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Eine Kiste voller Gaben

Es gibt viele Ideen in der Hauptstadt. Eine davon: eine Box, bis an den Rand gefüllt mit Geschenken.
julia-siedelhofer

Es gibt ein paar feste Daten für Geschenke: Geburtstag, Weihnachten und dann Gelegenheiten wie Konfirmation oder Abitur. Aber einfach mal so etwas geschenkt bekommen, und dann auch noch von fremden Menschen, das passiert so gut wie nie. Das ist eigentlich schade – und mancherorts seit kurzem auch Vergangenheit. Zum Beispiel in der Falckensteinstraße in Berlin Kreuzberg. Vera Thomas wohnt dort und ging vergangenen Samstag nach Hause, als sie neben dem kleinen Bolzplatz auf dem Gehweg eine hölzerne Box entdeckte. Sie ist etwas größer als eine Telefonzelle, auf dem obersten Querbalken steht in rosafarbener Schrift „Givebox“ und darunter „Sharing is Caring“. Steht man direkt davor, sieht die Givebox aus wie ein hübscher Puppenladen. Man kann gerade eben darin stehen, ohne sich den Kopf am durchsichtigen Wellblechdach zu stoßen. In den Regalen fand Vera Bücher, Kerzenständer, Klamotten und Spielzeug, alles zum Mitnehmen, ganz umsonst.  

Das Prinzip der Box ist einfach: Was man nicht mehr braucht, bringt man in die Givebox und macht anderen Menschen damit eine Freude. Seit Samstag ist Vera jeden Tag an der Geschenkequelle vorbeigekommen, hat Dinge gebracht und mitgenommen. Das erste, was sie am in die Box stellte, war eine Flasche Weichspüler. „Da mochte ich den Geruch nicht so“, sagt sie. Es folgten eine Flasche blaue Wandfarbe, eine Teekanne, ein paar Topfpflanzen und ein Polohemd. „Alles war am nächsten Morgen weg.“  



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Genauso dürften sich die Erfinder der Givebox das vorgestellt haben. Die Idee stammt von zwei Berlinern, Andreas und Lena heißen sie, der Rest ihres Namens soll ein Geheimnis bleiben. Sie wollen keine Aufmerksamkeit, sie wollen den Menschen das Schenken wiedergeben. Und so zimmerten sie die erste „Givebox“ in Berlin Mitte.  

Die Idee verbreiteten sie über Facebook, mittlerweile sind in Berlin bereits neun Boxen aufgestellt oder geplant. Auch in Wien steht schon eine, in Düsseldorf, Marburg, Hamburg und Köln sucht man noch nach einem passenden Ort.  

Das Konzept scheint aufzugehen. Die Box in der Falckensteinstraße ist gut besucht, es gibt kaum Momente, in denen niemand die Regale nach neuen Eroberungen durchforstet oder selbst ausgediente Gegenstände zum Verschenken vorbei bringt. Die Fluktuation ist hoch, bestätigt auch Vera. „Ich schaue eigentlich jedes Mal, wenn ich vorbeikomme, was es Neues gibt“, sagt Vera. Ihre größte Errungenschaft bisher: zwei Eierbecher aus Edelstahl.  

Das Verwunderlichste an der Box ist vielleicht die Qualität der Geschenke. Kaum einer scheint die Box als Sperrmülltonne zu missbrauchen. „Das ist eigentlich alles sehr liebevoll hier“, findet Vera. „Und ich habe bisher eigentlich nur funktionstüchtige Sachen gesehen, ein Paar Stiefel sah fast neu aus. Es ist ein bisschen wie in einem guten und sehr kleinen Second Hand Laden.“ Eine andere beschenkte Berlinerin konnte ihr Glück kaum fassen: Sie fand ein unabgeschlossenes Fahrrad in der Givebox. Vorsichtshalber hat sie in der Box ihre Telefonnummer und eine Nachricht hinterlassen: „War das Fahrrad wirklich zu verschenken?“  

So langsam kristalliert sich heraus, dass es bei der Givebox um weit mehr geht, als nur ums Schenken und beschenkt werden. An der Pinwand tauscht sich die Nachbarschaft über aktuelle Themen aus. Weil die Box so eng ist, kommen die Leute immer miteinander ins Gespräch. Und irgendwie scheint sich so etwas wie ein gemeinschaftliches Verantwortungsgefühl für die Geschenkekiste entwickelt zu haben. In einer Nacht wurde die erste Givebox von Unbekannten fast komplett auseinander genommen: Die Kleider lagen verstreut auf der Straße, das Regal war herausgerissen und die Geschenke über den ganzen Bordstein verteilt. Nur das Schild mit der Aufschrift „sharing is caring“ hing noch über der Givebox. Am nächsten Tag wurden die Bilder der Zerstörung bei Facebook gepostet – nach wenigen Stunden hatte jemand die Kleiderstange schon wieder angeschraubt und die Gegenstände zurück ins Regal geräumt. Eine Nachbarin kam sogar vorbei, sammelte die verstreuten Kleidungsstücke ein und brachte sie frisch gewaschen wieder zurück.

Die Givebox überrascht eben nicht nur mit den Inhalten ihrer Regale.


Text: julia-siedelhofer - und christian-helten. Fotos: Vera Thomas

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