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Blockern für Burma: Wie zwei Bayreuther ein Zeichen gegen die Gewalt setzen wollen

Heute kann Philipp immerhin mal durchatmen.
florian-zinnecker

Heute kann Philipp immerhin mal durchatmen. „Die krasse Phase haben wir, glaube ich, hinter uns“, sagt er. Abschalten geht zwar noch lange nicht. Aber daran denken, auch vielleicht mal wieder was anderes zu tun – das geht. Immerhin. Nach fünftägigem Rotieren. Auch wenn ein Ende des Ausnahmezustands nicht wirklich in Sicht ist. Zusammen mit seinem Kumpel und Kollegen Christian Hahn (24) betreut Philipp Hausser (22) die Internetseite der Aktion „Free Burma“. Seit Sonntag. Mehr als drei Stunden Schlaf pro Nacht haben die beiden seither selten abgekriegt. „Was damit auf uns zugekommen ist“, sagt Philipp, „damit hätten wir nie gerechnet. Nie.“ Philipp führt eine kleine Firma für Grafik und Webdesign in Bayreuth. Außerdem studiert er Jura. Christian studiert Physik. Doch mit der Firma hat dieser Auftrag nichts zu tun – weshalb auch „Auftrag“ als Begriff nicht recht passt. Projekt trifft die Sache schon eher, noch besser passt Mission. Philipp drückt es anders aus: „Es ist unglaublich“, sagt er. Ob er auch zugesagt hätte, hätte er von den Dimensionen des Projekts gewusst, das sagt er nicht.

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Vermutlich hätte er es auch dann gemacht. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, eine Woche nachdem er dem Auslöser der Solidaritätswelle von „Free Burma“ anbot, sich um den Internetauftritt zu kümmern. Die Aktion ist eine Reaktion europäischer Blogger auf die jüngsten Ereignisse im südostasiatischen Burma, erklärt Philipp auf free-burma.org. Die in Burma herrschende Militärregierung hat in der zweiten Septemberhälfte die friedlichen Proteste buddhistischer Mönche mit Gewalt niedergeschlagen. „In den Nachrichten war diese Sache für ein paar Tage sehr hoch gehängt“, sagt Philipp. „Dann aber ließ die Regierung in Burma das Internet lahmlegen und verhängte eine Nachrichtensperre.“ Weil aus Burma so keine Neuigkeiten dringen konnten, wandten sich die Berichterstatter ab. Weshalb „Free Burma“ auf den Plan trat. Quasi über Nacht, sagt Philipp. Die Idee dazu, so Philipps Pressetext, ist erst vor wenigen Tagen entstanden: Der in der Bloggerszene namhafte Autor Robert Basic griff eine italienische Initiative zu Solidarität mit Birma auf und schrieb darüber in seinem Blog. Andere Blogger lasen davon, schrieben selbst – und so erreichte „Free Burma“ Österreich, die Schweiz, Spanien, Polen, die USA, Frankreich, England, Australien und Neuseeland. Und nicht zuletzt Bayreuth – wo Philipp und Christian leben. Ziel von „Free Burma“ sei es, dass sich die Öffentlichkeit in Europa weiterhin für das Land in Südostasien interessiert. Daneben wolle man aus Europa Solidarität bekunden. „Denn dass wir, indem wir hier sitzen, die Gewalt beenden oder die Regierung absetzen können“, sagt Philipp, „das brauchen wir natürlich erst gar nicht zu hoffen. Das ist völlig unmöglich. “ Möglich dagegen ist es, ein Zeichen gegen die Gewalt setzen. Im Falle von „Free Burma“ ist jenes Zeichen ein weinrotes Quadrat, auf dessen Oberkante in dicken Lettern der Name der Aktion prangt. „Der 4. Oktober“, sagt Philipp, „wurde zum Free-Burma-Aktionstag ausgerufen.“ Tausende namhafte Blogger und Online-Magazine stellten da als einzige Meldung das Free-Burma-Logo auf ihre Seite. Andere, die dies nicht taten, berichteten: unter anderem Radio Netherlands Worldwide, Wired.com, die spanische Zeitung El Mundo und das dänische Blatt Politiken.

Philipp Hausser Foto: privat Derjenige, der sich um die Pressearbeit kümmerte, der Anrufe entgegennahm, Interviews gab, PR-Texte schrieb und dafür sorgte, dass „Free Burma“ auch genug beachtet wird, derjenige war: Philipp. „Christian kümmert sich um alles Technische“, sagt er, „und ich organisiere und mache den Rest.“ Seit Sonntag. Tag und Nacht. Was Wirkung zeigte: Am 3. Oktober, vier Tage nach dem Launch der Internetpräsenz, zählte Philipp bereits 30 000 Besucher, Tendenz steigend. So steil steigend, dass er zwei Tage später am Telefon verkünden konnte, heute seien allein am Vormittag 20 000 Besucher da gewesen. Auf einer Online-Unterschriftenliste haben inzwischen weit über 10 000 Menschen unterzeichnet. „Der Wahnsinn“, sagt Philipp nur. „Die Aktion ist ja beileibe nicht die größte. Wenn man aber bedenkt, dass wir dezentral organisiert sind und im Grunde nur von Mund-zu-Mund-Propaganda leben – dann sind unsere Besucherzahlen unglaublich.“ Dass „Free Burma“ nicht profitorientiert sei, verstehe sich von selbst, sagt Philipp: Die wenigen Kosten, etwa für den Server, tragen die Beteiligten, in diesem Fall er, selbst. Und die Arbeitsstunden, die investiert werden, „die lassen sich nicht aufwiegen“. Seit Sonntag leben die beiden Freunde in einem einfachen Rhythmus: Telefonieren, tippen, Interviews geben, koordinieren, drei Stunden schlafen – sonst geht nichts. „Uns kommt zu Gute, dass die Uni noch nicht angefangen hat“, sagt Philipp. Und was, wenn sie anfängt? „Es ist nicht Sinn der Sache, die Seite von heute auf morgen offline zu stellen. Die soll stehen bleiben.“ Als ein virtueller Gedenkstein. Was nach und nach verschwindet, sind die Angelegenheiten, die koordiniert und aktualisiert sein wollen, die Presseanfragen, sprich: der Aufwand. „Den Gipfelpunkt hatten wir natürlich rund um den Aktionstag“, sagt Philipp. „Jetzt haben wir die krasse Phase, glaube ich, hinter uns.“ Ein paar Tage noch, dann kann sich Philipp wieder auf anderes konzentrieren als auf Radiointerviews mit holländischen Rundfunksendern. Heute kann er immerhin mal durchatmen.

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