gestiegen. Das hat mir geholfen, in der Politik auch in nervenzerfetzenden Situationen ruhig zu bleiben. Natürlich kann auch ich mich aufregen. Zum Beispiel über offensichtliches Unrecht, wenn Menschen gegenüber Flüchtlingen rassistisch sind oder zum Beispiel Afrika von internationalen Konzernen ausgebeutet wird. Aber das strengt an, und da ist es von Vorteil, gesund zu sein. Außerdem wird man mit Sport älter, als wenn man das ganze Leben vergammelt und sich von Schweinebauch und Burger ernährt.

 

Was können wir von den Alten über gute Arbeit lernen?

Man muss seinen Beruf beherrschen, sich eine gute Bildung aneignen, um mitreden zu können. Wissen ist Macht und schafft Überlegenheit. Das hat nichts mit Angeberei zu tun, es macht einfach vieles leichter im Leben. Und man darf sich geistig nicht einsperren lassen. Ich selbst habe mich da in der Politik immer als Grenzgänger empfunden.

Andere würden eher sagen, Sie waren ein Querulant.

Ich war immer gegen Nationalismus und rechtsradikale Gesinnung. Meine erste Loyalität galt immer der Bevölkerung, also auch den Ausländern. Dann den Grundsätzen, mit denen ich ­angetreten war: Menschenrechte, Solidarität gegenüber Schwächeren. Erst danach kam die Loyalität zu Personen. Gehorsam gehört nicht zu meinen Tugenden. Um sich das als Politiker leisten zu können, braucht man allerdings einen richtigen Beruf, in den man zurückkehren kann.

 

Warum das?

Nur dann bleibt man unabhängig. Das Problem heute ist, dass zu viele ohne Berufsabschluss in die Politik streben. Ich sehe das ja in der Jungen Union: ehrgeizige Typen, die nur „was werden“ wollen. Yuppies ohne ethisches Fundament. Dabei ist das für eine Demokratie das Allerwichtigste: ein ethisches Fundament.

 

Gibt es noch etwas, das Sie an jungen Leuten kritisieren?

Mir fehlen der Protest gegen die Diktatur der Finanzmärkte und die Entschlossenheit zum politischen Engagement. Für Musik finden Massenveranstaltungen statt. Das finde ich zwar gut, aber der Einsatz für die Demokratie ist genauso wichtig.

 

Aber gegen Ungerechtigkeit gehen wir doch auf die Straße. Zum Beispiel für Flüchtlinge.

Das stimmt, und das hat auch die ganze Welt bewundert. Aber die jungen Leute engagieren sich nicht mehr in der Parteipolitik. Ohne politische Parteien gibt es aber keine Demokratie. Und man kann in der Zivilgesellschaft mitmachen. Ich selbst bin ­Attac-Mitglied. Man darf die Zukunft doch nicht den Glatzen überlassen!

 

Sie haben bei Stuttgart 21 als Streitschlichter agiert – was haben Sie aus dieser Zeit übers Streiten gelernt?

Ich habe dabei angewandt, was ich schon vorher im Leben gelernt habe: gute Sprache mit guten Argumenten. Man streitet ja heute nicht mehr mit Faustkeil und Pistole, sondern – so sollte es wenigstens sein – mit den Waffen des Geistes. Bei ethischen Grundsätzen gibt es keine Kompromisse. Bei der Menschenwürde zum Beispiel, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion.

 

Und wo sollte man Kompromisse machen?

Bei nicht grundsätzlichen Fragen. Beim Arbeitsplatz, in Unternehmen. Und das Privatleben besteht natürlich fast nur aus Kompromissen. Da muss man sich immer in den anderen ­hineindenken. Das können junge Leute lernen: nicht als Egoist durchs Leben gehen, solidarisch sein. Dabei auch das eigene Fortkommen im Blick zu haben, ist natürlich in Maßen in Ordnung – es kann ja nicht jeder Franziskanerpater werden.

 

Sie haben sich ja zumindest als Jesuitenpater versucht…

Ja, aber ich kann nicht ohne Frauen leben. Als ich dann gemerkt habe, dass es nicht geht mit der Keuschheit und dem Gehorsam, habe ich mich für die Politik entschieden.

 

Inwiefern sind christliche Werte für Sie ein Kompass im Leben?

Was die Existenz Gottes angeht, habe ich meine Zweifel. Das ist aber nicht schlimm. Man kann sich trotzdem an Jesus orien­tieren. Er war die Glaubwürdigkeit in Person, hatte glänzende Ideen wie die Nächstenliebe. Aber Jesus hatte auch ständig Streit. Darin war er immer ein Ideal für mich: unabhängig, freimütig, selbstbewusst und furchtlos. Jesus war eine ideale Type. Wer sich im Leben an Jesus orientiert, liegt absolut richtig.

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