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Ferienjobber in der Fleischfabrik

Menschen mit Nebenjob kennen die besseren Geschichten. Hier erzählt Kurt, warum das Wort Fleischeslust für ihn einen üblen Beigeschmack hat.
daniel-schieferdecker

Meinen ersten Nebenjob habe ich damals als Schüler gehabt. Ich muss etwa 16 Jahre alt gewesen sein und habe mich nach möglichen Arbeiten umgehört. Der Vater eines Freundes arbeitete zu der Zeit in einer Fleischfabrik, erfuhr von meiner Suche nach einem Ferienjob und brachte mich dort für die kompletten sechs Wochen unter. Die Bezahlung war gut, und da ich auf ein teures Fahrrad sparen wollte, kam mir das Angebot gerade recht. Ich habe immer schon gerne Fleisch und Wurst gegessen, hatte mir, wie so viele andere Menschen auch, bis dato aber noch nie großartige Gedanken darüber gemacht, welchen Weg der Aufschnitt erst einmal gehen muss, bis er im Supermarktregal und letztlich auf dem Wurstbrot landet. Das sollte sich schlagartig ändern.

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An meinem ersten Tag bekam ich, nachdem ich mit Schutzhelm, Gummiweste gegen Fettspritzer und Stiefel zum Waten in Wasser, Blut und Fleischabfällen ausgestattet worden war, zunächst eine Einweisung. Es war trotz der Hitze draußen nicht nur kalt bei der Arbeit, sondern es stank auch bestialisch – und wer schon mal Schweine vor der Schlachtung quieken gehört hat, der weiß, dass man in der Nacht drauf schlecht schläft. Später bemerkte ich zudem Ungeziefer in den Räumlichkeiten, und das war nicht nur unangenehm, sondern auch zutiefst unhygienisch. Mein Job bestand vor allem darin, an der Pressmaschine zu stehen. An dieser Pressmaschine wurden oben große Fleischhälften reingeworfen, aus denen unter Druck Schinken gemacht wurde.

Ich musste stundenlang am Ende dieser Maschine stehen, eine zwei Meter lange Pelle in der Hand halten und vor eine Öffnung halten, in die der Schinken hineingeschossen wurde – und das meine ich wortwörtlich. Denn der Schinken kam immer mit ziemlicher Wucht da raus, der man erst einmal standhalten musste. Diese Arbeit war zwar stupide, aber körperlich wahnsinnig anstrengend. Manchmal haben wir uns provisorisch Zielscheiben gebaut, einige Meter entfernt von der Maschine aufgestellt und versucht, mit den Schinkenstücken genau in die Mitte zu treffen.

Eklig wurde es jedoch, als ich einmal mit einem festangestellten Kollegen an einer Maschine stand, in der aus Fleisch feine Wurstmasse gemacht wurde. Auf einer Ablage lag eine Reinigungsbürste aus Holz, die dort offensichtlich jemand vergessen hatte, und die unter dem Beben der laufenden Maschine plötzlich mit im Fleischbottich landete – inmitten der Unmengen an Fleisch, das nun nicht mehr verkauft werden konnte. Das dachte ich zumindest. Denn als ich den Kollegen darauf ansprach, meinte der nur: „Wegen der blöden Bürste können wir doch nicht das ganze gute Fleisch wegschmeißen. Was meinst du, was uns schon alles in den Bottich gefallen ist. Das wird da drin aber so klein gehäckselt, das merkt am Ende kein Mensch.“ Da ist mir wirklich kurz schlecht geworden. Durchgehalten habe ich den Job trotzdem und mir einige Wochen später, mit einem kleinen Zuschuss meiner Eltern, das ersehnte Fahrrad gekauft. Dass ich zudem Vegetarier geworden bin, versteht sich von selbst – zusammen übrigens mit meinem Kumpel, dessen Vater mir den Job in der Fleischfabrik besorgt hatte.

Text: daniel-schieferdecker - Illustration: Katharina Bitzl

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